Presse(freiheit) in Haiti

Kritische JournalistInnen in Haiti müssen, um ihren Beruf nachgehen zu können, mit verschiedenen Schwierigkeiten kämpfen. Die Regierung erfüllt nicht immer ihre Pflicht Meinungs- und Pressefreiheit zu schützen. JournalistInnen stellen sich den Herausforderungen und hoffen auf Verbesserung durch den neuen „Minister of Communication“.(1)

© Andreas Carjell/ www.pixelio.de

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Haiti Inter, Radio Caraibes, Radio Hispagnola und Radio Megastar sind nur wenige von unzähligen Radiostationen in Haiti (2)  – die Antwort auf die nicht repräsentative Medienlandschaft des Landes, denn die sieht in Haiti ansonsten mager aus. Es gibt zwei nationale Tageszeitungen und zwei Wochenzeitungen, die in Französisch erscheinen. Auf Haitianisch, einer Kreolsprache, gibt es keine aktuellen Printmedien, nur wenige Nachrichten lassen sich im Internet finden. Aufgrund von Mangel an Elektrizität und Ressourcen haben nur zehn Prozent der HaitianerInnen Zugang zu Internet und Fernsehen.
Haiti hat mit einer sehr hohen Analphabetenrate zu kämpfen, über die Hälfte der Bevölkerung zeigen Leseschwächen auf und nur 20 Prozent sprechen neben dem Haitianisch auch Französisch. (3)

Rund 80 Prozent der Bevölkerung muss ihr Leben mit zwei US Dollar oder weniger am Tag bestreiten. Viele aber besitzen ein Radio oder haben zumindest die Chance Radio zu hören. Dies macht es zum meist verwendeten Medium, um Nachrichten zu verbreiten: Es ermöglicht den Massen nicht von den täglichen Nachrichten und politischen Ereignissen ausgeschlossen zu werden. Wichtig sind Radioprogramme wie so genannte„calling shows“, in denen die ZuhörerInnen selbst die Möglichkeit haben über politische Parteien und KandidatInnen zu diskutieren.  (4)

Haiti steigt um vier Stellen des Index für Pressefreiheit
Auf der Rangliste des Index für Pressefreiheit 2010-2011 von Reporter Ohne Grenzen steht Haiti an der 52. Stelle. Der Index reflektiert, inwieweit JournalistInnen in einem Land ihren Beruf frei ausüben können. Mit Hilfe eines Fragebogens zu Formen von Gewalt, die sich gegen JournalistInnen und Nachrichtenmedien richten, wird dies ermittelt. Dazu zählen u.a. Morde, Haftstrafen, Bedrohungen und Beschlagnahme von Ausrüstungen. (5)

Doch was bedeutet das für Haiti? Die Lage der JournalistInnen in Haiti hat sich in den letzten Jahren verbessert, laut Index ist Haiti um vier Stellen nach oben gerückt, von Platz 56 im Zeitraum 2009-2010, auf aktuell Platz 52. Es werden weniger Morde und Entführungen an JournalistInnen, die u.a. auch in politischen Zusammenhängen stehen, verzeichnet.
Doch die Berufswahl Journalismus in Haiti bleibt keine einfache: Diejenigen, die sich dafür entscheiden und Kritik an der Regierung üben, setzen sich verschiedenen Risiken aus. Die Nachrichten berichteten in den vergangenen Jahren immer noch über Morde und Entführungen an JournalistInnen. Aber auch Drohanrufe, Kündigungen oder Verhaftungen sind keine Ausnahme bei kritischer Berichterstattung. Sie werden angeklagt, dass sie den Frieden stören (6). Dies hat zur Folge, dass ihnen der Zugang zu relevanten Informationen erschwert wird. Außerdem müssen sie unter prekären Einkommensverhältnissen leben. Diese Umstände beeinflussen das tägliche Leben von JournalistInnen - ihre Arbeit und ihre Freiheit sich unbekümmert zu bewegen.  Viele gehen in der Nacht ungern außer Haus, vermeiden Menschenansammlungen bei öffentlichen Veranstaltungen und berichten über heikle Themen wie Korruption oder Drogenhandel nur in eingeschränktem Maße, aus Schutz vor Repressionen. (7)

Die haitianische Organisation SOS Journalists berichtet von 12 ungelösten Mordfällen an JournalistInnen seit dem Jahr 2000. Nicht selten verhindert die Regierung, dass die StraftäterInnen gefasst werden. Wendy Phele, die 21-jährige Korrespondentin von Radio TéleZénith und Jean Liphèthe Nelson, Geschäftsführer von Radio Boukam und Stellvertreter der Nichtregierungsorganisation „Hands together“ (8) verloren dieses Jahr ihr Leben. Medienberichten zufolge, steht der Mord an Wendy Phele in Zusammenhang mit ihrer politischen Berichterstattung. Anders im Fall Jean Liphèthe Nelson, wo nicht klar ist, ob seine Ermordung unmittelbar mit seiner Arbeit in Verbindung steht. (9) Vertraute des ehemaligen Geschäftsführers sind jedoch davon überzeugt.(10)

