Andreas Böhm: Teuflische Schatten. Zwei Frauen gegen die Mara Salvatrucha

Horlemann Verlag, 2011, geb., 297 Seiten

Die 2011 erschienene biografische Erzählung „Teuflische Schatten. Zwei Frauen gegen die Mara Salvatrucha“ des Schweizer Journalisten Andreas Böhm handelt von der Lebensrealität zweier Frauen in einem von Armut, Repression, Krieg und Straflosigkeit gebeutelten Land: Guatemala ...

Das Ausmaß der Gewalt


Die Suche nach Alltag im Schatten der Mara Salvatrucha


Die 2011 erschienene biografische Erzählung „Teuflische Schatten. Zwei Frauen gegen die Mara Salvatrucha“ des Schweizer Journalisten Andreas Böhm handelt von der Lebensrealität zweier Frauen in einem von Armut, Repression, Krieg und Straflosigkeit gebeutelten Land: Guatemala, Reich an Schätzen der einflussreichen Mayakultur, erschüttert durch menschenverachtende Kolonialgeschichte und einem von 1960 bis 1996 währendem Bürgerkrieg. Ein Land, in dem vor allem der indigenen Bevölkerung die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verwehrt bleibt. Diese Perspektivenlosigkeit spiegelt sich in vielen Formen von gewaltvollen Biografien. Jugendgangs, sogenannte „Maras“, fallen durch besondere Gewalt und Gewissenlosigkeit auf und verbreiten sich immer mehr in den Staaten Mittelamerikas. Drogenhandel, Ermordungen und Bandenkriege gehören zum alltäglichen Ausmaß gewaltvoller Verhältnisse.
Andreas Böhm erzählt eindrucksvoll von der Lebensrealität in Guatemala aus der Perspektive einer heranwachsenden Frau namens Sandra, deren Leben bestimmt wird von der Mara Salvatrucha. Diese Jugendbande breitet sich immer mehr in ihrem Heimatdorf Palenciaaus. Ins Blickfeld der Geschichte wird auch die Mutter der jungen Frau gerückt. Somit entsteht das Bild zweier Frauen, die in einem von männlicher Dominanz und jugendlicher Gewalt bestimmten Dorf ihre Stimme erheben und dadurch immer weiter in einen Kreislauf der Gewalt geraten. Ihr Verhältnis zueinander ist dabei stets konfliktreich und spiegelt jugendlichen Trotz und Auflehnung gegen zerrüttete Familienverhältnisse wider, die in einem Land wie Guatemala zu einem Todesurteil führen können.
Das Zusammenleben von Mutter und Tochter ist geprägt von Prügeleien und Versöhnung, Rauswurf und Heimkehr der Tochter, häuslicher Gewaltdurch den Partner der Mutter und Vergessen im Alkohol. Als Sandra fünfzehnjährig schwanger wird von Tino, einem jungen Marero, träumt diese noch von einem glücklicheren Familienleben als das ihr bekannte. Doch die Flucht vor der eigenen Mutter führt sie in noch größere Armut und Gewaltbereitschaft seitens ihres Freundes, der Sandra’s Leben in seine Kontrolle bringt. Nach einem der vielen erfolglosen Versuchen, sich von Tino loszusagen, ergibt sich folgendes Bild ihrer Eindrücke:
„Ich war die Gefangene meiner eigenen Empfindungen, in einem Verlies, in welches ich freiwillig zurückgekehrt war. Und dies alles aus Liebe. Und kam er von der Straße zurück, konnte ich nie wissen, welch dämonischen Gedanken gerade in seinem Gehirn umhergeisterten oder was mich erwartete. Wollte er mich schlagen, war ihm dazu jedes Werkzeug recht: ein Schuh, ein Holzklotz, ein Gurt oder auch die bloßen Fäuste. Zumeist war er noch geistesgegenwärtig genug, meinen Kopf auszusparen. Es galt wohl, allzu sichtbare Spuren seiner Schläge zu vermeiden […] Wie konnte er mich nur derart behandeln, wo er doch so oft beteuerte, mich wirklich zu lieben? Oder schlug er mich, weil er mich liebte? War ich die Schuldige, obwohl ich doch alles für ihn tat?“
Immer mehr erfährt sie über das Leben der Mareros: vom Drogenhandel und Schutzgeldzahlungen, die die Bewohner_innen ihrer Gemeinden und Stadtteile zu entrichten haben, Waffenhandel und Lynchjustiz. Die Gang wird zum einzigen, was zählt. Für einen Marero gilt, „die Gesellschaft abgrundtief zu verabscheuen, die ihm keinerlei Zukunftschancen geboten, ihn ausgeschlossen und mit Füßen getreten hatte“. Er geht einen Pakt mit dem Teufel ein, der ihm Geld, Macht, Drogen undGeld verspricht. Wer die Gang verlassen will, so heißt es, tut dies in einem Sarg oder als „wahrer Christ“.
Sandra kann sich trotz der hohen Gewaltbereitschaft ihres Freundes nicht von diesem lossagen. Ihre Mutter Bernarda beginnt daraufhin ihren Kampf gegen die Mara Salvatrucha und bezahlt dies mit dem Leben. Ihre Unerschütterlichkeit bewegt Sandra, ihren eigenen Weg zu finden.
Welche Erklärungsmuster schaffen sich Menschen, um das Ausmaß an Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen, aber auch einer rassistischen und korrumpierten Exekutive, zu verstehen? Es mag nicht verwundern, dass die Opfer dieser Gewalt, die in diesem Buch vorgestellt werden, den Teufel selbst zum Protagonisten eines blutigen Festzuges machen. Justiz und Polizei, so wird an verschiedenen Stellen deutlich, ist dagegen machtlos und oftmals auch selbst in Verbrechen verwickelt.
In „Teuflische Schatten. Zwei Frauen gegen die Mara Salvatrucha“ erfährt Leser_in von den persönlichen Erfahrungen einer jungen Frau in einem System aus Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Die detaillierte Schilderung von Lebensrealitäten in Guatemala macht dieses Buch zu einer eindrücklichen Lektüre, die auch dadurch von besonderer Wichtigkeit ist, als dass hier eine Stimme zu Wort kommt, die sonst nicht gehört würde. Der Roman ist weder als fundierte Zusammenfassung politischer Ereignisse zu sehen, noch ist er ein moralisierendes Trauerspiel. Vielmehr werden einem hier Menschen, deren Leben alltäglich bedroht ist, näher gebracht. Hierzu zählen auch die Mitglieder der oft gewaltbereiten Maras. Die unfassbaren Ereignisse und die Macht der Gewalt gepaart mit den oft irrationalen Handlungsmustern der Protagonist_innen zeigen, dass in Punkto Menschenrechte noch eine alarmierend große Handlungsnotwendigkeit offen ist.

Autorin: Sandra Schildhauer

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