Edwidge Danticat: Der verlorene Vater

Unionsverlag, Roman, Frankfurt am Main, 2013, 240 Seiten, € 12,95

Edwidge Danticat erzählt von einer haitianischen Generation, die unter der Diktatur ihre Väter als Vertreter der Milizen bzw. als ihre Opfer verloren hat. Sie erzählt aber auch von Vätern, die ihrerseits ohne Eltern den Weg „verloren haben“. Da ist zum Beispiel die Bildhauerin Ka, deren künstlerische Hauptinspiration ihr Vater ist, der in einem haitianischen Gefängnis war und den sie wie einen Helden verehrte. Jahre später erfährt sie von seiner dunklen Vergangenheit als Folterer... Dann gibt es Dany, der während der Diktatur seine Eltern verliert.

Er lernt zufälligerweise in New York deren Mörder kennen und wird als Nachtredner seinen Kummer nur im Schlaf loswerden können. Oder die Begräbnissängerin Freda: Sie entdeckt ihr Talent, als sie bei der Totenmesse ihres Vaters singt, der ein Fischer war, durch Folter gebrochen, und der eines Tages auf das Meer hinausfährt und nie wieder zurückkehrt. Und dann ist da auch eine Brautkleiderschneiderin, die sich auch noch nach Jahren im Exil von ihrem Peiniger verfolgt fühlt..

Die Thematik des Buches, die Verdrängung und Aufarbeitung einer grausamen Diktatur, ist auch hierzulande keine fremde. Die verwickelten Handlungen spielen sowohl am Schauplatz des ursprünglichen Geschehens in Haiti als auch im New Yorker Exil. Danticats „Der verlorene Vater“ hat keine Hauptfigur, zeichnet sich aber durch eine Perspektivenvielfalt aus, die von der gemeinsamen Geschichte, nämlich der Duvalier-Diktatur, geprägt ist. Neben dem breiten Spektrum an Sichtweisen, springt der Roman auch über verschiedene Zeitebenen und verdeutlicht auf diese Weise, wie traumatisierende Kriegsereignisse, trotz Verdrängung, in den Personen und deren Familien weiterleben.

Edwidge Danticat schafft es in ihrem Roman nahe bei den Menschen und deren Schicksalen zu bleiben, die eine gemeinsame Geschichte teilen und auf unterschiedlichste Weise damit umzugehen lernen, ohne dass sich die Autorin dabei in historische Details oder fein ausgearbeitete Charaktere verliert. Obwohl zu Beginn des Werkes die angeblich interessanteste Geschichte steht, empfiehlt es sich, unbedingt weiterzulesen, denn mit jeder neuen Erzählung entfaltet sich die historische Tiefe dieser grausamen Diktatur, die Einzelschicksale zu einem kollektiven Ereignis gerinnen lässt und schließlich auch die Grenzen zwischen Täter und Opfer verwischt.

www.unionsverlag.com

Rezensentin: Christine Esterbauer, Okt. 2013

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook