Das österreichische Spendengütesiegel: Ein Zeichen für Qualität?

Gütesiegel stehen für Transparenz und schaffen Vertrauen. Für soziale Belange und besonders in der Zeit rund um Weihnachten, in der Spendenvolumen ansteigen, ist die Frage berechtigt, ob das Spendegütesiegel tatsächlich zu mehr Transparenz und Vertrauen führt.

KonsumentInnen, die nicht die Zeit oder die Lust haben, alles zu hinterfragen und zu recherchieren, können womöglich durch ein Siegel dazu verleitet werden, besonders gute Qualität in dem „besiegelten Produkt“ zu sehen. Wer spendet, will wissen, ob die Spenden auch wirklich ankommen und zu wie viel Prozent sie dort ankommen, wo man will, dass sie ankommen. Ein Stempel auf einem ins Haus geflatterten Spendenaufruf kann diese Effektivität suggerieren. Aber ist das österreichische Spendegütesiegel ein Garant dafür, dass meine Spende dort ankommt wo ich will? Und dafür, dass so viel wie nur möglich davon ankommt?


Qualitätskontrolle und Ermessen

Das Gütesiegel wurde 2001 in Zusammenarbeit von NPOs (Non-Profit-Organisationen) und der österreichischen Kammer für Wirtschaftstreuhänder geschaffen um - wie es auf deren Homepage heißt - „sparsame Haushaltsführung sowie eine transparente und ordnungsgemäße Verwendung der Spenden nachweisen“ zu können.

Genau dieses Wörtchen „sparsam“ jedoch, lässt sich hinterfragen. Was ist sparsam und wer beurteilt dies? Auf Nachfrage, wie hoch der Prozentsatz der Sparsamkeit mindestens sein muss, sprich wie viel der Spenden nicht vor Ort ankommen muss, da sie für Administration, Personal, Werbung etc. verwendet werden, stellte sich heraus, dass der Prozentsatz, der die Sparsamkeit definiert, nicht festgesetzt ist.

Es gibt ein Prozedere, das Gütesiegel- KandidatInnen durchlaufen müssen, bevor sie nach einer Prüfung und dem Erhalt eines Kooperationsvertrages das kleine rote Symbol verwenden dürfen. Der Abschluss des Kooperationsvertrages dient als Grundlage zur Prüfung der Organisation, die das Siegel bekommen will. Jedoch gibt es laut diesem Vertrag keine prozentuelle Grenze für Werbekosten oder Verwaltungsausgaben. Es liegt im persönlichen Ermessen der Prüferin/ des Prüfers zu beurteilen, ob die NPO die im Vertrag festgelegten Grundsätze der „Wirtschaftlichkeit“ und der „Sparsamkeit“ einhält, und die Ausgaben für Personal, Werbung, etc. angemessen sind. 

Es muss Spielraum geben, um Organisationen je nach ihrer Größe, Etabliertheit und Sektor auch den Raum zu geben, überhaupt bestehen zu können. Etablierte Apparate haben ganz andere Strukturen als kleine Organisationen. Aber dass es gar keine Schwelle gibt, die durch Ausgaben nicht überschritten werden darf, läuft gegen Transparenz und auch gegen die Idee, Vertrauen zu schaffen, dass das Maximum der Spenden vor Ort ankommt.

Der Fragenkatalog, den WirtschaftsprüferInnen im Prozess der Siegelvergabe durcharbeiten müssen, umfasst 350 Fragen. Auch wenn in dem Kooperationsvertrag betont wird, und da sind sich sicher viele in einer NPO Beschäftigten einig, dass Personalkosten, Verwaltung und Werbung wichtig sind, um ordentliche Arbeit zu leisten und Spenden zu akquirieren, so bleibt ein bitterer Nachgeschmack, wenn es hierzu nicht zumindest eine Höchstgrenze gibt.

 

Kampf um Geld und Außenwirkung

Hinzu kommt, dass das Siegel, so gut der Ansatz dahinter auch sein mag, zu Konkurrenz zwischen den NPOs führen kann und sie unter Zugzwang setzt, dieses Siegel zu haben, um für mögliche SpenderInnen attraktiv zu sein. Da kann man argumentieren, dass Wettkampf die Branche belebt.
Gerade viele kleine Organisationen arbeiten daran, das Siegel zu bekommen, während große, namhafte und spendenstarke Organisationen darauf verweisen, dass sie nicht über dieses Gütezeichen verfügen, da der Aufwand und die Kosten die sich dahinter verbergen, keinen zusätzlichen Nutzen bringen würden. Außerdem sind jene großen Organisationen meist schon so lange in der NPO Landschaft zu finden, dass sie über genügend SpenderInnen verfügen, die ihnen Vertrauen entgegenbringen - auch ohne Siegel.
Jede Prüfung muss die Organisation selber zahlen. Das kostet hunderte bis tausende Euro, was sich nicht jeder Verein leisten kann und will. Viele argumentieren, dass dieses Geld in ihren Projekten besser angelegt ist. Besonders ausschlaggebend für kleine, neue Vereine die sich einerseits am Spendenmarkt etablieren und behaupten müssen, und andererseits auch auf die Kosten achten müssen.

Manche Organisationen lassen sich von unabhängigen Wirtschaftsprüfern prüfen, und das schon vor der Einführung des Siegels. Das Spendesiegel ist keine Pflicht, sondern eine freiwillige Selbstkontrolle, und Organisationen ohne Siegel sind nicht gezwungenermaßen weniger vertrauenswürdig, weil weniger transparent oder weil sie „automatisch“ weniger Prozent der Spenden zu ihrem Bestimmungsort bringen. Ganz im Gegenteil, vielleicht verwenden jene NPOs das Budget für Projekte und nicht für Prüfungen. Ein „freiwilliger“ Kontrollmechanismus ist auch die Veröffentlichung von Jahresberichten und Ähnlichem auf der Homepage von Organisationen. Darin können potentielle SpenderInnen schmökern, die Zahlen selber sehen und nachvollziehen, wie viel im vergangenen Jahr, wohin gekommen ist.

 

Drum prüfe, wer sich bindet

Viele SpenderInnen suchen nach „der“ Organisation, „der“ Sache, die unterstützenswert ist und vertrauensvoll erscheint. Am besten schaut man sich genauer um und die in Frage kommenden Organisationen an. Schön, wenn die Spende dann auch noch steuerlich absetzbar ist, so kann man rein rechnerisch mehr spenden.
Die steuerliche Absetzbarkeit, hängt übrigens nicht mit dem Gütesiegel zusammen. Es gibt auch Organisationen, die – nach einer abgabenrechtlichen Prüfung – spendenbegünstigt sind. Das bedeutet, dass es als SpenderIn nicht reicht, sich auf Siegel irgendeiner Art zu verlassen. Nachprüfen und selber entscheiden, was akzeptabel und vertretbar ist und dann zu entscheiden, an welche Organisation man sich durch eventuelle regelmäßige Zuwendungen bindet, ist immer noch notwendig. Da hilft auch das kleine rote Symbol nicht automatisch weiter.

Julia Siart, 23.12.13
Mehr Informationen unter: www.osgs.at

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