Brisanter Brennstoff Kohle

In Kolumbien boomen die Auslandsinvestitionen und der Export, vor allem von Gold und Bergbauprodukten. Größter Abnehmer für die Steinkohle ist Deutschland. Doch für Mensch und Umwelt hat diese Bonanza großteils nur Nachteile gebracht.

©Sebastian Rötters/FIAN

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Nähert man sich dem kleinen Ort El Hatillo, etwa zwei Stunden südlich von Valledupar gelegen, der Hauptstadt der Vallenato-Musik und des nordkolumbianischen Departements Cesar, bemerkt man eine gespenstische Veränderung der Umwelt. Das ansonsten frische Grün der Bäume, der Palmenkronen, der Sträucher verliert seinen Glanz, und die ganze Lichtskala der Natur erscheint um ein paar Grad heruntergeschalten, als wollte ein futuristischer Maler die Endzeit des Planeten im Bild festhalten.
Auch die Einfahrt in die Siedlung mit ihren 619 Einwohnerinnen und Einwohnern erweckt einen endzeitlichen Eindruck, Tiefe Pfützen erschweren die Durchfahrt; am Rande der Erdpiste Müllablagerungen, in denen Tiere und Menschen nach verwertbarem Abfall suchen. Und der Ort selbst, in dem der europäische Ausländer vergeblich nach einem Zentrum, einem Geschäft, einer Kirche Ausschau hält, scheint verlassen.
Der Motorradfahrer, der mich von der Ortschaft La Loma, der Endstation der öffentlichen Verkehrsmittel, nach El Hatillo bringt, ist einer der Empörten. Auf der ganzen Fahrt macht er mich auf die Missstände aufmerksam und nennt auch die Verantwortlichen: die Minen. Der kleine Ort ist in unmittelbarer Nähe von vier Steinkohleminen umgeben. Selbst in ein paar Hundert Metern Entfernung kann man noch die riesigen LKWs erkennen, die sich in einer Art Mondlandschaft bewegen, schwer beladen mit der schwarzen Kohle. Sieht man sich die Bilanzen der hier tätigen Unternehmen an, wird einem plötzlich die umgangssprachliche Gleichsetzung von Geld mit Kohle verständlich. Die ausländischen Konzerne scheffeln hier Unsummen mit ihren Exporten nach Nordamerika und Europa. Und El Hatillo, dieses verlassene einstürzende Nest am Ende der Welt, könnte eine wohlhabende Kommune sein ...

Im Departement Cesar wurden im Jahr 2011 43 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert. Den Löwenanteil des Riesengeschäftes steckt der US-Konzern Drummond ein, gefolgt von dem Schweizer Multi Glencore und dem brasilianischen Energieriesen Vale sowie dem kolumbianischen Unternehmen CNR, das kürzlich von der US-Bank Goldman Sachs aufgekauft wurde.
Die kolumbianische Kohle ist am Weltmarkt sehr gefragt. Sie ist von hoher Qualität und außerdem sehr leicht, d.h. billig, zu fördern, da die Flöze nur 20 bis 30 Meter unter der Erdoberfläche liegen. Und obendrein sind die nahen Ausfuhrhäfen am Atlantik schnell per Bahn zu erreichen. Die nach der Reaktortragödie von Japan weltweit verstärkten Tendenzen zu einem Ausstieg aus der Atomkraft haben die Nachfrage – und auch die Preise – der Steinkohle stark anwachsen lassen. Nach den USA und Russland ist Kolumbien der drittgrößte Steinkohle-Importeur für Deutschland.

