Bauernopfer in Myanmar

Myanmar hat innerhalb kürzester Zeit massive demokratische Reformen eingeleitet, ehemalige Feinde ins Parlament geholt, und freut sich über das Lob westlicher Staaten. Die brodelnden Konflikte zwischen Muslimen und Buddhisten möchte man gerne vom Tisch haben, doch stellen sich gerade hier fundamentale Fragen.

@S.M.

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Myebon, in der Mitte des Bundesstaates Rakhine an der nordwestlichen Grenze Myanmars  gelegen, ist vielleicht das, wie man sich ein verschlafenes Paradies vorstellt: Ein, in eine Bucht gebautes kleines Städtchen, ohne Autos, weil man alles zu Fuss erreichen kann, ein paar Geschäfte und Restaurants, die Fischcurries mit Reis anbieten, dazu Palmen und grüne Hügel hinter den sanften Wellen des Meers. All das inmitten goldener Pagoden, barfüssiger Mönche in dunkelroten Roben im noblen Müßiggang der Tropen.
Zehn Minuten vom Hafen entfernt, bietet sich ein völlig anderes Bild. Zusammengepfercht auf engsten Raum leben fast viertausend muslimische Rohingas, abgeschirmt von Sicherheitskräften und ohne jegliche Bewegungsfreiheit. In brütender Hitze oder im knietiefen Schlamm der Regenzeit verharren jene Bewohner Myebons, die vor über einem Jahr aus ihren Häusern vertrieben wurden. Inzwischen haben ihnen internationale Hilfsorganisationen einfache Unterkünfte und Latrinen gebaut. Die Lagerbewohner werden mit den notwendigsten Lebensmitteln versorgt, einmal pro Woche kommt ein Arzt für ein paar Stunden und zwei Lehrer unterrichten fast 800 Kinder in einer Scheune. Die ehemaligen Fischer haben keinen Zugang zum Meer und können sich nicht mehr selbst versorgen. Blankes Überleben im Ghetto - mehr kann die internationale Gemeinschaft in Myebon nicht sicherstellen.


Fragt man die Stadtverwaltung nach dem Hintergrund der Vertreibung, verweist man gerne auf spontanen Zorn der einfachen Leute. Die Vertriebenen selbst aber sprechen von Todesdrohungen, die sie per SMS oder direkt erhielten, bevor im November 2012 Horden ihre Geschäfte plünderten, Häuser nieder brannten und mit Stöcken auf sie einschlugen. Die Polizei blieb währenddessen passiv und erst auf internationalen Druck hin, wurde die Armee gerufen. Doch selbst ein Jahr nach der Vertreibung werfen die Bewohner Myebons Lebensmittelhilfe für Muslime ins Meer und Hilfsorganisationen brauchen mitunter Polizeieskorten um ins Lager zu gelangen.
Ähnliches passiert im ganzen Land: Städtenamen wie Meiktila und Tahndwe stehen für das, was man in internationalen Kreisen den „mushroom effect“ nennt: Wie die Pilze schießen lokale Konflikte aus dem Boden. Falsches Parken, Streit zwischen Händlern oder ein Fahrradunfall reichen aus, um den Zorn der Massen zu entfachen. Auch hier sah der Staat zu lange weg und agierte zu spät mit Festnahmen und Ausgangssperren. Wie ein roter Faden zieht sich aber eine Erkenntnis durch die Vorfälle: Von Spontanität ist keine Spur, wohl aber ein gezielter Anstieg der Spannungen über Wochen, Drohungen und dann offene Gewalt mit Toten, Verletzten, brennenden Häusern und Vertreibung der Muslime.
Nicht nur die Hilfsorganisationen, auch die diplomatischen Missionen und Beobachter fragen sich, wer hinter diesen Exzessen steht? Wer sitzt am Steuerknüppel der Gewalt, wenn es einen solchen Knüppel überhaupt gibt? Wer will dem Reformprozess schaden, der Myanmar in zwei Jahren mehr verändert hat als man je zu hoffen glaubte? Und dieser positive Wandel ist unbestritten. War der Name der Oppositionsführerin, Aung San Suu Kyi, während der Militärdiktatur aus dem Vokabular schlicht gestrichten, sitzt sie jetzt im Parlament. Die vormals auf Regiemtreue zensierten Zeitungen drucken heute Wort für Wort Interviews mit Generälen ehemaliger Widerstandsarmeen, die mit Kritik an der Regierung nicht geizen. Das Land öffnet sich dem Ausland, der Toursimus boomt, fremdes Kapital kann investieren und 2015 wird es die ersten freien Wahlen geben. Kein Wunder, dass US-Präsident Obama den Fortschritt lobt und die EU nicht nur einen Botschafter ins Land bestellt, sondern auch ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Myanmar, der heimgekehrte Sohn ins Reich der Demokratie und Menschenrechte.
Wer sind die Widersacher? Als erster Verdächtiger drängt sich eine religöse Gruppe um Mönch Bhikkhu Wirathu in den Vordergrund, der vor Wochen auf der Titelseite des Economist als „Das Gesicht des buddhistischen Terrors“ erschien, was in Myanmar Domonstrationen auslöste. Der Begründer und Leiter der national-religiösen „Bewegung 969“ beruft sich auf das Bewahren der buddhistischen Tradition, die er von subversiven Elementen bedroht sieht. Zwar sei man als Buddhist immer friedfertig, „aber neben einem verrückten Hund kann man nicht in Frieden leben“, lautet eines seiner Komentare. Es braucht nicht viel um die offen anti-muslimische Linie zu erkennen, mit der Stimmung gemacht wird. „Kauft bei Buddhisten“ lautet die Losung, die dem angeblichen Plot der Muslime Myanmar zum Islam zu bekehren, einen Strich durch die Rechnung machen soll. Wirathu sieht sich gerne als religöser und nationaler Held, der sich dem muslimischen Ansturm entgegenstellt.
Die enge Verbindung von Buddhismus und Nationalismus ist in Myanmar nicht neu. Von der Unabhängigkeitsbewegung gegen die Briten um 1920, über die offiziellen Pläne der frühen Militärjunta der 1960-er Jahre, die die nationale Identät des Landes in ein rein buddhistisch-burmesisches Bild zwängten, bis in die 1980-er Jahre zogen sich die Visionen, die sich zunehmend auf die Pflicht zur Verteidigung des Buddhismus einpendelten, den man von Außen bedroht sah. Teil dieser nationalen Idee war die politische Isolation der Muslime, allen voran der Rohinga im Bundesstaat Rakhine, denen man 1982 das Anrecht auf die Staatsbürgerschaft entzog. Nun waren diese ausländischen Muslime das erklärte Feindbild einer nationalen buddhistischen Zukunftsvision - und sie blieben es bis heute. Antimuslimisches Denken und Handeln ist „in“ und weiter verbreitet als man es glauben will.


