Kiran Nagarkar: Die Statisten

Roman. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. A1 Verlag, München 2012, 633 Seiten, € 28,80

Bombay Ende der 60er: Musik, Hindi-Filme & natürlich Liebe dominieren die Fantasie der Heranwachsenden. Allerdings meldet sich auch die nüchterne Realität kräftig zu Wort.

Kiran Nagarkar (er ist hierzuland vor allen durch seinen Roman „Gottes kleine Krieger“ bekannt) stellte die Hauptprotagonisten dieses Romans, Ravan und Eddie, bereits in seinem gleichnamigen Buch vor einigen Jahren vor. Damals waren sie noch Kinder, schicksalhaft verbunden, und nun werden sie langsam erwachsen. Noch immer leben sie mit ihren Familien in den engen Mietskasernen Bombays, den Shawls, denen sie nur allzu gern entkommen möchten. Es sind die End-Sechziger: Musik, Mädchen und Hindi-Filme bieten ein probates Vehikel für ihre Träume. Träume, die nur allzu verständlich sind, wenn Ravan seinem Job als Taxifahrer nachgeht. Aber auch Eddie hat Grund genug ein besseres Leben zu imaginieren, wenn er sich wieder mal als Muslima mit Burka verkleiden muss, um darunter Schwarzgebrannten in die Flüsterkneipe zu schmugglen, in der er sich als Rauswerfer verdingt. Im ersten Drittel des Buches arbeiten Ravan und Eddie hart an ihren Karrieren als Musiker. Während Eddie allerdings der obercoole Schlagzeuger einer Rockband ist und sich strikt von Musik a la Bollywood abzugrenzen sucht, ist es Ravans großer Traum die Musik der Hindi-Hochzeits-Brassbands zu revolutionieren. Hier erweist sich Autor Nagarkar als sehr versiert in Musikdingen und schiebt tatsächlich auch einen ausführlichen Exkurs über die indische Brass-Tradition ein – dankenswerter Weise muss man sagen, da diesem schrägen Genre außerhalb Indiens kaum Beachtung geschenkt wird. Allmählich gewinnt die Filmindustrie in Ravan und Eddies Vorstellungen für beide aber immer größere Attraktivität und so entschließen sie sich  letztendlich in diese Richtung weiter zu arbeiten. Film-Star werden! Verheißungsvoll lockt diese Aussicht die beiden Talentierten immer weiter in eine nüchterne Realität. Allmählich folgt die desillusionierende Einsicht über ihren tatsächlichen Status: „Wir sind die Statisten, die Et cetera, Et cetera, Et cetera pp.“ - Aber war das wirklich schon alles, Großes Fragezeichen? In die Handlung eingeflochten hat Kiran Nagarkar seine ironische Sicht der pulsierenden Metropole mit all ihren Gegensätzen und Konflikten; zwischen den Religionen, zwischen Mann und Frau, alt und jung, Anstand und Tugend, Star und Statist, Blasmusik und Rockmusik – und am besten alles auf einmal.

Autor: Thomas Divis

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook