Philippe Otié/Li Kunwu: Ein Leben in China

Band 1: Die Zeit meines Vaters
Band 2: Die Zeit der Partei
Edition Moderne, Comic/Graphic Novel, Zürich 2012/13, 254 bzw. 196 Seiten, je € 24,70

„Ein Leben in China“ ist die Lebensgeschichte von Li Kunwu, gestaltet als autobiographischer Comic. Die Zeit die er behandelt könnte ereignisreicher nicht sein. Li Kunwu wurde 1955 in eine kommunistische Familie geboren, also gerade sechs Jahre nachdem Mao mit seinen AnhängerInnen die Macht in China erobern konnte.

Da der Maoismus über staatliche Einrichtungen wie Kindergärten und Grundschulen vehement Einfluß auf Heranwachsende nahm, erleben die LeserInnen anhand Li's Autobiographie den Alltag im kommunistischen China hautnah mit. Bereits Ende der 50er Jahre wurde die Losung für den so genannten „Großen Sprung“ ausgegeben, eine wohl gemeinte und von der Partei propagierte gesamtgesellschaftliche Anstrengung, durch deren nicht durchdachtes Eingreifen in die Ökosysteme am Ende eine unglaubliche Hungersnot mit Millionen Toten stand. Die LeserInnen erleben mit, wie unter der Losung des „Kommunismus“ eine Gesellschaft entsteht, in der die Individuen sich immer mehr Feind werden. Höhepunkt ist die katastrophale „Kulturrevolution“, welche es ermöglichte, dass fanatisierte Kinder und Jugendliche die übrige Gesellschaft drangsalieren und terrorisieren konnten. Li Kunwu wird als Jugendlicher Soldat werden „Ich war siebzehn und kurz vor dem Abitur... ich wußte nicht so recht, ob ich meinen älteren Kameraden aufs Land folgen sollte, um von den „armen Bauern“ zu lernen, oder ob ich eher Soldat werden sollte. Ich erinnerte mich an eine beliebte Parole unseres Vorsitzenden Mao: „Gibt es keine Volksarmee, dann gibt es nichts für das Volk.“ Also wurde ich Soldat.“ In der Armee wird Li mit Millionen anderen den Schock über den Tod des bislange allgegenwärtigen Mao erleben. Li wird für die Armee Landarbeiter werden, unter Deng Xiaoping eine liberalere Form des Kommunismus kennen lernen, Propagandabilder für Zeitungen schaffen und endlich auch die Liebe kennen lernen.

Li Kunwu, der bereits für die Kommunistische Partei Comics angefertig hat, zeigt in „Ein Leben in China“ exemplarisch, wie fesselnd autobiographische Comics sein können. Li hat sich einem realistischen Stil verpflichtet, die Texte stammen von „Philippe Otié“, das ist der Pseudonym von Philippe Autier. Durch die Comic-Form kann „Ein Leben in China“ auch für EinsteigerInnen zum Thema „Chinesischer Kommunismus“ eine rasche, gelungene Einführung bieten. Die Eindringlichkeit der Schilderung wird aber auch diejenigen fesseln, für die die Thematik nicht neu ist.

Band 3 von „Ein Leben in China – Die Zeit des Geldes“ erscheint dieser Tage. Auch dieser dritte und letzte Band wird Ihnen hier vorgestellt werden.

www.editionmoderne.ch

Leseprobe zu Band 1

Leseprobe zu Band 2

Rezensent: Thomas Divis, Okt. 2013

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