Äthiopien – Land Grabbing auf dem Vormarsch

Landwirtschaftlich nutzbarer Boden wird aufgrund von Landnutzungskonflikten, Klimawandel und eines zunehmenden Bevölkerungsdruckes immer mehr zu einer knappen Ressource und rückt somit stärker in das ökonomische Interesse staatlicher und privater InvestorInnen – mit zum Teil verheerenden Auswirkungen.

Im Westen Äthiopiens bieten fruchtbarer Boden, tropisches Klima und ausreichende Verfügbarkeit von Wasser ideale Voraussetzungen für eine landwirtschaftliche Entwicklung, doch trotzdem zählt das Land zu den ärmsten Staaten der Welt, in dem breite Teile der Bevölkerung immer wieder Hunger ausgesetzt sind. Eine der Ursachen dafür ist das so genannte „Land Grabbing“, die großflächige Vergabe von Land an ausländische Unternehmen und InvestorInnen. Von der Verpachtung riesiger Agrarflächen an ausländische Staaten und Konzerne erwartet sich die Regierung einen Modernisierungsschub für das Land. Jahrzehntelange Pachtverträge für Agrarland bis zu 300.00 Hektar werden an internationale Firmen vergeben – auf Kosten von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sowie der lokalen Bevölkerung.

Ein El Dorado für InvestorInnen
Die abgelegene Region Gambela grenzt im Westen an den Südsudan und ist ca. 15 Autostunden von der äthiopischen Hauptstadt Addis Abbeba entfernt. Die positiven naturräumlichen Voraussetzungen sowie politisch-ökonomische Faktoren wie etwa Steuervergünstigungen, niedrige Pachtpreise sowie billige Arbeitskräfte ziehen nationale und internationale Unternehmen an.

Auf einer Fläche, die jener Belgiens entspricht, pachten nach Angaben der Regionalregierung derzeit sieben internationale Firmen (darunter vier indische, zwei chinesische und eine saudiarabische) sowie 300 nationale InvestorInnen äthiopisches Land. Angebaut werden in diesem Gebiet hauptsächlich Schnittblumen, aber auch Baumwolle und Nahrungsmittel, die der Versorgung in den westlichen und asiatischen Industrie- und Transformationsländern dienen.
Der äthiopische Lang Grabbing-Experte Nyikaw Ochalla schätzt, dass in Äthiopien bereits ca. 2,6 Millionen Hektar Land vergeben wurde und dass weitere 1,3 Millionen auf kaufkräftige InvestorInnen warten. Er kritisiert, dass diese Geschäfte hinter dem Rücken der betroffenen Bevölkerung ausgehandelt werden. Anstatt – wie in der Verfassung vorgeschrieben – die betroffene Gemeinschaft zu befragen, wird sie in der Praxis nicht einmal informiert. Für die lokale Bevölkerung erfolgt die Landnahme oft völlig überraschend, von einem Tag auf den anderen werden die Menschen dann aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben. Da es nie eine ordentliche Registrierung für Landbesitz gab, kann der Staat relativ einfach die Flächen für sich in Anspruch nehmen. Dass Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die dieses Land, das sie seit Generationen erhalten und bewirtschaften, als ihr Eigenes betrachten und sie ihrer Existenzgrundlage beraubt werden, scheint kein Hindernis für den Staat zu sein.
Zudem macht Ochalla darauf aufmerksam, dass Projekte die durch ausländische bzw. europäische Entwicklungshilfegelder finanziert wurden ausdienen. „Wenn die Menschen aus ihren Dörfern vertrieben und Felder für Agrarkonzerne angelegt werden, werden die von europäischen Steuerzahlern mitfinanzierten Straßen oder Krankenhäuser obsolet.“

Marginalisierung lokaler Bevölkerung
Eines der größten Land Grabbing-Unternehmen in Äthiopien ist der indische Schnittblumen-Konzern Karaturi, der sich in der Gambela-Region 300.000 Hektar an Agrarland gesichert hat. Ausländische InvestorInnen und die äthiopische Regierung versuchen, diese Geschäfte als positive Entwicklung zu vermarkten, indem sie auf die damit verbundene Nutzbarmachung von Brachland sowie auf die Entstehung von Arbeitsplätzen verweisen.
Diesen Argumenten muss allerdings widersprochen werden, da großteils Weidegründe oder Wälder betroffen sind, die die lokale Bevölkerung seit Jahrhunderten nutzt. Zudem wird kritisiert, dass viele der geschaffenen Arbeitsplätze schlecht bezahlt und saisonal sind und dass bei der Jobvergabe indigene Gruppen der Region benachteiligt werden. Es bleibt zu befürchten, dass die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern durch diese Entwicklungen weiter marginalisiert werden.

Beitrag übersetzt und bearbeitet von Alexander Trupp, 15.02.2012

Petition gegen Landgrabbing von Cultural Survival

Quellen:
Südwind - Interview mit Nyikaw Ochalla, 22.09.2011
Scramble for Ethiopia’s Land, Le Monde, 05 Jan 2012 auf http://farmlandgrab.org/post/view/19985 (von Franzöisch auf Englisch übersetzte Version)

Zum Weiterlesen:
http://www.grain.org/article/entries/4064-land-grabs-threaten-anuak

http://fm4.orf.at/stories/1688288

http://www.tehelka.com/story_main46.asp?filename=Bu250910Ethiopians.asp

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