Habib Selmi: Die Frauen von al-Bassatîn

Lenos Verlag, Roman aus Tunesien, Basel 2013, 220 Seiten, € 20,50

„Dich bedroht?“ - „Ja, terrorisiert haben sie mich. Einmal ging ich durch die Rue Ibn Khaldoun, da merkte ich, dass mir ein junger Kerl folgte. Erst dachte ich, es wäre irgend so ein Schürzenjäger. Ich kümmerte mich nicht um ihn und setzte meinen Weg fort. Aber nach ein paar Schritten holte er mich ein. Er beugte sich zu mir und zischte, ich wäre aufgedonnert wie 'ne Nutte und ich solle mich gefälligst anständig kleiden. Sonst würden sie mir Schwefelsäure ins Gesicht und über den Hals schütten. Stell dir das mal vor! Die wollen mich mit Säure bespritzen, mich verstümmeln – und warum? Bloss weil ich kurzärmelig gehe. Verbrecher sind das! Ich habe gehört, dass einer von ihnen seine geschiedenen Schwester erstochen hat, weil er sie verdächtigte eine Liebschaft zu haben.“

Taufîk besucht seine Heimat Tunesien für ein paar Wochen. Er ist schon seit seit langem Lehrer in Frankreich und sein letzter Besuch in seiner Heimatstadt Tunis liegt bereits fünf Jahre zurück. Seit damals hat sich die Gesellschaft stark verändert und sein Besuch wird zu einem unangenehmen Eiertanz in der religiös erstarkten, tunesischen Gesellschaft. Die Gattin des Lieblingsbruders etwa verschleiert sich inzwischen freiwillig und fordert Einhaltung der muslimischen Vorschriften allerorts. Ihr kleiner Sohn präsentiert stolz seinen Gebetsteppich und der teure Bruder selbst offenbart sich als Abgrund. Auch in der Öffentlichkeit ist die moralisch-religiöse Überwachung durch allgegenwärtige FanatikerInnen und die Staatsmacht ständig präsent. In diesem repressiven Klima, in dem so gut wie jede sexuelle Regung verboten ist, gedeiht Erotik natürlich hervorragend und so ist auch dieser Roman durchsetzt von ihr. Durchsetzt aber auch von Unbehagen, Angst, Unverständniss und kurzen Momenten der Zärtlichkeit und des Verständnisses.
Autor Selmi wird im Nachwort zitiert mit „Was wir etwas geringschätzig und verächtlich den Alltag nennen, ist die Grundmaterie des Romans (…).“ und tatsächlich folgen die LeserInnen dem Hauptprotagonisten durch seine fremd gewordene Heimat wie durch eine ethnographische Beschreibung. „Die Frauen von al-Bassatîn“, im Original erschienen 2010, ist auch die Beschreibung der tunesischen Gesellschaft kurz vor Ausbruch des so genannten „Arabischen Frühlings“. Der Roman macht verständlich, warum gut ein Zehntel der Bevölkerung ein Leben außerhalb des eigenen Landes bevorzugt und viele andere TunesierInnen ihre eigene Abwesenheit erträumen.

Die Übersetzung und das informative Nachwort besorgte Regina Karachouli.

www.lenos.ch

Rezensent: Thomas Divis, Nov. 2013

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