Thailand: „Menschenzoos“ als Tourismusattraktion?

Thailand ist die beliebteste Fernreisedestination der ÖsterreicherInnen. Neben den Stränden, der Hauptstadt Bangkok sowie den buddhistischen Tempelanlagen zählen die ethnischen Minderheiten zu einer der Hauptattraktionen des Landes. In diesem Zusammenhang stellen die international vielfach kritisierten und von der UNHCR als „Menschenzoos“ verurteilten Minderheitendörfer, in denen Frauen mit Messingspiralen um den Hals gegen Eintritt zur Schau gestellt werden, eine besonders fragwürdige Attraktion dar.

„Menschenzoos“ aus kolonialer Perspektive
Der Begriff „Menschenzoo“ oder „Völkerschau“ geht zurück auf die späte Ära des Kolonialismus, als in Europa und Nordamerika außereuropäische Bevölkerungsgruppen im Rahmen von Weltausstellungen und anderen Veranstaltungen wie etwa Jahrmärkten oder Volksfesten ausgestellt wurden. In fast allen europäischen Städten fanden Schaustellungen von Indigenen aus Afrika, den Amerikas und Asien großen Publikumsandrang. Dass die Ausgestellten dabei Kleider, Tänze oder Rituale vorzuführen hatten, die gar nichts mit ihrer Kultur zu tun hatten, war zweitrangig. Wichtig erschien es, die BesucherInnen zu unterhalten. Dabei war das oberflächliche Interesse an Differenz, Exotik und Fremdheit gepaart mit der Demonstration von westlicher Überlegenheit gegenüber den formal oder wirtschaftlich beherrschten BewohnerInnen dieser Gebiete. Diese Ausstellungsform endete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die kolonialen Mächte an Einfluss verloren, das Publikum kritischer wurde und sich mit dem Fernsehen eine neue Form der Massenunterhaltung entwickelte.

„Menschenzoos“ im modernen Ethnotourismus
Heute, ca. 100 Jahre später, lassen sich einige dieser neokolonialen Strukturen im modernen Ethnotourismus wiederfinden. In Thailand existieren mehrere sogenannte „ethnische Dörfer“, in denen Frauen ethnischer Minderheitengruppen gegen Eintrittsgeld von nationalen und internationalen TouristInnen bestaunt und fotografiert werden können.

Berühmtestes Beispiel dafür sind die Kayan-Frauen, die in der Tourismuswerbung als „Long-Neck-Karen“ oder „Giraffenhalsfrauen“ bezeichnet werden. Diese Bezeichnungen gehen auf die um den Hals gelegten Messingspiralen zurück, die die Schultern abdrücken und so den Hals lang erscheinen lassen. Der Begriff Kayan ist die Selbstbezeichnung einer ursprünglich in Burma lebenden Minderheitengruppe, die zur Bevölkerungsgruppe der Karen gezählt werden kann. In Burma werden sie meist Padaung genannt und in Thailand mit dem pejorativen Begriff Kariang Koo Yao (Lang-Hals-Karen) bezeichnet.

Die Kayan sind ab den 1980er Jahren vor der Militärregierung in Burma geflohen und leben nun mit unklarem Aufenthaltsstatus in Thailands inszenierten Tourismusdörfern. Die meisten dieser Dörfer befinden sich in den nördlichen Provinzen Chiang Mai und Mae Hong Son. Für die Provinz Mae Hong Son wurden die exotisch anmutenden Bilder der Kayan zum Aushängeschild des Ethnotourismus in der Region. Gleichzeitig jedoch ist es den Frauen gesetzlich verboten, ihre Provinzen und Bezirke in Thailand zu verlassen und anderswo Arbeit zu suchen. Im Mai 2008 organisierte ein thailändisches Tourismusunternehmen die Umsiedlung von Kayan und anderen Karen-Gruppen von Chiang Mai nach Sattahip, um hier, nahe am populären Strand- und Sextourismuszentrum Pattaya, ein „Long Neck Karen Dorf“ für TouristInnen zu eröffnen. Da die umgesiedelten BewohnerInnen keine thailändische Staatsbürgerschaft besitzen und ihr Aufenthaltsrecht auf einen bestimmten Bezirk oder eine Provinz begrenzt ist,, wurde die Hälfte von ihnen im September desselben Jahres verhaftet. Der Tourismusunternehmer, der auch angeklagt wurde, kaufte sich und die Kayan frei und brachte sie als Attraktion zurück ins Tourismusdorf in Sattahip, wo deren Aufenthaltsstatus jedoch bis heute ungeklärt ist. Dies macht das ambivalente Verhalten des thailändischen Staates deutlich, der sich einerseits der touristischen Vermarktung der Flüchtlinge und ethnischen Minderheiten bemächtigt, aber gleichzeitig deren Grund- und Menschenrechte ignoriert. Manche Kayan-Frauen haben aus Protest ihre Messingringe abgelegt und mit Hilfe internationaler Organisationen durchgesetzt, dass ihnen Thailand die Ausreise für die von Neuseeland angebotene Aufenthaltsbewilligung gewährt.

Trotzdem wollen viele Kayan lieber in Thailand bleiben als nach Burma zurückzugehen. Zwar hat in Burma in den letzten Monaten ein für viele ExpertInnen unerwarteter (demokratie)politischer Öffnungsprozess begonnen, doch bis sich die Situation in den oft peripheren Minderheiten- und Grenzgebiete spürbar verbessert, wird es wohl noch dauern. Somit ist die Rückkehr nach Burma für viele Kayan vorerst keine realistische Alternative. Da sie in den thailändischen Tourismusdörfern ausschließlich vom Verkauf von Handarbeiten und Souvenirs, sowie von den Eintrittsgeldern der TouristInnen leben, unterstützen die Kayan selbst den Ruf nach einem Boykott dieser Tourismusattraktionen nicht mehrheitlich.

Beitrag von Alexander Trupp, 29.02.2012

Quelle:
Trupp, Alexander (2011): Exhibiting the ‚Other‘ Then and Now: ‚Human Zoos’ in Southern China and Thailand. In: ASEAS- Austrian Journal of South-East Asian Studies 4 (1), pp. 139-149. Link zum Artikel: http://www.seas.at/aseas/3_2/ASEAS_4_1_A8.pdf

Bild: Alexander Trupp

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