Alexandra Kollontai:

Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin
MPB – Marxist Pocket Books
Laika Verlag, Hamburg 2012, 99 Seiten, € 8,80

„Die Vorstellung von dem Eigentum erstreckt sich weit über die Grenzen der gesetzlichen Ehe, sie schleicht sich auch in die freien Liebesbeziehungen ein. Die Liebenden beiderlei Geschlechts würden sich, bei aller theoretische Achtung der Freiheit, durchaus nicht begnügen mit dem Bewußtsein der physischen Treue des Liebespartners. Um das ewig drohende Gespenst der seelischen Einsamkeit von uns zu bannen, brechen wir mit einer für die kommende Menschheit unbegreiflichen Grausamkeit und Unzartheit in die Seele des von uns geliebten Wesens ein und machen unsere Rechte auf sein geheimstes geistiges „Ich“ geltend. Der heutige Liebhaber verzeiht unvergleichlich leichter eine physische Untreue als eine seelische, und jedes Teilchen der Seele, das der Ehegenosse außerhalb der Schwelle seines Liebestempels verschwendet hat, scheint ihm ein unverzeihlicher Diebstahl an einem ihm persönlich gehörendem Schatz zugunsten anderer.“

Dieses Zitat illustriert sehr gut die Aktualität Alexandra Kollontais. Es stammt aus ihrer 1918 veröffentlichten, kleinen Schrift „Die Geschlechterbeziehungen und der Klassenkampf“, die ebenfalls in diesem schmalen Band der Reihe „Marxist Pocket Books“ zu finden ist.
Alexandra Kollontai (1872 – 1952) war eine der bedeutensten russischen Revolutionärinnen und herausragende Gestalt der proletarischen Frauenbewegung. Sie stammt aus russisch-finnischen, adeligen Verhältnissen. Ihre Schwester wurde mit 19 Jahren an einen 70jährigen verheiratet.  Kollontai war das selbe Schicksal einer, in ihren eigenen  Worten, „Vernunft- und Verkaufsehe“ zugedacht worden. Dem entzog sie sich durch Heirat mit einem geliebten Menschen, mit dem sie auch ein Kind bekam. Alexandra Kollontai hatte sich bereits mit den Ideen der russischen ArbeiterInnenbewegung beschäftigt, aber erst nach einem Besuch einer großen Textilfabrik mit rund 12 000 Arbeiterinnen im Jahre 1898 entschied sie, sich ganz für die Interessen des Prolatariats einzusetzen. Sie wird Mitglied des Menschewiki-Flügels der Arbeiterpartei, für die sie schreibt und agitiert. Nach der Revolution 1905 wird sich Kollontai immer mehr für die Anliegen der Arbeiterinnen einsetzen, die damals von der Partei nicht beachtet wurden. In jahrelangem Kampf wird es ihr und den Mitstreiterinnen, die sie organisiert, gelingen Frauenanliegen im Parteiprogramm fix zu verankern. Ab 1908 kann sie allerdings nur mehr aus Exilländern, vor allem aus Deutschland, wirken, da ihr im zaristischen Russland ein politischer Prozess droht.
Der Kriegsbeginn 1914 bringt eine starke Zerreißsprobe für alle Arbeiterparteien, da auch diese mehrheitlich für den Krieg stimmen und ihn so auch erst ermöglichen. (Ihr Mitstreiterin Rosa Luxemburg sprach in diesem Zusammenhang völlig zurecht von der Sozialdemokratie als „stinkendem Kadaver“.) Diese konsequenten KriegsgegnerInnen werden sich später abspalten und das wird die Geburtsstunde vieler kommunistischen Parteien werden. Auch Alexandra Kollontai wechselt von den Menschiwiki zu den Bolschewiki um Lenin, da diese die konsequentere Haltung gegen den Weltkrieg vertreten. Nach der  Oktoberrevolution wird sie die erste Frau im Kabinett Lenins werden und sie wird Volkskommissarin, sprich Minister, für soziale Fürsorge: eine unerhörte Position für eine Frau in der damaligen Zeit. Auf Kollontai und ihre MitarbeiterInnen gehen viele revolutionäre, soziale Maßnahmen zurück, die im Ausland ein großes Echo hervorbrachten. Sie wurde dafür von Konservativen im In- und Ausland heftig angefeindet. Später legte Alexandra Kollontai ihr Amt zurück, da sie Entscheidungen ihrer Partei im Zuge des Bürgerkriegs nicht teilte. Nach weiterer Agitationstätigkeit wird sie die diplomatische Vertreterin der jungen Sowjetunion in Norwegen werden – auch das für eine Frau damals eine absolut unerhörte Position.

Alexandra Kollontais „Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin“ wurde von ihr 1926 geschrieben und endet daher zu der Zeit, als sie diplomatische Vertreterin war.
Wer sich, aufgrund des Titels, schlüpfrige Anekdoten erwartet, wird freilich enttäuscht werden: „sexuell emanzipiert“ wird im Sinne von „eine ungebundene Frau, emanzipiert von traditionellen Ansichten und ökonomisch & geistig frei über ihr Leben zu entscheiden“ verwendet. Darin spiegelt sich Kollontais Ideal der befreiten Frau und ihr Streben es zu fördern: „Welche Arbeit ich auch weiter führen werde, so ist es mir vollkommen klar, daß das Ziel der vollkommenen Befreiung der arbeitenden Frau und die Schaffung der Grundlage zu einer neuen sexuellen Moral immer das höchste Ziel meines Wirkens, meines Lebens bleiben wird.“ 

Die „Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin“ und der ergänzende Aufsatz „Die Geschlechterbeziehungen und der Klassenkampf“ sind Zeugnisse einer bemerkenswerten Kämpferin für soziale Gerechtigkeit. Sie wurden herausgegeben von Carolin Amlinger und Christian Baron und mit einem Vorwort versehen von Barbara Kirchner.

www.laika-verlag.de


Rezensent: Thomas Divis, Dez. 2013

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