Philippe Otié/Li Kunwu: Ein Leben in China

Band 3: Die Zeit des Geldes
Edition Moderne, Comic/Graphic Novel, Zürich 2013, 269 Seiten, € 24,70

„Ich bin mir bewusst, dass meine Ansichten gerade westliche Leser überraschen könnten, da der vorherrschende Diskurs in westlichen Gesellschaften fundamental anders aussieht. Es geht mir nicht darum, dem offiziellen Diskurs aus Prinzip zu widersprechen. Es geht mir im Gegenteil um ein sehr tief sitzendes Gefühl, das ich mit vielen anderen Chinesen teile. (…) Wer unsere Geschichte der Entbehrungen kennt und versteht, wird wohl begreifen, warum ich mich so sehr nach Stabilität und Ordnung sehne, auf denen unser Aufschwung und unsere Entwicklung beruht.
Und dennoch – jedem seine Meinung… einige werden mir vielleicht widersprechen, weil sie der Ansicht sind, die Menschenrechte seien wichtiger als die Notwendigkeit, sich zu entwickeln. Aber ich möchte diese Diskussion lieber kommenden Generationen überlassen, die nicht derart unbeschreiblichen Qualen ausgesetzt sein werden, wie wir sie lange erdulden mussten.“

Wir haben ihnen die ersten beiden Bände des autobiographischen Graphic Novel des chinesischen Malers und Graphikers Li Kunwu bereits an dieser Stelle vorgestellt. Mit „Die Zeit des Vaters“ bzw. „Die Zeit der Partei“ führte er uns durch das kommunistische China. Mit dem eben erschienenen, letzten Band dieser Trilogie „Die Zeit des Geldes“ kommen wir in der chinesischen Gegenwart, sprich im Kapitalismus, an. Der Titel ist Programm und hier dreht sich fast alles nur mehr um den Erwerb von Geld und noch mehr Geld.
Bereits Ende 1982, am 12. Parteikongress, hatte Deng Xiaoping verkündetet, dass „die Marktwirtschaft (…) durchaus mit dem Sozialismus vereinbar“ sei. Die Umgestaltung der eben erst umgestalteten Gesellschaft wurde fundamental. Der Hauptprotagonist Li Kunwu ist von Beruf Zeitungsreporter. Das ermöglichte ihm über die Jahrzehnte tiefe Einblicke in die chinesische Gesellschaft. Anhand dieser Bekanntschaften, es sind GewinnerInnen wie VerliererInnen, skizziert er das China der Gegenwart. Der französische Texter des Buches Philippe Otié veranschaulicht in seinem Vorwort die Intention und Problemstellung dieses dritten Bandes: „Ich bin nicht Lao Li, aber ich muss mich in ihn hineinversetzen. Ich bin auch kein Chinese, aber ich muss versuchen so zu denken, als wäre ich einer. Ich muss ein Chinese, muss Lao Li werden. Ich muss sein Hirn, sein Herz, seine Seele werden. Ich muss mehr als Lao Li werden, ein Lao Li nämlich, der alle Li, Zhang, Chen Chinas in sich vereint. Ein Lao Li, der sich zur Schau stellt, der die Rolle des Dolmetschers für alle Nicht-Chinesen dieses Planeten übernimmt, die so wenig über China wissen.“ Um diese Aufgabe zu bewältigen wurde die frühere, streng chronologische Gliederung zugunsten einer schlaglichtartigen Beschreibung aufgelöst. Graphisch zeigt sich Li Kunwu diesmal allerdings detailverliebter und akribischer, im Gegensatz zu seinem früheren, dynamisch-luftigen Stil.
Wie seine beiden Vorgänger ist auch Band 3 von „Ein Leben in China“ ungemein lehrreich und künstlerisch bemerkenswert.

www.editionmoderne.ch

Leseprobe

Rezensent: Thomas Divis, Nov. 2013

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