Agrotreibstoffe – Probleme eines weltweiten Booms

Die Nutzung von Agrotreibstoffen aus Nahrungsmitteln oder Futterpflanzen ist seit der Jahrtausendwende Teil der EU-Politik. Im Kontext von Energieknappheit und Klimaerwärmung soll das "grüne Gold" Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringern, CO2-Einsparungen bringen und neue Absatzmöglichkeiten für die Landwirtschaft, sowohl im globalen Norden als auch im Süden, schaffen. Während in zahlreichen Ländern, vor allem in der EU, Beimischungsverpflichtungen geschaffen werden, steigt die Nachfrage nach Agrotreibstoffen stark an. Gleichzeitig werden die negativen sozialen und ökologischen Folgen in den Produktionsländern ausgeblendet.

© Klimabündnis Österreich / pixelio.de

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Im Kontext dieser Entwicklungen nahm die EU mit einem Beimischungsziel von 5,75 Prozent in der EU-Biokraftstoffrichtlinie 2003 eine Vorreiterrolle ein. Bereits damals wurde massive Kritik von Seiten der Wissenschaft sowie von Umwelt-, Menschenrechts- und entwicklungspolitischen Organisationen geäußert, die auf die ökologischen und sozialen Auswirkungen des globalen Agrartreibstoffbooms aufmerksam machten. Trotzdem wurde 2009 mit der EU-Richtlinie für erneuerbare Energien eine verpflichtende Beimischung von zehn Prozent festgeschrieben. Tatsache ist, dass dieses Ziel ohne massive Importe aus dem Ausland nicht erreicht werden kann und die europäische Agrartreibstoffpolitik massive globale Auswirkungen, vor allem auf Länder des Südens, hat. Während sich bei Agrarethanol die Handelsbeziehungen auf Brasilien konzentrieren, das mit 50 Prozent des am Weltmarkt gehandelten Ethanols bei weitem der größte Exporteur ist, bieten sich bei Agrardiesel Malaysia und Indonesien als Lieferanten an. Die beiden südostasiatischen Länder produzieren 85 Prozent des weltweiten Palmöls, das derzeit als billigster Rohstoff für die Produktion von Agrardiesel gilt. Auch andere Länder setzen zunehmend auf die Produktion von Agrartreibstoffen bzw. deren Rohstoffen: Mozambique, Kolumbien, Indien, China sowie zahlreiche zentralamerikanische Länder sind nur einige davon.

Soziale und ökologische Folgen
Ein zentraler Kritikpunkt ist der zweifelhafte Beitrag zur CO2-Reduktion und damit zur Erreichung der Klimaziele. Aufgrund der zunehmenden Nachfrage nach produktivem Land für den Anbau von Energiepflanzen wird in verstärktem Ausmaß Regenwald gerodet, vor allem in Indonesien und Brasilien. Laut Greenpeace hält Indonesien den Negativrekord der höchsten jährlichen Abholzungsrate: zwischen 2000 und 2005 wurden 1,8 Millionen Hektar Wald in landwirtschaftliche Fläche umgewandelt. Zwischen 2001 und 2009 hat sich die Produktion von Palmöl von acht auf 18 Millionen Tonnen mehr als verdoppelt und bis 2020 soll die Erzeugung von Rohpalmöl auf 30 Millionen Tonnen angehoben werden – hauptsächlich für den Export.

