Stephen Corry: Tribal peoples for tomorrow’s world

Freeman Press Verlag, Alcester 2011, 303 Seiten, ISBN 9781447424130

Eine Rezension von Sandra Schildhauer

 

Über die Zukunft indigener Völker

Das 2011 erschienene Buch „Tribal peoples for tomorrow’s world“ des Survival International Direktors Stephen Corry beschreibt die Lebenssituationen von indigenen Völkern und Stämmen. Er berichtet von den Kämpfen, die sie austragen müssen, um in einer vom Kapital beherrschten Welt überleben zu können.

Die Achtung von Menschrechten ist eine große Aufgabe in einer Zeit, die durch ökonomische Globalisierung und Ausverkauf von natürlichen Ressourcen charakterisiert ist. Sie führt zur alltäglichen Verletzung derer, die nicht der „westlichen Welt“ angehören. Landrechte der indigenen Bevölkerung werden missachtet und ihre Lebensweisen werden entweder als rückständig dargestellt oder es wird immer noch an einem romantisiertes Bild des „edlen Wilden“ festgehalten.
„Tribal peoples for tomorrow’s world“ ist eine Einstiegslektüre zur der Anerkennung indigener Völker und Stämme. Wie werden sie definiert, wie differenziert? Und vor allem: wer hat die Definitionsmacht, wer verfolgt welches Interesse?
Stephen Corry, der sich viele Jahre mit den Lebensweisen indigener Völker beschäftigt hat, bietet in seinem Buch einen Überblick über seine Erkenntnisse und beleuchtet die Hintergründe kolonialer Vorherrschaft. Zunächst nimmt der Autor eine Definition von „indigenen Völkern“ und „Stämmen“ vor. Dabei greift er auf das Selbstverständnis indigener Völker selbst zurück, um einer politischen Vereinnahmung des Begriffs zu entgehen. Bei Stämmen verweist er auf eine gewisse Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen einer sogenannten „zivilisierten Welt“. Gleichzeitig betont er, dass eine Definition niemals als vollständig und absolut gelten könne, sie jedoch notwendig sei, um auf rechtlicher und politischer Ebene argumentieren zu können.
In einem nächsten Schritt beschreibt der Autor in einem kurzen historischen Überblick unterschiedliche Völker auf allen Kontinenten und bringt zahlreiche Beispiele von Kolonisation und Widerstand. Dieser geschichtliche Abriss reicht zurück bis zum Ursprung der Menschheitsgeschichte. Theorien dazu hinterfragt Stephen Corry kritisch, denn jede Forschung ist dem Einsatz von scheinbar unumstößlichen Wissen und damit einem bestimmten Interesse unterworfen. Zum Beispiel „race“, also das Erklärungsmodell für unterschiedliche körperliche Merkmale, wird zu einem Kriterium für Überlegenheit und Ausschluss.
Die Hierarchisierung von Menschen hat auch im wirtschaftlichen Kontext Auswirkungen: Die Ausbeutung von Bodenschätzen sowie der Landraub zum Zwecke der weltweiten Vermarktung nehmen Millionen von indigenen Menschen die Lebensgrundlage. Dies geschieht häufig unter dem Vorzeichen des „greenwash“ von internationalen Unternehmen. Das bedeutet: Scheinbar biologische Produktion gereicht zu einer Verkaufsteigerung, Opfer dieser Tendenzen sind die aus ihren Regionen Vertriebenen. Gleichzeitig haben etwa die Schaffung von Nationalparks und der Regenwaldschutz als Gegenkraft zu klimatischen Veränderungen in die Lebensverhältnisse der indigenen Bevölkerung bedeutsam eingegriffen. Viele werden Opfer von Vertreibungen. Das Verbot von traditioneller Kultivierung des Regenwalds, der dem Ökosystem auch Überlebensvorteile brachte, wird zu einer Gefahr für indigene Völker und Stämme. Diese Situation ist paradox, denn Naturschutz und Lebensgrundlagen für Menschen werden zusammen gedacht, erweisen sich in der Praxis aber doch als Antagonismus.
Die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit der Unterdrückung, den Ansprüchen und Rechten sowie dem Wissen der Völker und Stämme ist zentral. Auch in Zukunft wird die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und Indigenen, die das kapitalistische Wirtschaftssystem durch ihre Lebensweisen in Frage stellen, Thema bleiben. Stephen Corry schließt aus seinen Ausführungen: Die Mächtigen werden weiterhin ihre Macht mit Gewalt verteidigen. Dennoch setzt er auf die Erkenntnis einer Mehrheit in der Bevölkerung, dass Sklaverei, Ausbeutung und Unterdrückung Verbrechen sind. Der Einsatz für die Indigenen hat dabei nichts mit einer Romantisierung von „fremden“ Lebensformen zu tun.
Das Buch lebt von vielen Beispielen aus Stephen Corrys großteils eigenem Erfahrungsschatz. Der Autor gibt einen Einblick in verschiedene Lebensformen und hinterfragt sowohl Regierungsentscheidungen gegen Menschenrechte als auch gut gemeinte Eingriffe wie etwa durch Umweltorganisationen. Das Buch zeigt schön die Komplexität globaler Zusammenhänge auf, es lädt zum Weiterlesen ein.
 

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