Ein neuer Präsident – neue Vorgehensweisen
Seit der Wahl des Präsidenten Michel Martelly im Mai 2011 haben sich die JournalistInnen des Landes wiederholt über seine Haltung ihnen gegenüber beschwert. Sie werfen ihm vor aggressiv und unfreundlich zu sein, Antworten zu verweigern und der Presse den Mund zu verbieten. Zwei problematische Trends lassen sich erkennen: Zum einen verübt die Regierung unter Michel Marelly einschüchternde Maßnahmen gegenüber kritischen JournalistInnen aus: Sie werden bedroht und mitunter wird ihr Equipment zerstört. Zum anderen macht sich eine Hinhaltetaktik der Regierung bemerkbar: Personen, die sich kritisch gegenüber der Regierung äußern, bekommen keine Möglichkeit für Interviews mit Regierungsangehörigen und haben keinen Zugang zu öffentlichen Informationen. (11)
„Eine Gesellschaft, die nicht gut informiert ist, ist eine Gesellschaft, die nicht wirklich frei ist“, stellt der „Inter-American Court of Human Rights“ fest. Der Zugang zu Informationen ist ein fundamentales Element von Transparenz. Präsident Michel Martelly hat jedoch seine eigene Methode dies zu berücksichtigen und gleichzeitig die Presse zu kontrollieren: Er hält zwar mehr Pressekonferenzen ab, als seine Vorgänger und ermöglicht so den JournalistInnen auch den Zugang zu bestimmten Informationen. Diejenigen JournalistInnen aber, die an den Presskonferenzen teilnehmen, müssen ein Formular ausfüllen, welches nicht nur Angaben zur eigenen Person beinhaltet, sondern auch zu EhepartnerInnen, Kindern und NachbarInnen. Auch Social Media spielt eine wichtige Rolle: Auf Facebook und Twitter lässt der Staatschef Nachrichten verbreitet. Die Haltung der meisten JournalistInnen gegenüber diesen Strategien ist aber kritisch. Sie fürchten, dass dadurch auch das Vertrauen der Öffentlichkeit in unabhängige Medien gefährdet ist. (12)

Doch es gibt Hoffnung…
Große Hoffnung wird in den neuen Minister of Communication, Ady Jean Gardy gelegt, der sein Amt im Mai 2012 aufnahm. Er ist der Gründer des haitianischen Presseverbands, welcher eine Schirmorganisation für verschiedene Presseorganisation des Landes ist, sowie der University of Journalism. Der Minister versprach, sich für eine bessere Situation der JournalistInnen und die Pressefreiheit einzusetzen, denn die haitianische Regierung ist verpflichtet die Presse- und Meinungsfreiheit zu schützen und zu unterstützen. Ady Jean Gardys hat zum Ziel die Pressefreiheit zu gewähren und gemeinsam mit den Pressevereinigungen des Landes ein Klima des Vertrauens für die Zivilgesellschaft aufzubauen und zu pflegen. (13)
Inwieweit ihm dies gelingen wird, bleibt abzuwarten.

Beitrag bearbeitet von Julia Krojer, 05.11.2012

Quellen:
(1) Dieser Artikel wurde anlässlich des aktuellen Berichts „Freedom of the Press in Haiti: The Chilling Effect on Journalists Critical of the Government” verfasst. Dieser Bericht basiert auf Interviews mit haitianischen und internationalen JournalistInnen: http://ijdh.org/archives/28588
(2) http://www.unhcr.org/refworld/docid/503c722d28.html
(3,4,7,10-12) http://ijdh.org/archives/28588
(5) http://en.rsf.org/press-freedom-index-2011-2012,1043.html
     Österreich steht an 5. Stelle
(6) http://www.defend.ht/news/articles/media/3361-three-journalists-from-le-nouvelliste-arrested
(8) http://www.handstogether.org/news/2012/two-hands-together-staff-shot-and-killed
(9) http://en.rsf.org/haiti-cite-soleil-in-mourning-for-06-03-2012,42000.html
Weiterführend: http://en.rsf.org/haiti-radio-boukman-resumes-broadcasting-23-03-2012,42182.html
(13) http://www.haitimega.com/Government_Politic-Ady_Jean_Gardy_Minister_of_Communication/84452855669653505/article_88098690737247657.jsp

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