Yaşar Kemal: Auch die Vögel sind fort

Unionsverlag, Zürich 2013, Erzählung, 156 Seiten, gebunden, € 12,95

„Ich denke, dass jede Chronik von Istanbul wertlos ist, wenn ihr Verfasser nichts von Floryas Vögeln und ihren Fängern berichten. Schade um ihre Mühe! Ist das Glück von Abermillionen Vögeln, freigelassen im Laufe der Jahrhunderte vor Kirchen, Synagogen und Moscheen, und das Glück der Menschen darüber nicht ein Abenteuer, über das man berichten muß?“

Yaşar Kemal schrieb diese Worte 1978 in seiner Erzählung „Auch die Vögel sind fort“, in der er anhand der Geschichte von drei Kindern in ein Istanbul führt, in das ein modern-urbaner Lebensstil Einzug hält. Seit jeher haben Knaben im Herbst in der Ebene von Florya Vögel gefangen, deren Freiheit für ein geringes Entgelt in der Stadt erkauft werden konnte. Tausende bunte Vögel wurden damals täglich freigesetzt, um auf ihre gnädigen BefreierInnen am Himmelstor zu warten und es für sie zu öffnen. Die Zeiten haben sich geändert und die Florya-Ebene muss Betonbauten weichen, die Zahl der Vögel nimmt ab und der alte Brauch ist ein Auslaufmodell. Die drei Knaben, aus ärmlichen Verhältnisse, mit einem Fuß bereits in der Kleinkriminalität und so jung, dass sie kaum noch je „einem Mädchen die Brüste wachsen liesen“, diese drei Knaben also versuchen es noch einmal, ob sie mit dem Verkauf von selbst gefangenen Vögeln zu Geld kommen können. Dieser Versuch wird zur Allegorie von der Menschlichkeit oder Hartherzigkeit der BewohnerInnen Istanbuls. Als begnadeter Erzähler schrieb Yaşar Kemal diese Geschichte mit eindringlicher Sprache, mit der er selbst noch das Derbe zum Schillern bringt:

„Er legt den Kopf in den Nacken und beschimpfte sie, so laut er konnte, nannte sie Aaskrähen und Scheißvögel und was ihm sonst noch so einfiel.“
„Ja, ich habe sie beschimpft“, sagte Hayri zornig. „Und es ist recht so.“
„Ja, es ist recht so, Hayri.“
Hayri hob den Kopf und schaute mich misstrauisch an, als habe er den Verdacht, ich wolle ihn verspotten.
„Du hast recht getan, Hayri“, wiederholte ich. „So starrköpfige, beschissene Vögel muss man ganz einfach aus vollem Munde beschimpfen.“
Hayris Argwohn schien sich gelegt zu haben.
Der Lange unterbrach mich. „Und die Vögel konnten diese Beschimpfungen nicht ertragen und flogen auf und davon. Hayri redet ja nicht viel, aber in ganz Istanbul gibt es kaum jemanden, der schönere Schimpfwörter kennt als er.“
„Kaum jemanden“, bestätigte Hayri.
„Sein Meister ist Ismail der Ringkämpfer, ein Fischer aus Samatya.“
„Der Lase Ismail aus Samatya“, ergänzte Hayri.
„So starke Schimpfwörter erträgt kein Mensch, und wäre er aus Stein. Wie sollten aber dann die Vögel sie aushalten?“


Yaşar Kemals Erzählung „Auch die Vögel sind fort“ erschien im Original 1978 und wurde eben im Unionsverlag neu aufgelegt.

 

www.unionsverlag.com

Yaşar Kemal auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Ya%C5%9Far_Kemal

Rezensent: Thomas Divis, Sept. 2013

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook