"Indigene Völker müssen nicht „entwickelt“ werden"

Survival ist die einzige Organisation, die ausschließlich der Arbeit für die Rechte indigener und tribaler Völker weltweit gewidmet ist. Linda Poppe ist Koordinatorin von Survival International Deutschland. In Berlin wurde sie von Madeleine Kassar zum Thema indigene Völker, ihre Bedrohungen und Perspektiven interviewt.

Madeleine Kassar: Wofür setzt sich die Organisation Survival International ein?
Linda Poppe: Unsere Organisation setzt sich für indigene Völker ein. Das bedeutet wir setzen uns hauptsächlich für Menschen und deren Landrechte ein, denn die größte Bedrohung für Indigene stellt meistens der Landverlust dar. Werden die Landrechte verletzt, versuchen wir beispielsweise Druck auf Regierungen auszuüben, indem wir eine Unterschriftenaktion ins Leben rufen. Indigene Völker stellen eine Minderheit dar und wir setzen uns dafür ein, dass sie gehört werden.

M. Kassar: Könnten Sie den Begriff „indigene Völker“ genauer erklären? Was verstehen Sie darunter?
L. Poppe: Grundsätzlich existiert keine genaue Definition zu dem Begriff „indigene Völker“. In dem Zusammenhang spricht man aber von bestimmten Eigenschaften, welche man einem indigenen Volk zuschreibt. Indigene sind meistens Nachfahren von Erstsiedlern und lebten bereits vor der Kolonialisierung durch Europäer auf dem Land. Oft identifizieren sie sich selbst mit der Bezeichnung „indigen“ und haben in diesem Zusammenhang auch Unterdrückung und Ausgrenzung erlebt. Ihr Lebensweg unterscheidet sich oft stark von dem der anderen Mitglieder einer Gesellschaft. Bekannte Beispiele indigener Völker sind die Aboriginal-Völker aus dem heutigen Australien oder auch die nordamerikanischen „Indianer“.
Survival International arbeitet mit „Stammesvölkern“, welche größtenteils eine Untergruppe indigener Völker darstellt. Das beinhaltet beispielsweise indigene Völker die als Nomaden oder Jäger und Sammler leben.

M. Kassar: Oft wird behauptet, dass „die westliche Zivilisation“ Verbesserungen des Lebensstandards und des Wohlergehens mit sich bringt. Wie denken Sie blickt die westliche Welt derzeit auf indigene Völker und was versteht die Allgemeinbevölkerung unter einem „indigenen Volk“?
L. Poppe: Viele Menschen werden mit Bezug auf indigene Völker von Vorurteilen geleitet und sie nehmen indigener Völker als rückständig wahr. Dinge, die anders sind und anders gemacht werden als in der industrialisierten Gesellschaft werden mit einem niedrigeren Entwicklungsstandard gleichgesetzt.
Natürlich haben diese Völker auch häufig kein leichtes Leben, aber der Versuch ihnen gegen ihren Willen einen höheren Lebensstandard zu bringen, hatte bisher eher einen gegenteiligen Effekt. Erfahrungsgemäß geht dies nämlich mit dem Verlust ihres Landes, ihrer Lebensgrundlage einher, und endet beispielsweise in größeren gesundheitlichen Problemen wie Diabetes, Depression oder Alkoholmissbrauch. Indigene Völker müssen daher nicht „entwickelt“ werden, wenn „Entwicklung“ bedeutet, dass über ihre eigenen Bedürfnisse hinweg entschieden wird.

M. Kassar: Wie kann man sich das Leben eines indigenen Volks, das nicht isoliert lebt, in der heutigen Zeit vorstellen im Vergleich zu vergangenen Zeiten?
L. Poppe: Angehörige indigener Völker sind wie wir auch Menschen des 21. Jahrhunderts, auch wenn sich ihre Gesellschaften und Lebensweisen von den unsrigen stark unterscheiden können. In der Vielzahl indigener Völker finden sich dabei auch unzählige unterschiedliche Lebens- und Gesellschaftsentwürfe. Es ist schwer eine allgemeine Aussage zu treffen.

M. Kassar: Die Guarani in Brasilien waren eines der ersten Völker, das vor 500 Jahren von den Europäern kontaktiert wurde.  Sie sind bekanntlich spirituelle Menschen und glauben an das „Land ohne Übel“, wo Menschen ohne Schmerz und Leid leben können. Heutzutage haben Farmer  nahezu ihr gesamtes Land verwüstet und ihnen sogar weggenommen, so dass sie heute eingepfercht in Reservaten leben müssen. Zudem leiden sie unter Gewalt, Rassismus, Ausbeutung und Diskriminierung. Wie reagieren die Guarani auf dieses Schicksal?

L. Poppe: Es kommt zu unterschiedlichen Reaktionen. Generell beweisen sie aber Kampfgeist. Es kommt beispielsweise zu Protesten, wo sie ihr Land besetzen und sich kämpferisch zeigen. Dies führt jedoch zu Konflikten mit Farmern auf diesem Land. Leider laufen ihre Versuche oft ins Nichts. Sie sind extrem verzweifelt. Sie wissen, wenn sie auf ihr Land zurückgehen, werden sie von den Farmern wieder verscheucht oder angegriffen.
Andererseits sind sie davon überzeugt, dass sie es schaffen können ihr Land zurück zu gewinnen. Der Guarani-Sprecher Anastácio Peralto reiste sogar nach Deutschland um auf die kritische Situation der Guarani und ihre Landrechte aufmerksam zu machen. Der Landverlust bedeutet für die Guarani eine hohe Selbstmordrate, zerrüttete Familien, Unterernährung und Gewalt.

M. Kassar: Indigene Völker versorgen sich für gewöhnlich selbst. Das Land gibt ihnen also Nahrung und stützt ihre Lebensweise. Somit sind sie abhängig von ihrem Land. Warum schützt die brasilianische Regierung trotz dieser Tatsache die Guarani nicht?
L. Poppe: Die Interessen der Farmer sind mit den Interessen der regionalen Regierung und teils mit der Justiz stark verwoben, was es für die Guarani schwierig macht ihre Rechte durchzusetzen. Ein Beispiel dafür ist ein Mordfall aus dem Jahr 2003. Das Opfer war Marcos Veron, ein Anführer der Guarani, der - als er friedvoll in sein Land zurückkehren wollte - zu Tode geprügelt wurde. Die Staatsanwaltschaft brachte diesen Fall gezielt in einem anderen Bundesstaat vor Gericht, weil ein faires Verfahren vor Ort kaum möglich gewesen wäre. Natürlich gibt es auch Regierungsmitarbeiter, die eine positive Einstellung gegenüber indigener Völker haben und ihre Rechte wahren wollen. Es ist also nicht ganz hoffnungslos.

M. Kassar: Wie können indigene Gemeinschaften nun generell geschützt werden? Worauf muss geachtet werden? Was muss verändert werden?
L. Poppe: Das wichtigste sind ihre Landrechte. Indigene Völker brauchen ihr Land, weil es ihnen den notwenigen Raum zum Leben gibt. Das bedeutet, ihre Landrechte müssen geschützt werden, was international oft nicht eingehalten wird. Sie haben ein Recht auf die „freie, vorherige und informierte Zustimmung“. Sie sollten frei entscheiden können und dazu gehört vorher informiert zu werden, vor allem Zugang zu Informationen zu haben. Daher ist eine unabhängige, kompetente Beratung, bevor sie eine Entscheidung treffen, sinnvoll.

M. Kassar: Im Namen des „Fortschritts“ werden viele indigene Völker zu Veränderungen gezwungen. Sogenannte „Entwicklungsprojekte“ können Menschen zerstören. Welcher Ansatz kann hierbei verfolgt werden, um einem indigenen Volk Nutzen zu bringen und keinen Schaden?
L. Poppe: Grundsätzlich laufen Projekt, die Indigene selbst involvieren oder von ihnen durchgeführt werden - die also ihre Rechte und Wünsche berücksichtigen - besser. Ein gutes Beispiel sind die Yanomami in Brasilien. Sie konnten eine Zeit lang selbst an der Gesundheitsversorgung ihrer Gemeinden mitwirken, indigene Ansprechpartner ausbilden und so einen wirkungsvollen Schutz vor Krankheiten erreichen. Als die Regierung das Projekt übernahm und die Yanomami keine so starke Stimme und Beteiligung mehr hatten, sankt die Akzeptanz des Projektes unter den Yanomami und Gelder versickerten.

