Impro auf Brasilianisch

Musik und improvisierte Texte sind der Kern des Maracatu in NO-Brasilien. Feminismus und Kritik am System haben die Tradition erneuert.

Farbenpracht der Kostüme

Farbenpracht der Kostüme

Es ist fünf Uhr morgens in Nazaré da Mata, einer Kleinstadt im ländlichen Pernambuco, nahe der Millionenmetropole Recife. 50 Personen marschieren singend und musizierend den erdigen Hügel zu einer Wohnsiedlung hinab. Der Weg ist matschig und die hohen Gräser der Landschaft werden zunehmend von Wellblechhäusern verdrängt. Die meisten tragen schwarze Anzughosen, ein buntes Hemd und einen Stoffhut. Manche halten einen Holzstock in den Händen und bewegen sich rhythmisch zur Musik. Ein paar Andere stolpern betrunken über die ungepflasterten Straßen und ein älterer Mann singt mit heiserer Stimme ein paar Verse auf Portugiesisch. Noch ein letzter Blick zurück zu den Zuckerrohrfeldern, die in der Morgensonne vom Nebel umhüllt sind. Alles wirkt friedlich und ruhig an diesem Februarmorgen im Nordosten Brasiliens.


Musik und Tanz
Zehn Stunden davor trafen sich hunderte Menschen, um zu feiern: Mestre João Paolo lud ein, um gemeinsam mit seinem Maracatu Rural die Nacht durchzumachen. Maracatu Rural bezeichnet ein pernambukanisches Volksspiel, welches karnevaleske Züge trägt und Tanz, Musik und improvisiert vorgetragene Texte verbindet. Während die Blasinstrumente eine monotone Melodie zu dem schnellen Rhythmus der Perkussionisten spielen, tanzt die gesamte Gruppe zur Musik. Dabei begegnen sich oft zwei Menschen, die mit ihrem Stock Angriffe und Verteidigung kunstvoll simulieren. In dieser Zeitspanne schweigt der Sänger und verfolgt das Geschehen. Nach ein paar Minuten bläst er in seine Pfeife und leitet damit seine Gesangsverse ein.
Mestre João Paolos kratzige Stimme wird über einen Lautsprecher verstärkt, der auf einem Pickup, 50 Meter von ihm entfernt montiert ist. Die Musiker hören auf zu spielen und die Gruppe verharrt zuhörend am Boden. Beendet der Sänger seine Verse, beginnen Tanz und Musik von neuem. In der gesamten Region und wohl auch weltweit ist kein anderer Musikstil bekannt, der eine ähnlich klare Trennung zwischen Text und Musik aufweist. Die Performance dauert zwischen 20 Minuten und zehn Stunden. Mestre João Paolo hat diesmal unzählige Gäste zu einer Probe eingeladen. Solche Treffen dienen der Vorbereitung für die vielen Präsentationen und dem Wettbewerb des Karnevals. Der festliche Charakter steht aber im Vordergrund und deshalb sind alle willkommen, die irgendwie an Maracatu Rural interessiert sind. Dazu gehören die Stadtbewohner, regionale Künstler genauso wie eine Handvoll Touristen aus dem In- und Ausland.


Der Lanzenträger
Maracatu Rural bedeutet aber auch Farbenpracht und Kostüme. Während die Proben und Improvisationsduelle unkostümiert aufgeführt werden, verkleiden sich die Teilnehmer, wenn sie sich in anderen Städten präsentieren oder im Karnevalswettbewerb in der Hauptstadt Recife mit anderen Maracatus um den Gruppensieg kämpfen. Neben dem klassischen karnevalesken Hofstaat samt König, Königin, Fahnenträger und Tänzerinnen ist der Maracatu Rural vor allem für eine Figur bekannt: den Lanzenträger (Caboclo de Lança). Eine große Gruppe kann bis zu 80 solcher Krieger haben, die um den Hofstaat und die Musiker kreisen. Die Kostüme sind so aufwendig und detailreich, dass sie oft die  begrenzten finanziellen Möglichkeiten der Teilnehmer übersteigen. Für die Herstellung des Kostüms eines Lanzenträgers sind unzählige Pailletten, Zellophanstreifen, Stoffe und Nähstiche notwendig. Oberhalb der Schultern befinden sich zwei Kuhglocken, die von dem bunten Gewand überdeckt sind.
Während bei den Karnevalspräsentationen und dem Wettbewerb die visuelle Komponente vordergründig ist, sind die lokalen Proben und Improvisationsduelle informeller. Das ganze Geschehen wirkt lockerer, da auch Fehler erlaubt sind. Außerdem finden diese Feste traditionell in der Nacht statt. Ohne den strengen Terminplan und die strikten Zeitbegrenzungen des Karnevals, haben die Sänger viel mehr Freiraum und Zeit, Verse zu improvisieren.

Bis zu zehn Stunden können die Feste dauern.

Bis zu zehn Stunden können die Feste dauern.

Improvisations-Kampf
Improvisieren baut auf viel lokalem Wissen auf. Die Regeln nach denen die Sänger ihre Texte singen, variieren nach Reimschemata und Silbenanzahl. Ein Ursprung findet sich im europäischen Kontext der mittelalterlichen Troubadoure. Im Nordosten Brasiliens gibt es nach wie vor solche Wandergitarristen: Als Cantoría de Viola unterhalten sie ein lokales Publikum mit ihren lyrischen Anekdoten, die von einer zehnsaitigen Gitarre begleitet werden. Der Maracatu Rural wurde von der hoch geschätzten Cantoría beeinflusst und immer professioneller. Während in den Anfängen des Maracatu fast nur zweizeilige Strophen gesungen wurden, gibt es heute mehrere Formen. Eine davon, erinnert aufgrund ihres Reimschemas an ein barockes Sonett und erfordert wegen den Paar- und Kreuzreimen sowie der längeren Silbenanzahl höchste Konzentration. Diese sogenannte Samba de Dez besteht aus zehn Zeilen, worin die Poeten sich inhaltlich ausbreiten können, indem sie kleine Geschichten erzählen. Oft werden darin Persönliches, Politik, Umwelt und soziale Anliegen poetisch verarbeitet. In den kürzeren und schnelleren Strophen ist der Inhalt eingeschränkt. Wenn sich zwei Poeten eine Nacht lang gegenüber stehen, dann sorgen diese kurzen Verse oft für eine aggressive Stimmung mit teils persönlichen Angriffen. Obwohl man sich bei einem Improvisationsduell zwar vorbereiten kann, ist es unmöglich ein Repertoire für sechs Stunden einzustudieren. Außerdem sollte man auf die Aufforderungen seines Gegenübers einsteigen und sich vor allem nicht wiederholen. Nach so einer langen Performance steht meistens fest, wer als Sieger hervorgeht und beide verabschieden sich mit freundschaftlichen Worten. Bei Proben steht nur ein Sänger vor dem Mikrofon und fordert nach einer halben Stunde andere Poeten zum Texten auf. Die freundschaftliche Atmosphäre ist vordergründig und es geht darum, die Zuhörer zu unterhalten.


Zuckerrohr und Sozialstruktur
An diesen feierlichen Abenden fließt auch immer reichlich Cachaça, der Zuckerrohrschnaps, der aus der Region stammt. Das Gebiet rund um Recife (Zona da Mata) war einst von einem dichten Regenwald überzogen, bis die portugiesischen Kolonialherren begannen, das für sie unkultivierte Land wirtschaftlich zu nutzen. Binnen hundert Jahre verwandelte sich die vielseitige Fauna und Flora in Monokulturland. Großgrundbesitz und die Sklaverei bestimmten die soziokulturellen Verhältnisse. Bis heute haben sich die strukturellen Bedingungen erhalten, nur mit dem Unterschied, dass die lokale Bevölkerung heute in Fabriken arbeitet. Das Verhältnis Gutsherr und Leibeigene ist durch ein kapitalistisches Arbeitnehmerverhältnis ersetzt worden. Zwar sind viele Arbeitsprozesse mittlerweile mechanisiert, trotzdem ist Handarbeit nach wie vor nötig. Zum Aufklauben der Zuckerrohr-Reste bekommen die ArbeiterInnen Handschuhe, Stiefel und eine Brille, die sie sechs Tage die Woche für vier Monate tragen. Dilma - die Prinzessin (rainha) eines Maracatu - erzählte mir von ihrer Arbeit auf den Feldern, während sie mir am Wegrand zeigt, wie man das Zuckerrohr mit der Machete abschneidet, um so an den süßen Saft zu gelangen. Als ich sie nach ihren Ernährungsgewohnheiten frage, scherzt sie, dass heutige Mittagessen sei ein anderes als das am Vortag gewesen, weil es dieses Mal salziger schmeckte. Trotzdem ist sie froh, für kurze Zeit im Jahr ein regelmäßiges Einkommen zu haben, da die Arbeitslosigkeit hoch ist. Abgesehen von diesen Kurzarbeiten gibt es nicht viele Möglichkeiten Geld zu verdienen. Einige davon bieten sich zum Karneval an, wenn aus den Feldarbeitern, Maurern und Straßenverkäufern für kurze Zeit gefragte Künstler werden.


Frauen und Maracatú
Seit den 1990er Jahren gab es eine generelle Aufwertung der regionalen Musik, die von den Politikern im multikulturellen Karneval von Pernambuco vermarktet werden. Multikulturell bezieht sich hier nicht auf ein internationales Aufgebot, sondern spielt auf die Selbsteinschätzung Brasiliens - als multiethnisches Land - an. Indigene, Afrikaner und Europäer gelten als die drei Ursprünge, die kategorischer Ausgangspunkt des sich ständig im kulturellen Wandel befindenden Landes. Der Nordosten verkörperte jeher eine vorkapitalistische Vergangenheit, die für eine authentische Musik steht. Diese scheinbar unangetastete Tradition wird jährlich im Karneval zelebriert. Was dabei ausgelassen wird, ist der ständige Wandel und die Neuinterpretation der Musik durch deren Interpreten. So war der Maracatu Rural zur Zeit seiner Entstehung (ca. 1900) bis in den 1990er Jahren ein männerdominiertes Musikspiel. Weder Kinder noch Frauen wurden in einer Gruppe akzeptiert und gewaltsame Übergriffe, zweier sich konkurrierender Gruppen, endeten oft mit Schwerverletzten oder sogar Toten. Einer Legende zufolge, kann man heute einen Friedhof der Lanzenträger besuchen, wo angeblich viele dieser Kämpfer begraben liegen. Die Texte der Sänger waren anfänglich auch nicht improvisiert und hatten nur sehr wenig formelle Vorgaben. Ein Großteil der Teilnehmer konnte außerdem weder schreiben noch lesen. Erst durch die langsame Einbindung in den offiziellen Karneval der Hauptstadt, mussten die Künstler ihr Selbstbild zunehmend ändern. Die Teilnahme an den lukrativen Präsentationen und Wettbewerben war an gewisse Forderungen der Karnevalskommission geknüpft. Dazu gehörten die Einbindung von Frauen und Kindern sowie die Beseitigung physischer Gewalt. Diese Veränderungen wurden aber nicht nur von oben diktiert, sondern auch von den Künstlern diskutiert. Durch die starke Migration in die Hauptstadt entwickelte sich ein Dialog zwischen städtischen und ländlichen Perspektiven. Gegenwärtig gibt es einen Maracatu für Kinder und Jugendliche und auch einen reinen Frauen-Maracatu. Letzterer ist ein wenig problematisch, weil sich die Akzeptanz neuer Rollenverteilung noch nicht durchgesetzt hat. Klassisch besetzte Bereiche, wie Gesang und die Lanzenträger, werden nach wie vor von Männern dominiert. Trotzdem versuchen die Künstler das Selbstbild, eines gebildeten, offenen und friedfertigen Musikspiels zu repräsentieren. Die lyrische Wertschätzung von Frauen gehört heute zum absoluten Muss eines jeden Poeten.

Mit Stöcken wird Angriff und Verteidigung simuliert.

Mit Stöcken wird Angriff und Verteidigung simuliert.

Wie geht´s weiter?
Immer wieder steht zur Diskussion, ob die improvisierten Inhalte des Maracatu Rural sozialkritisch sind. Diese Frage ist zwar berechtigt, trifft aber nicht den Kern der Sache. Auch wenn sich die Künstler kritisch äußern, geschieht dies alles in einem performativen Rahmen. Das heißt, dass es in erster Linie darum geht, das Publikum zu unterhalten. Darum ist oft wichtiger, wie etwas gesagt wird, und nicht so sehr der Inhalt. Zum Beispiel gibt es sehr viele umweltkritische Strophen, die nicht mit der Alltagspraxis der Künstler übereinstimmt. Trotzdem ist jede künstlerische Äußerung politisch, da auch ihre Ausübung von vielen anderen Faktoren, wie Finanzgebern (meistens örtliche Politiker oder Unternehmen) abhängig ist. Kritische Texte alleine können nicht die bestehenden Machtstrukturen verändern. Viel entscheidender ist es, das die Künstler darüber selbst bestimmen können, wie, wann und wo sie ihre Musik spielen. Dazu gehört auch ein freier Zugang zu gewissen Ressourcen und modernen Technologien, um das Recht auf Kultur zu erlangen. Zum Beispiel werden Tonaufnahmen und Videos selten von den eigenen Künstlern produziert. Es stellt sich die Frage, inwieweit Informationen frei zugänglich sind und ob man auf (in)formelle Räume oder öffentliche Institute zurückgreifen kann. Gegenwärtig ist das nicht der Fall, weil der Maracatu Rural von Menschen ausgeübt wird, die nicht die notwendigen ökonomischen und politischen Mittel besitzen. Durch diese Situation ist die kulturelle Reproduktion solange gefährdet, bis die Künstler imstande sind, autonom über ihre Musik und deren Verbreitung zumindest mit zu entscheiden.


Artikel von Stefan Weghuber, 7.1.2014


Maracatú auf Youtube

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