Ebenso problematisch sind in vielen Fällen die Auswirkungen für die lokale Landwirtschaft und die Nahrungsmittelversorgung. Energiepflanzen für Agrartreibstoffe werden in großflächigen Monokulturen gepflanzt, kleinbäuerliche Strukturen sowie kollektive landwirtschaftliche Anbaumethoden werden dadurch systematisch zurückgedrängt. Für die globale Ernährungssituation hat das massive Auswirkungen. Zahlreiche Studien bestätigen, dass vor allem der Zugang zu Land und anderen produktiven Ressourcen (Wasser, Saatgut etc.) wesentlich zur Durchsetzung des Menschenrechts auf Nahrung und damit dem physischen und wirtschaftlichen Zugang zu wichtigen Nahrungsmitteln beiträgt. Dass monokultureller Rohstoffanbau nur wenig mit ländlicher Entwicklung bzw. der Durchsetzung von Ernährungssicherheit zu tun hat, zeigt auch ein Beispiel des ehemaligen UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler: Während 100 Hektar Land, die im bäuerlichen Kleinbetrieb bewirtschaftet werden, mindestens 35 Arbeitsplätze schaffen, sind es bei der gleichen Fläche agrarindustrieller Produktion – etwa bei Palmöl und Zuckerrohr – nur zehn, bei Soja gar nur ein halber Arbeitsplatz.

Agrartreibstoffe verschärfen das Hungerproblem
Die enormen Preissteigerungen von Nahrungsmitteln in den letzten Jahren haben das globale Hungerproblem verschärft und müssen mit der Nutzung von Lebensmitteln für die Kraftstofferzeugung in Verbindung gebracht werden. Laut Weltbankberichten stieg der Preis für Weizen im letzten Jahrzehnt um 200 Prozent, der für Mais verdoppelte sich innerhalb weniger Jahre, wobei mindestens 75 Prozent dieser Preissteigerungen auf das Konto der Agrartreibstoffe zurückgeführt werden können. Arme Bevölkerungsschichten in vielen Ländern des Südens wenden die Hälfte bis vier Fünftel ihres Einkommens für Nahrungsmittel auf. Daher haben Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel wie Weizen oder Mais von 100 bis 200 Prozent dramatische Auswirkungen und führten beispielsweise zu Hungerrevolten in Mexiko, Bangladesch oder Haiti. Agrartreibstoffe sind damit wesentlich mitverantwortlich, dass die Zahl der Hungernden weltweit auf über eine Milliarde Menschen anstieg.

Trotz bekannter negativer Auswirkungen wird an den Beimischungsverpflichtungen, sowohl in der EU als auch in anderen Ländern der Welt, festgehalten. Zwar sind in der EU-Richtlinie für erneuerbare Energien Nachhaltigkeitskriterien festgelegt und eine Zertifizierung für Agrartreibstoffe wird diskutiert. Wie allerdings ökologische und vor allem soziale Auswirkungen wie die Vertreibung von Menschen oder die Verdrängung von kleinbäuerlichen Strukturen in der Praxis berechnet und überprüft werden sollen, ist derzeit weiterhin fraglich. Ein Aktivist von Friends of the Earth Indonesia bringt die Problematik der Zertifizierung in einer Presseaussendung auf den Punkt: "Wird Palmöl als nachhaltiges und verantwortungsbewusstes Produkt zertifiziert, fühlen sich KonsumentInnen gut, was wiederum zu höherem Konsum führt. Genau hier liegt allerdings die Wurzel des Problems."


Beitrag redaktionell bearbeitet und gekürzt am 16.03.2012


Quellen:
Pichler, Melanie/Pye Oliver (2012): Wenn die Lösung zum Problem wird: Agrotreibstoffe und der Palmölboom in Indonesien. In: Schneider, H./Jordan, R./Waibel, M. (Hg.): Umweltkonflikte in Südostasien. Pazifik Forum Band Nr. 13. Berlin: Horlemann.

Zum Weiterlesen:
www.fian.at/home/presse-meldungen/pressemeldungen/wir-haben-es-satt-gemeinsam-fuer-eine-neue-agrar-und-ernaehrungspolitik/

derstandard.at/1333528586404/Oeko-Treibstoff-Biosprit-in-Europa-ist-klimaschaedlich

agrotreibstoffe.wordpress.com/category/blog/

www.zeit.de/auto/2012-03/agrotreibstoffe-klima-vertreibung/seite-2

www.greenpeace.org/austria/de/themen/urwaelder/probleme/Abholzung/biotreibstoffe/

www.ak-umwelt.at/4192/4193/4198/4267/4272/

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