Jeet Thayil: Narcopolis

S. Fischer, Roman, Frankfurt/Main 2013, 279 Seiten, € 23,70

„Es war Heroin, sagte Rumi, und schaute Dimple ohne zu blinzeln in die Augen, schaute sie so unverwandt an, dass sie seinen Blick erwidern musste. Ihr fielen seine ungewöhnlich langen Wimpern auf, wie bei einem Mädchen, doch hätte sie nicht sagen können, von welcher Farbe seine Augen waren, da im Rauch aus den Ohren troff und sich in Wolken um seine Haut sammelte, schwerer Rauch, der ihm aus den Poren zu Boden fiel, die Ecken des Raumes füllte und inwärts drängte. Als der Rauch bis an ihre Lippen stieg, schmeckte sie Gülle, stand auf, ging zur Tür und stürzte blindlings nach unten, aber da wurde der Rauch noch dicker, also floh sie in die andere Richtung, floh an ihrer Tür vorbei, vorbei an Rashids Tür hinauf aufs Dach, von wo aus sie sah, dass die Strasse, die Stadt und womöglich die Welt in ihrer unvorstellbaren Gänze im Rauch ertrank, und obwohl sie zu kaum auszumachenden Gestalten herunterschrie, schrie, bis sie heiser war, konnte niemand sie hören, denn jetzt war der Rauch auch in ihrem Mund, stieg ihr in die Nase und füllte sie mit seinem weißen, lebenden Dampf.“

Jeet Thayil führt uns mit seinem vielbeachteten Debütroman „Narcopolis“ in Opiumlokale in den Slums des alten Bombay in den 60er/70er Jahre. Biographien von SexarbeiterInnen, Süchtigen, Flüchtlingen, Gläubigen und Fanatikern säumen den Weg durch „Narcopolis“. In einem sehr ruhigen, introvertierten Stil schildert Jeet Thayil das Ablösen der Opium-Kultur durch den mörderischen Einzug des Heroins in die Drogen-Szene. Flankiert wird dies durch die Schilderung der zunehmenden religiös-motivierten Gewalt in der Stadt. Man könnte „Narcopolis“ als eine stilistische Mischung aus Christiane F's realistischen „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und Thomas DeQuinceys „Confessions of an English Opium-Eater“ bezeichnen, wobei die stark introspektiv-poetische DeQuincey-Seite überwiegt. Da es dem Buch an Fachvokabular nicht mangelt wäre ein Glossar hilfreich gewesen. Die Übersetzung besorgte Bernhard Robben.

„Salim konnte sich kaum mehr erinnern, wie sich eine Erektion anfühlte, empfand in diesem Moment aber eine große Zuneigung zu Dimple und hätte sie gern gevögelt, ein freundlicher, nostalgischer oder auch zärtlicher Fick. Setz dich, sagte er, und ich erklär es dir. Garad kommt aus Pakistan. Weißt du, was Garad auf Urdu heißt? Müll. Das ist der unraffinierte Dreck, der abfällt, wenn Maal guter Qualität für die reichen Länder produziert wird. Selbst die schlimmsten Junkies in Amerika-Schamerika rühren keine Garad an. Deshalb schicken es die Pakis zu uns. Wir nehmen es ihnen mit Kusshand ab und wollen mehr. Um dem Zeug den besonderen Kick zu geben, vermischen wir es mit noch mehr Dreck und nennen es Chemical. Man könnte das nun eine besondere Gabe nennen, ein Talent, Dreck zu nehmen und daraus noch Schlechteres zu machen. Aber ich sage dir, woran es in Wirklichkeit liegt: Wir sind katharnak Schwesterficker, wir alle hier in der Shuklaji Street; wir haben den Tod verdient und sind nur zu gern bereit, mit der Stirn den Boden zu berühren und zum Gott Garad zu beten. Wir verdienen den Tod. Dimple sagte, er solle für sich sprechen. Ich will nicht sterben, sagte sie, heute nicht.“

Jeet Thayils „Narcopolis“ schaffte es auf die Shortlist des Booker Prize sowie des Man Asian Literary Prize und gewann den DSC Prize for South Asian Literature.

www.fischerverlage.de

Rezensent: Thomas Divis, Okt. 2013

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