Glatt & Verkehrt 2012 - eine Review

Vorigen Sonntag endete das 15te Glatt&Verkehrt-Festival in Krems. Gleichzeitig war es hierzulande (wieder einmal) der weltmusikalische Höhepunkt dieses Sommer. Doch „Höhepunkt“ ist nicht die exakte Beschreibung, denn tatsächlich lieferte das 5-tägige Kern-Festival von Glatt & Verkehrt eine ganze Reihe von musikalischen Höhepunkten.

Nehmen wir zum Beispiel das fulminate Eröffnungskonzert der koreanischen Ausnahme-Sängerin Youn Sun Nah. Begleitet vom schwedischen Gitarristen Ulf Wakenius, der u. a. für Oskar Peterson gespielt hatte, gelang es ihr mit ihrer Stimme das Publikum vom ersten gesungenen Ton an in ihren Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen.

Sehen Sie hier den Mittschnitt dieses ersten Songs („Calypso Blues“ im Original von Nat King Cole):


Nicht anders die großartige Algerierin Houria Aïchi mit dem Strassburger Ensemble L´Hijâz`Car, die die Kultur der Shawia ( = „BerberInnen“ ) vorstellten, modern adaptiert und mit elementarer Wucht. Oder die südafrikanische Musik-Legende Hugh Masekela, der das Festival in jeder Hinsicht grandios beschlossen hat. - Er, der über Siebzig-Jährige, dessen Stimme nach wie vor unglaublich kraftvoll ist und der seinen Auftritt mit einer bewegenden Version seinen Klassikers „Stimela“ krönte.
Der ganze Facettenreichtum des Glatt&Verkehrt-Festivals erschloß sich jedoch erst denjenigen, die wirklich alle fünf Konzert-Tage besuchten. Erst dies ermöglichte es in den ganzen, ungemein vielfältigen Weltmusik-Reichtum einzutauchen, den die Kuratoren Joe Aichinger und Albert Hosp so findig und mutig zusammenstellt hatten. Das waren heuer beispielsweise Konzerte mit authentischer Folklore der Ainu aus Nord-Japan/Hokkaido-Insel (Foto) oder der kubanischen Yoruba-Kultur, die einen einzigartigen Einblick in die durch sie konservierte Musik Westafrikas des 17. Jahrhunders boten. Wenn auch die in einem Konzert folgende Kombination von Yoruba-Gesängen und -Rhythmen mit der Linzer Techno-Formation Elektro Guzzi einen eigentümlich melancholischen Eindruck einer Instrumentalisierung und eines Kultur-Kampfes hinterließ, so ist es doch ein großer Verdienst der Kuratoren, solche Experimente, der Ausgang völlig ungewiss ist, überhaupt erst zuzulassen. Ähnliches gilt für die „Imaginary Folksongs“ des österr. Komponisten Burkhard Stangl, die eine Auftragsarbeit von ö1 und dem Land Niederösterreich waren und beim Glatt&Verkehrt-Festival 2012 zur Uraufführung kamen. Sehr manigfaltig und unter Benutzung vieler Stilmittel vermittelte er mit seinem Ensemble dem Publikum seine ganz persönliche Vorstellungen erträumter Folksongs. Waren die „Imaginary Folksongs“ musikalisch sehr avantgardistisch, so entpuppte sich dem entgegen gesetzt der Auftritt der japanischen „Kiwi & Papaya Sakaki Mangoes“ als schräg-exotisches Pop-Konzert ohne erwähnenswertes Niveau. Allerdings wurde dieser Musik völlig bewußt genauso Platz gewidmet wie dem hervorragenden libanesischen Funk-Jazz-Trompisten Ibrahim Maalouf, dem Atem-beraubenden (wieder einmal!) Solo-Percussionisten Mohammad Reza Mortazavi

 oder Mamadou Diabates Percussion Mania (mit Wolfgang Puschnig im Schlepptau, der herrliche Aspekte beisteuerte) bzw. Fatoumata Diawara, ihres Zeichens afrikanische Songwriterin und Shooting Star aus Mali. Das über fünf Tage Gebotene war teils so außergewöhnlich und wurde auf so hohen Niveau präsentiert, dass daneben Weltstars wie Habib Koite aus Mali oder die berühmte Afro Cuban All Stars von Juan de Marcos fast leicht verblasten. - Wem sich 2013 also der Reichtum des Glatt&Verkehrt-Festivals vollständig erschließen soll, denen sei der ganze Festival-Pass unbedingt empfohlen. Auf das kommende Programm darf man ohnedies bereits schon jetzt gespannt sein. Absolut erfreulich übrigens auch heuer wieder die gesamte Festival-Organisation, von Rauch-frei gehaltenen Konzerten über vorsorgliche Evakuierungsmassnahmen beim Unwetter am Samstag bis hin zum Organisations-Team, dass jederzeit freundlich um Hilfe bemüht war. - Und dass es sich Albert Hosp nicht nehmen ließ, on air auf den Umstand hinzuweisen, dass dem national und international hervorragend ausgezeichnetem Balafon-Musiker Mamadou Diabate noch immer die österreichische Staatsbürgerschaft verwehrt wird, trotzdem er sich seit über einem Jahrzehnt hier lebt – anstatt diesen großen Musiker und Menschen „mit Handkuss“ zu empfangen, wie wir von OneWorldMusic.at ergänzen dürfen.

www.glattundverkehrt.at

Weiters Videomaterial der aufgetretenen KünstlerInnen finden Sie unter http://www.glattundverkehrt.at/festival/videoblog

Autor: Thomas Divis

Fotos: Florian Schulte

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