Joaquim Maria Machado de Assis: Dom Casmurro

Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Roman, Zürich 2013, 445 Seiten, € 23,60

„Schüttle den Kopf, lieber Leser, und zeige auf alle Arten Deine Ungläubigkeit. Wirf dieses Buch fort, falls dich die Langeweile nicht schon vorher dazu veranlasst hat; alles ist erlaubt.“ - Wer ist dieser sonderbare Autor, der seine LeserInnen mitten im Roman auffordert, sich seines Werkes auf sehr luftige Art & Weise zu entledigen? Susan Sontag nannte Joaquim Maria Machado de Assis den „großartigsten lateinamerikanischen Autor aller Zeiten“.

„Dom Casmurro“ („Herr Eigenbrötler“) erschien bereits 1899, aber die überaus unkonventionelle Erzählform, der de Assis sich bedient, verleiht diesem Roman aus Brasilien auch heute noch ungemeine Frische. „Herr Eigenbrötler“, diese Titulation erhielt der alternde Ich-Erzähler erst neulich, bei einer Begebenheit in der Pferde-Tram. Jetzt siniert er darüber, ob die Bezeichung für ihn berechtigt ist. Er läßt sein Leben passieren, stellt Fragen und Gegenfragen, erzählt und nimmt das eben Gesagte im nächsten Satz schon wieder teilweise zurück. Er macht das im Plauderton, erfrischend prosaisch und im Stil der autobiographischen Bekenntnis-Literatur, sprich Rousseau etc. Vor allem richtet de Assis in seinem „Dom Casmurro“ das Augenmerk auf die kleinen Alltagslügen, die wir alle auch heute kennen: Lügen um gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen und kleine Lügen, die das Leben einfacher machen, zumal wenn man etwas zu repräsentieren hat. Die fest in der Gesellschaft verankerte und im Über-Ich eingenistete Catholica, deren lieber Gott alles sieht, macht das Lügen auch nicht einfacher bzw. bedingt es nur zu oft.
Den Haupthandlungsstrang des Romans bildet die sich aus einer Kinderfreundschaft entwickelnde Liebe des Erzählers mit seiner Freundin und Nachbarin Capitu. Nicht nur äußere Probleme bedrohen ihre Liebe, sondern auch eine nicht zu kleine Portion männliche Eifersucht. Lesen Sie hier, wie Base Justina dem Heranwachsenden das Leben kurzzeitig durch ihre unbedachten, oder aber möglicherweise auch gezielten Worte „Vielleicht turteln sie.“ schwer macht:

Joaquim Maria Machado de Assis

Joaquim Maria Machado de Assis

„Ich brachte sie (die Base) nur deshalb nicht um, weil ich weder Strick, noch Pistole oder Dolch zur Hand hatte. Könnten Blicke jedoch töten, hätte der meine diesen Dienst erwiesen. Einer der Fehler des Schicksals war, dass es dem Menschen lediglich Arme und Zähne als Angriffswaffen sowie Beine zur Flucht und Verteidigung mitgab. Die Augen könnten dem ersten Zweck ebenfalls dienen. Eine einfach Augenbewegung würde den Feind oder Rivalen zu Fall bringen oder blitzschnell Rache ausführen. Hinzu käme, dass das Gericht getäuscht werden könnte, wenn eben diese Augen das Opfer mitleidig beweinten. Base Justina entkam den meinen, aber ich entkam nicht der Wirkung ihrer Mutmaßung, und so eilte ich am Sonntag um elf Uhr in die Rua dos Inválidos.“

In sehr sympathischen Beschreibungen schildert der alte Eigenbrötler seine damaligen Entdeckungen als 15jähriger im Neuland der Liebe. Die vielen kleinen Verwirrungen hinterliesen so starke emotionale Eindrücke, die ihm noch jetzt, beim Niederschreiben seiner Erinnerungen, den Atem anhalten lassen. Dennoch bewegen sich die LeserInnen gemeinsam mit Dom Casmurro auf ein verstörendes Ende zu und lernen ihn so gut kennen, wie es ihnen vielleicht gar nicht lieb ist...

Der herrliche „Dom Casmurro“ von Joaquim Maria Machado de Assis wurde aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Marianne Gareis und mit einem Nachwort versehen von Kersten Knipp.

www.manesse.ch

Foto: Wikimedia Commons

Rezensent: Thomas Divis, Okt. 2013

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