©Sebastian Rötters/FIAN

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El Cerrejón im nordöstlich an Cesar anschließenden Departement Guajira ist nach Eigendefinition der größte Kohle-Tagebau der Welt. Eigentümer ist ein Konsortium aus Global Players im Bergbaugeschäft wie BHP Billington, Xstrata, Anglo American. Von den 89,2 Millionen Tonnen Steinkohle, die im Vorjahr abgebaut wurden, kamen 38 % von Cerrejón.  In Deutschland wird 2018 die letzte Zeche geschlossen; es werden aber neue Kraftwerke gebaut, die mit Importkohle betrieben werden. Zu diesem Zeitpunkt soll die Förderung in  Cerrejón bereits auf 60 Mio t im Jahr ausgeweitet sein. Falls das Betriebsmanagement aus den jüngsten Erfahrungen gelernt hat: Ende November hatte die Minenarbeitergewerkschaft ‚Sintracarbón‘ einen Forderungskatalog mit 51 Punkten unterbreitet, die sich vor allem auf Verbesserungen in den Bereichen Lohn, Arbeiterschutz und -gesundheit, Anstellungsbedingungen und Transport bezogen. Die Firmenleitung stellte sich taub. Bis die Gewerkschaft Anfang Februar zum Streik aufrief, dem 15.000 Arbeiter folgten.  Nach 32 Tagen gab der Konzern nach; es wurde ein neuer Kollektivvertrag unterzeichnet, der den Forderungen der Gewerkschaft großteils entgegenkommt

Die in Kolumbien tätigen Kohle-Unternehmen haben ein Problem gemeinsam, oder zwei: die Menschen, die sich der Absiedlung widersetzen, und die Gewerkschaften in den Betrieben. Die gefräßigen Konzerne dehnen sich immer weiter aus, wollen immer mehr Land mit dem wertvollen Rohstoff. Und auf dem Land über den Kohleflözen leben Menschen.
Die Umsiedlung ist in mehrfacher Hinsicht ein zweischneidiges Schwert. Die Firmen verzögern den aufwändigen Neuansiedlungsprozess, zu dem sie rechtlich verpflichtet sind, in der Hoffnung, dass resignierte Bewohner freiwillig wegziehen und woanders im Land ihr Glück suchen. Bei einigen Gemeinschaften in Cerrejón dauert der Prozess bereits zehn Jahre. Protestaktionen der Bevölkerung werden durch Einsatz staatlicher Sicherheitskräfte niedergeschlagen. Doch selbst wenn die Menschen schließlich in ihre neue Siedlung umziehen können, wie in Nueva Roche bei Cerrejón, so werden sie nicht glücklich. Ihre Tiere können sie nicht mitnehmen, weil dafür kein Land zur Verfügung steht.  Sie können ihr früheres soziales Gefüge nicht mehr wiederherstellen. Und sie sind völlig abhängig vom Unternehmen, da es keine anderen Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten gibt.

„La locomotora energética“: Präsident Santos hat den Bergbau und die Bodenschätze zum Zugpferd der kolumbianischen Wirtschaft erklärt. Allein in der Kohlezone des Departements Cesar möchten die Unternehmen ihre Abbaufläche verdoppen. Tausende Firmen suchen um Ausbeutungsgenehmigungen für Kohle, Gold, Asbest u.a. an. Die Konzessionen werden auch in Gebieten indigener oder afrokolumbianischer Gemeinschaften erteilt, ohne die vom Gesetz vorgeschriebenen Konsultationen mit der eingeborenen Bevölkerung durchzuführen. Und auch die vom Gesetz vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfungen werden nur selten oder mangelhaft durchgeführt.
Allein die Kohlereserven Kolumbiens könnten dem Land für die nächsten 40 bis 50 Jahre an die 6,5 Milliarden Dollar im Jahr erwirtschaften und damit allein an Lizenzgebühren 300 Millionen Dollar einbringen.  Diese versickern allerdings häufig in Politikertaschen. Die Steuerbelastung für die ausländischen Unternehmen ist dennoch sehr gering, der Großteil der Wertschöpfung geht an die Konzernzentralen. Kolumbien hat sich in kurzer Zeit zu einem El Dorado für ausländische Investoren entwickelt; im Vorjahr nahmen die Auslands-Investitionen um 18 % zu – nach Brasilien und Chile der dritte Platz in Lateinamerika. Der Großteil der 46 Millionen Kolumbianer und Kolumbianerinnen  merken von dem Boom jedoch sehr wenig - außer die negativen Begleiterscheinungen.

Autor: Werner Hörtner, 17.6.2013

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