Jaques Tardi: Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B

Edition Moderne, Zürich 2013, Graphic Novel, Großformat, 188 Seiten, € 36,00

1,8 Millionen französischer Soldaten gerieten 1940 beim Kampf gegen Nazi-Deutschland in Kriegsgefangenschaft. Einer davon war René Tardi, dessen Geschichte sein Sohn hier schildert. Bemerkeswert ist die Art, wie er das tut, denn er stellt sich in diesem Graphic Novel selbst, als imaginierten Halbwüchsigen, an die Seite seines Vaters. So begleitet er ihn durch sein Leben, läßt sich von ihm die durchlebten Situationen erklären, nicht ohne gleichzeitig unbequemer, aber auch ein, seinen Vater nervender Fragesteller zu sein.

Diese, sehr lockere Art mit Geschichte umzugehen ist nicht nur, trotz des schweren Themas, sehr kurzweilig, sondern sie erlaubt auch das Alltägliche im Ausnahmezustand zu erörtern: was bedeutet es, im Hochsommer in einem Panzer Dienst zu leisten? Wie verrichtet man seine Notdurft beim Transport in einem Viehwagon? Wie war das Leben im Lager in Pommern strukturiert und wie konnte man die Nazis dort am Besten verarschen? - Das Leben im Lager erlaube keine Semtimentalitäten, sagt René Tardi einmal und entsprechend deftig ist auch die verwendete Sprache: „Immer mehr Männer arbeiteten in der Zahlmeisterei. Man steckte uns in ein neues, viel kleineres Büro, wo wir unter der Aufsicht eines Reservisten-Buchhalters standen. Ein paar Wochen hatten wir einen etwa 50-jährigen, äußerst netten Soldaten, der die KG ( = Kriegsgefangenen) sehr gut behandelte und die Arbeiten meist selbst ausführte. Morgens begrüßte er jeden einzelnen von uns und murmelte „Scheißkrieg!“ - SCHEISS-HITLER! SCHEISS-REICH! ALLES SCHEISSE! … antworteten wir. Er schlug sich auf die Schenkel und war zufrieden mit uns. Er hieß Wohlfahrt und kam aus Leipzig. Ein unbeirrbarer Kommunist, der sich nicht versteckte. Ziemlich gewagt, uns dies anzuvertrauen. Er war ein guter Kerl. Von seinem Platz aus konnte Wohlfahrt sehen, ob ein Offizier im Anmarsch war. Wenn die Luft rein war, holte er eine kleine Karte hervor und zeigte uns, wo die Front gerade verlief. Dank unserem Radio waren wir besser informiert als er, aber es war trotzdem nett von ihm. Anschließend zerriss er die Karte in Fetzen.“ Auch in dieser Lager-Schilderung ist aufschlussreich, dass und wie es den Inhaftierten gelang, eine bemerkenswerte, subversive Infrastruktur zu installieren. Diese reichte von selbstgebauten Radios, mit denen BBC empfangen werden konnte, über Fälscherwerkstätten für Dokumente bis zu einer Schnapsbrennerei, die man starten konnte, als das Rote Kreuz den US-amerikanischen Häftlingen in Care-Paketen u. a. Rosinen zukommen ließ. 
Die Schicksale Kriegsgefangener im Deutschen Reich (sie unterscheiden sich übrigens stark nach nationaler Herkunft) werden nach wie vor recht stiefmütterlich behandelt. Jaques Tardi gelingt es mit „Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B“ diese Schicksale, exemplarisch dargestellt anhand der Erlebnisse seines Vaters, besonders pointiert, eindringlich und plastisch darzustellen. Im starken Kontrast zur Tristesse des geschilderten Lagerlebens ist dieses Werk von der ersten bis zur letzen Seite ungemein spannend und darf, muss & soll interessierten LeserInnen unbedingt empfohlen werden! Das Buch endet mit der Räumung des Lagers im Jänner 1945 aufgrund der näherrückenden Roten Armee. Ein Folgeband über den Marsch zurück nach Frankreich ist in Planung.


www.editionmoderne.ch


Rezensent: Thomas Divis, Dez. 2013

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