M. Kassar: Weltweit gibt es Völker, die für sich entschieden haben, isoliert von der industrialisierten Gesellschaft oder anderen indigenen Völkern zu leben. Diese Völker werden daher als unkontaktiert bezeichnet. Was kann bei dem Versuch der Kontaktaufnahme mit diesen unkontaktierten Völkern passieren?
L. Poppe: Teilweise haben unkontaktierte Völker bereits zu anderen Indigenen Kontakt. Wenn aber Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft eines Landes hergestellt wird, läuft dieser in den meisten Fällen gewaltsam ab. Das liegt daran, dass der Kontakt oft ungewollt, zum Beispiel durch Holzfäller oder Siedler hergestellt wird, die in indigene Territorien eindringen. Von dem wenigen was von diesen Begegnungen bekannt wird, wissen wir leider, dass beispielsweise Holzfällerbanden nicht gerade zimperlich mit Indigenen umgehen. Pfeil und Bogen haben keine große Chance gegen Schusswaffen, es gibt immer wieder Berichte von Tötungen.
Doch das Hauptproblem bei Kontakt, auch wenn er friedlich zu Stande kommt, sind die Krankheiten mit denen die Indigenen in Kontakt kommen. Sie haben häufig keine ausreichenden Abwehrkräfte gegen Krankheiten wie Grippe oder Masern entwickelt. Es ist daher nicht ungewöhnlich, dass von einer ehemals unkontaktierten Gemeinde bis zur Hälfte der Mitglieder in den ersten Jahren verstirbt. Oft trifft dies auch die Älteren, die wichtige Träger des Wissens eines indigenen Volkes sind. Es ist traumatisch. Man sollte keinen Kontakt suchen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

M. Kassar: Vor einigen Monaten war die Schlagzeile „Survival fordert Boykott von „Menschensafaris“  und „Menschensafaris überschatten UN-Welttourismustag“ zu lesen. Können Sie erklären, worum es ging?
L. Poppe: Als Menschensafaris beschreiben wir Touren, bei denen Touristen, wie in einem Safaripark, die Gebiete indigener Völker besuchen, um sie zu sehen und zu fotografieren. Konkret gibt es einen Fall an dem wir arbeiten, der die noch recht isoliert lebenden Jarawa auf den indischen Andamanen Inseln betrifft.  Durch das Gebiet der Jarawa führt eine Fernstraße, die laut Gericht schon längst hätte geschlossen werden sollen. Entlang dieser Straße werden täglich Touristen auf kleinen Touren durch das Schutzgebiet gefahren, teilweise werfen sie den Jarawa Kekse oder Früchte zu, um sie "anzulocken". Es ist entwürdigend und es kam auch schon zu kleineren Autounfällen vor allem mit Jarawa-Kindern. Auch sexuelle Ausbeutung soll ein Problem sein. Wir fordern Touristen auf nicht an diesen Touren teilzunehmen, die Straße nicht zu nutzen. Von den Behörden fordern wir die Schließung der Straße und die Eröffnung einer alternativen Route um das Schutzgebiet.
Wenn man als Tourist mit indigenen Völkern in Kontakt kommen will, gibt es deutlich bessere Möglichkeiten. Einige indigene Völker wie die Penan bieten beispielsweise eigene Touren an und zeigen ihren Lebensalltag.

M. Kassar: Der „westliche Zivilisation“ heften unter anderem Attribute wie „Wissen, Technik und Wohlstand“ an. Was kann die westliche Bevölkerung von  indigenen Völkern lernen?
L. Poppe: Es ist verbohrt zu sagen, man weiß alles. Indigene Völker, die weiterhin auf ihrem Land leben können, wissen beispielsweise viel mehr über ihr Land, über die dort befindlichen Pflanzenarten und Medikamente. Sie wissen wie man mit der Umwelt lebt, weil sie eine Beziehung zu ihrem Land haben und meist über Generationen hinweg eine nachhaltige Lebensweise entwickelt haben, die ihre eigenen Lebensgrundlagen nicht zerstört. Und natürlich stellt jede indigene Gesellschaft eine alternative Art zu leben da und bildet einen Teil der so wichtigen kulturellen Vielfalt.

Mehr Informationen unter: www.survivalinternational.de

Interview geführt und bearbeitet von Madeleine Poppe, Jänner 2013

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