Skizzen einer Gesellschaftsutopie

Der Mitbegründer von Attac-Österreich, Christian Felber, hat sich mit der „Gemeinwohl-Ökonomie“ das ganz und gar unbescheidenes Ziel gesteckt, „dem notorischen Diskussions-Dilemma ‚Wer gegen den Kapitalismus ist, ist für den Kommunismus’ zu entrinnen und eine konkrete Systemalternative vorzulegen“. Auf knapp über 150 Seiten skizziert er – wie es im Untertitel heißt – „Das Wirtschaftsmodell der Zukunft“.

Felbers Ausgangspunkt für die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein mehrheitsfähiges Wertesystem, in dem Vertrauensbildung, Kooperation, Wertschätzung, Demokratie und
Solidarität das wirtschaftliche Handeln leiten und Konkurrenz, Egoismus, Gier und Rücksichtslosigkeit ersetzen. In seinem inzwischen in sechster Auflage erschienen Buch beschreibt er dazu ein Modell, das sich schrittweise aus dem bestehenden System entwickeln soll. Unternehmen sollen durch ein rechtliches und steuerliches Anreizsystem vom Gewinn- zum Gemeinwohlstreben geleitet werden, weshalb z.B. der fair gehandelte Kaffee im Supermarktregal irgendwann billiger angeboten wird als der unfair gehandelte – worauf dieser vom Markt verschwindet.
Börsen und Finanzkapital werden ebenso abgeschafft wie das Vererben großer Vermögenswerte und vieles anderes mehr, das Felbers so erstrebenswerter gesellschaftlichen Utopie im Wege steht. Sein Konzept geht davon aus, dass es von unten, aus kleinen Einheiten heraus wachsen kann, und er betrachtet es als Beweis für die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges, dass seit der Erstauflage vor einem Jahr, die Zahl der Betriebe, die das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie unterzeichnet haben, von 70 auf 150 gewachsen ist.
Dem Vorwurf, ein unzeitgemäßer Vertreter (vulgär)sozialistischen Gedankenguts zu sein, versucht Felber zu begegnen, indem er sich nicht per se gegen unternehmerisches Privateigentum ausspricht. Kleine Unternehmen bleiben in seinem Modell unangetastet, während „große Unternehmen in dem Maße, in dem sie größer werden, demokratisiert und vergesellschaftet werden“. So könnte die Belegschaft ab 250 Beschäftigten 25 Prozent der Stimmrechte erhalten, ab 500 die Hälfte usw. „Ab 5000 Beschäftigten gehen Unternehmen zur Gänze in das Eigentum der Beschäftigten und der Allgemeinheit über“.
Felber geht davon aus, dass eine derartige Veränderung von der heutigen repräsentativen Demokratie zu einer partizipativen und direkten Demokratie im Wege einer Transformation möglich ist: Im Prinzip gehe es darum, jenen Werten die in den Verfassungen westlicher Demokratien stehen, zum Durchbruch zu verhelfen.
Von den Interessen des Finanzkapitals und deren ökonomischer und militärischer Macht ist ebenso wenig die Rede, wie von jenen, die ihr Vermögen und ihre Konzerne mit mehr als 5000 Beschäftigten an die Gesellschaft abtreten sollen. Das ist naiv, aber vermutlich vorsätzlich naiv. Felbers Gemeinwohl-Ökonomie ist eine Utopie im besten Sinn des Wortes. Lesenswert und anregend. Es ist eine interessante Analyse und gibt viele Anstöße zum Nachdenken und Streiten. Ein Leitfaden auf dem Weg in eine bessere Welt ist es nicht.


Autor: Hannes Schlosser


Christian Felber: Gemeinwohl-Ökonomie – Das Wirtschaftsmodell der Zukunft; 160 Seiten, Deuticke; Wien 2010, 6. Auflage Juli 2011; ISBN 978-3-552-06137-8, 16,40 Euro

 

 


 

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