Die Maras

Bei den Maras sind nach offiziellen Angaben 60.000 Jugendliche assoziiert. Die Maras „lieferten sich lange blutige Schlachten um die Kontrolle von Stadtvierteln. Sie arbeiteten als Auftragskiller und Entführer, kontrollieren den örtlichen Drogenhandel und erpressen flächendeckend Schutzgeld im ganzen Land. Kaum eine Schule, kaum ein Friseur- oder Tante-Emma-Laden, der nicht das bezahlt, was die Maras „renta“ nennen - „Steuern“.“ [17]

Maras sind nach den Worten von Carlos Álvarez, Sänger einer in der Subkultur verwurzelten salvadorianischen Rockband, „nicht nur einfach Kriminelle. Es ist auch eine ganze Jugendkultur, die sich hinter diesem Phänomen verbirgt, mit ihren Codes, Tattoos, weiten Hosen, Musik und Kultobjekten. … Was die Jugendlichen an den Banden so fasziniert, ist das Ambiente, in dem sich die Gruppe bewegt und in dem gemeinsam Erfahrungen gemacht werden. Dort herrscht eine unglaubliche Solidarität. Das ist etwas Einmaliges und für viele Jugendliche sehr anziehend.“ [18]

Angesichts der Tatsache, dass nach offiziellen Angaben 38% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben und die Gesellschaft einer extrem ungleichen Einkommensverteilung ausgesetzt ist, kommt der in den Armenvierteln tätige Salesianerpater José Maria Moratalla zu dem Schluss: „Die Jugendbanden sind eine Rebellion der Armen gegen die Reichen … Die meisten Jugendlichen in diesem Land haben einfach von Anfang an keine Chance, während fünf Familienclans in einem Jahr mehr Vermögen erwirtschaften als die Summe des gesamten Bruttoinlandsprodukts von El Salvador“. [19]

Barrio 18 ist die älteste der Maras. Sie wurde bereits in den 1960er Jahren in Los Angeles als Zusammenschluss von Jugendlichen der Chicanos gegründet, die sich gegen die Aggressionen anderer Gangs zur Wehr setzen mussten. Ende der 1970er Jahre entstand die Mara Salvatrucha aus Kindern von Flüchtlingsfamilien. Die MS-13 hob sich schon äußerlich von anderen Gangs ab. Während Mitglieder von B-18 mit rasierten Köpfen, zu weiten T-Shirts und Hosen und Tatoos herumliefen, orientierten sich die Angehörigen der MS-13 eher am Heavy Metal-Look mit engen schwarzen Hosen, Lederjacken und langen Haaren. Nachdem B-18 und MS-13 zunächst als Verbündete auftraten, kam es schliesslich schon in Los Angeles zum Bruch.

Auch in El Salvador existierten damals Jugendbanden, die sich Maras nannten. Jedoch fehlt den salvadorianischen Maras dieser Zeit die Affinität zur Gewalt, „Mara“ bedeutete schlicht ein umgangssprachliches Wort für informelle Freundeskreise und umfasste Fußballkollegen genauso wie die Jugendgruppe einer Kirchengemeinde. Maras konnten auch aufmüpfige Jugendliche sein, die in der Nachbarschaft umherzogen und den Leuten Streiche spielten. [20] Maras bildeten sich im Kontext der 1980er Jahre, als noch der Bürgerkrieg in El Salvador wütete, bei dem mehr als 75.000 Menschen getötet wurden. Die UN-Wahrheitskommission kam zu dem Ergebnis, dass der Staat und die mit ihm verbundenen paramilitärischen Todesschwadronen für 95% der Toten verantwortlich sind. 100.00e Familien wurden auseinander gerissen, als die Menschen in die USA und andere Länder flüchteten und dabei zum Teil ihre Kinder zurücklassen mussten.
Nach den Friedensvereinbarungen, die Anfang der 1990er Jahre den Bürgerkrieg zwischen der FMLN-Guerilla und dem Militär beendeten, verschärfte die Regierung der USA ihre Asylpolitik und die Abschiebung von papierlosen und anderen SalvadorianerInnen wurde beschleunigt.
Mónica Novoa schreibt: „Aber in den Jahren nach dem Krieg war das Land nicht dazu ausgestattet, um die Abgeschobenen zu integrieren oder um der Jugend im allgemeinen ein Sicherheitsnetz zur Verfügung zu stellen.“ [21] „Wesentlich für diese Generation der Bandenmitglieder war der Zusammenhalt. Die Mara war die Ersatzfamilie, das Stadtviertel, auf dessen Verteidigung heilige Schwüre geleistet wurden, war das Zuhause. Wer eintreten wollte, musste ein Prügelritual über sich ergehen lassen und wurde tätowiert. Sogar ein paar wenige Frauen wurden damals von einzelnen Cliquen aufgenommen. Die Verbindung sollte ein Leben lang halten - wie eine Familie eben. Wer austreten wollte, wurde mit dem Tod bedroht.

Trotzdem waren die salvadorianischen Banden im Vergleich zur MS-13 und zu B-18 in Los Angeles relativ harmlos.
Deren Mitglieder hatten Erfahrung im Drogenhandel, konsumierten Crack und Kokain, waren geübt im Umgang mit Schusswaffen und kannten Gefängnisse von innen.“ [22] Nachdem die USA begonnen hatten, straffällige SalvadorianerInnen verstärkt nach El Salvador abzuschieben, kam es zu einer Vermischung der beiden Mara-Strukturen. „Niemand wartete auf [die Abgeschobenen], niemand kümmerte sich um sie - mit der Ausnahme der heimischen Maras. Von denen wurden die schweren Jungs aus dem Norden bewundert; wegen ihrer Mode, wegen ihrer manchmal sogar im Gesicht getragenen Tatoos, wegen ihres „Spanglish“ genannten Sprachmixes aus Spanisch und Englisch und wegen ihrer Brutalität. So etwas kannte man in El Salvador vorher nur aus Gewaltfilmen im Kino. Die Deportierten waren schnell die neuen Chefs der Maras und führten innerhalb weniger Jahre die autochtonen Banden in die Großverbände von MS-13 und B-18.“ [23] Inzwischen sind aus „den Jugendbanden mit kleinkrimineller Abenteuer-Romantik … in zwei Jahrzehnten mafiöse Strukturen entstanden, deren Grenzen nur noch schwer auszumachen sind.“ [24]
 

Quellen:
[17], [20], [22], [24] http://latinomedia.de/Verhandlungen.html
[18], [19] http://jungle-world.com/artikel/2009/19/34442.html
[21] http://colorlines.com/archives/2012/06/gang_truce_el_salvador.html

 

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