Von Träumen verfolgt, von der Fantasie getrieben

Manchmal kommt einem die Vergangenheit wie ein Traum vor. Erinnerungen verwischen, gehen über in Vorstellungen, wie es gewesen sein könnte und wie es war doch nie war. Das Thema der Erinnerung und Aufarbeitung der Vergangenheit steht im Vordergrund des Romans „Hinter dem Paradies“ von Mansura Eseddin.

Es wird die Geschichte einer Familie erzählt, die aus dem Nildelta stammt und mit den dörflichen Strukturen wie auch dem wirtschaftlichen Umbruch in eine korrupte, neoliberale Gesellschaft zu kämpfen hat. Ihren Ausgangspunkt findet die Geschichte in der Rückkehr der Tochter Salma aus Kairo. Sie kehrt zurück aufs Land, um ihren Roman fertig zu stellen. Dabei lässt sie Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugendzeit sowie die Konflikte mit der Familie noch mal Revue passieren und reflektiert in diesen Strukturen ihre eigene Rolle.

Salmas Geschichte ist eng geknüpft an die ihrer Jugendfreundin Gamila, zu der sie ein sehr zwiespältiges Verhältnis hat. Sie begegnet Gamila in Träumen, in denen sie die Freundin umbringt, eine abwesende Freundin, die keinen Platz mehr in Salmas Leben hat. Wo einst die große Vertrautheit zwischen ihnen war, hat jetzt die Entfremdung Platz genommen. An einer Stelle beschreibt Mansura Eseddin diese Entwicklung folgendermaßen: „Gamila Sabir war der Fluch, der sie von nun an bis in alle Ewigkeit heimsuchen würde. Sie war ihr Alter Ego, das sich von ihr abgespalten hatte, das sich bedenkenlos auf und davon gemacht hatte.“ Gleichzeitig ist diese Freundin aus Kindertagen Teil Salmas eigener Gegenwart, wird zu einer sich verselbständigenden Kunstfigur in Salmas Roman.
Mansura Eseddin beschreibt diese Vermischung in einem Interview mit Österreich 1 als ein Stilmittel in ihrer Literatur: „Auch in meinen eigenen Werken verbinde ich Fantasie mit realistischen Darstellungen, ich verwebe Träume mit der Wirklichkeit.“
Allen Figuren in ihrem Roman sind verborgene Seiten zu eigen, Familiengeheimnisse werden wie ein Schatz gehütet. Alle versuchen einerseits ihren sozialen Rollen zu entsprechen, andererseits wollen oder können sie sich aber nicht fügen.
Da ist beispielsweise Rachma, Salmas Großmutter, die mit 15 Jahren verheiratet und später zur „Frau mit dem leblosen Mann“ wird. Oder Salmas Tante Lola, die sich aus Verantwortung gegenüber der Familie umbringt, nachdem sie von einem Unbekannten schwanger geworden war.
Und dann ist da noch Badr, die „geistig Zurückgebliebene“, die von ihrem Vater aus Sorge, „jemand könnte ihren Schwachsinn ausnützen“, in Ketten gelegt wird. Um sich aus diesen zu befreien, läuft sie mit 39 Jahren davon.
Der Klang dieser Ketten begleitet Salma bis in die Gegenwart. So wie Badr tragen alle ProtagonistInnen ihre Bürden mit sich und gleichzeitig finden sie Wege, nicht völlig unter ihnen zusammenzubrechen.

Salma versucht, ihren Platz in einer Welt zu finden, die ein Mosaik aus Erinnerungen ist und immer zwischen Wahrheit und Wahnvorstellung, Fantasie und Fiktion schwebt. Dies sind die Themen, aus denen dieses Buch gemacht ist: Freundschaft, gesellschaftliche Konventionen und Rollenerwartungen in Form von Biografien, die sie aus verschiedenen Erinnerungen entwickeln. So wird eine Geschichte erzählt, die an diesem Ort am Nil geschrieben und gelebt hätte werden können.


Mansura Eseddin, Hinter dem Paradies, Unionsverlag 2009, deutsche Ausgabe 2011


Autorin: Sandra Schildhauer

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