Carlos Sampayo, José Muñoz: Carlos Gardel – Die Stimme Argentiniens

Reprodukt, Graphic Novel, Berlin Juli 2013, 127 Seiten, Großfromat, € 26,60

Carlos Gardel, der erste Superstar des Tangos, wurde quasi zum gemeinsamen Nenner der argentinischen Nation - ohne das sich diese Nation allerdings je darauf einigen konnte, was dieser Nenner tatsächlich beinhaltet. Der wohl beliebteste Literat des Landes, Osvaldo Soriano, meint einmal über Gardel: „Es ist nicht wichtig, was er war, wie er war. Entscheidend ist, was er ist: ein Vorrat an Träumen, Illusionen, Versprechen, Ressentiments. Er ist auch all das, was die Menschen aus ihm gemacht haben.“ und „Wie das Land Argentinien hat Carlos Gardel Schein und Geheimniskrämerei kultiviert.“

Autor Carlos Sampayo und Zeichner José Muñoz, beides gereifte Herren in ihren 70ern, dient Carlos Gardel als Vorlage, anhand der über die argentinische Nation reflektiert und gestritten wird. Den Anlass dazu bietet im Buch eine Diskussion im aktuellen Fernsehen über den Mythos Gardel. Die beiden Diskutanten sind zwei Gardel-Experten. Der eine ein konservativer Intellektueller und der andere ein Linksliberaler. Über die Streitereien der beiden führen die Autoren in das Leben Gardels, eine Zeit die von heftigen Klassenkämpfen geprägt war. Da von Gradel nicht einmal das Wissen über seine Geburtsnation gesichert ist (Argentinien, Uruquay, aber mit größerer Wahrscheinlichkeit Frankreich) läßt sich über ihn sehr trefflich streiten. Etwa wenn Barrasa, der konservative Diskutant meint: „Argentinische Männer sind ausgesprochen maskulin, Doktor Herrera Schartz.“ und Herrera, der Linksliberale kontert: „Ach wirklich? Wieso dann dieser Drang es ständig unter Beweis zu stellen? Außerdem möchte ich sie an die ungeklärte Staatsangehörigkeit des Sängers erinneren.“ Woraufhin im Publikum ein Gast seiner Nachbarin zuraunt „Dieser Kommunist meint wohl Gardel war schwul.“

In diesem Rahmen entwickelt sich zunehmend spannend und gegen Ende hin fast surrealistisch das mögliche Leben des Carlos Gardel, an dessen Fersen sich nicht nur FreundInnen heften... Unterbrochen werden die beiden Handlungsstränge immer wieder durch das kurze Einbinden von Abseitsstehenden, etwa dem Kameramann, der die Fernsehdiskussion überträgt. Als der Diskussionsleiter die Schlussworte zur Sendung spricht, denkt sich der Mann hinter der Kamera schlicht: „Na endlich, ich hab diese Vollidioten so satt.“ - Auch dies eine durchaus erhellender Fußnote zum Thema „nationale Identität“.
Die visuelle Umsetzung der Themata vollbrachte José Muñoz sehr beeindruckend durch eindringliche schwarz-weiß Graphiken. Mit „Carlos Gardel – Die Stimme Argentiniens“ gelang Sampayo und Muñoz tatsächlich ein bemerkenswertes, reifes Kunstwerk.

www.reprodukt.com

Rezensent: Thomas Divis, Sept. 2013

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