Hiermit kommt ein weiterer Verdächtiger hervor. Man wagt es kaum zu sagen, aber was, wenn die aufkommende Demokratie selbst die Menschenrechte bedroht? Die radikale „Nationale Entwicklungspartei von Rakhine“ weiß aus der allgemeinen Stimmung Kapital zu schlagen. Als unbestrittene Macht in Rakhine werden ihre Mitstreiter nicht nur regelmäßig im Umfeld der Gewalt gegen Muslime gesehen, sondern sie richten sich offen an die Rohingas und verlangen ihre Umsiedelung in ein anderes Land. Die Unterstützung der breiten Massen ist ihnen sicher, denn was ist einfacher als die Schuld für die eigene Misere bei Anderen zu suchen. So abwegig die Umsiedelung von 800.000 Menschen „irgendwohin“ auch erscheinen mag, selbst Präsident Thein Sein hatte 2013 dieselben Aspirationen und schlug vor, die UNO solle sich dieses Problems annehmen.
Was sagt eigentlich die weltbekannte Oppostionsführerin und Menschenrechtlerin Aung San Suu Kyi zum Problem der Vertreibung und systematischen Diskriminierung? Erschreckend wenig. Zwar widersprach sie dem Vorschlag, dass Muslimen nur mehr zwei Kinder erlaubt sein sollten, doch eine aktive Rolle in der Besserstellung der Muslime wird man bei ihr nicht erkennen. Zu offensichtlich wäre das ein vorzeitiges Aus für die Ambitionen erste frei gewählte Präsidentin zu werden.
Apropos Wahlen. Was ist aus dem Militär geworden? Der einst offene Gegner der Menschenrechte in Myanmar hat sich offenbar zu einem mysteriös stillen und fast unsichtbaren Geist entwickelt. Man weiß, dass viele hohe und höchste Beamte einfach die Uniform mit ziviler Kleidung vertauscht haben und sich - wohl gar nicht schlecht - in Demokratie üben. Doch wo sind die alten Seilschaften? Wo sind jene, die sich vor der Wende fürchten mussten? Die Antwort ist einfach: Sie sind noch da, unbeschadet, unbestraft, viele sagenhaft reich, aber eben im Hintergrund. Man hört sie kaum, und muss genau hinter die Fassaden der Wirtschafts- und der Firmenimperien schielen, die sich im Sog der Liberalisierung gebildet haben. Die Zeiten der traumhaften Monopole in denen eine einfache Sim-Card für ein Mobiltelefon fast 2000 Euro kostete und private Kassen füllte, sind wohl ein für allemal vorbei, doch den Sprung in die neue Zeit haben jene Eliten problemlos geschafft. Ist das Militär gar auf einem absteigenden Ast? Nicht ganz, denn inzwischen ruft sogar die internationale Gemeinschaft nicht selten nach der stärkeren Hand des Staates, um die Gewalt einzudämmen. Die Armee ist also zum Friedenserhalter mutiert - und das in Myanmar, in dem Land wo sie noch vor wenigen Jahren als die Reinkarnation des Bösen galt. Will man an diese zufällige Wendung glauben?


Wo bleibt die Diplomatie, mag man fragen, vielleicht hilft Druck von Außen? Gerade im Fall Myanmars wird man fast mit Verwunderung feststellen, mit welcher Klarheit die EU und die USA sprechen. Zwar lobt man die Verbesserungen und Schritte hin zur Demokratie, aber mit nüchterner Präzision werden die systematischen Menschenrechtsverletzungen in Rakhine und die Teilnahme staatlicher Organe an denselben getadelt. Die Regierung Myanmars nimmt dies zähneknirschend zur Kenntnis und verspricht Besserung. Man will international geachtet und gelobt werden, und nicht wieder am Pranger der Menschenrechte stehen. Doch sollte man die Macht der EU und der USA nicht überschätzen, solange Länder wie China, Japan oder Korea in Myanmar heftig investieren und zu den Problemen in Rakhine aber kein Wort verlieren. Und offen gesagt: Welchen Stellenwert will man der lokalen Gewalt geben, wenn fast wie im Gegenzug 65 Millionen Menschen auf ein besseres Leben in einem demokratischen Land hoffen dürfen. Ein Bauernopfer, also?
Den Rohinga in Myebon wird all die Diskussion wenig helfen, denn die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft wird jeden Tag geringer. Ohne kleine Schritte wird es keine großen Schritte geben - und wohl auch umgekehrt. Was bleibt sind Opfer, Täter und Fragen. Klare Antworten bleiben aus.

S.M. aus Myanmar, 18.11.2013

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