Ruedi Leuthold: Brasilien. Der Traum vom Aufstieg.

Nagel & Kimche, München 2013, 208 Seiten, 18,40 €

„Steilpass in Brasilia. (…) Der Ort, wo Brasilien seine Sehnsucht nach Größe und Harmonie in Beton fasste. Der Ort, wo Verbrechen aus Eitelkeit, Blindheit und Arroganz geschehen.“

In diesen Passagen fasst Ruedi Leuthold in seinem Buch „Brasilien. Der Traum vom Aufstieg“ nicht nur den Charakter der Hauptstadt Brasilia zusammen, sondern sie steht auch symbolhaft für die Thematik des Buches. Er versucht den Widerspruch zwischen dem rasanten wirtschaftlichen Fortschritt und der Realität der Menschen in Brasilien aufzuzeigen, die sich zwischen Armut, Korruption, Spontanität und Hoffnung bewegt.

Auf der Suche danach, was das heutige Brasilien ausmacht, begibt sich der Autor auf eine Reise durch das ganze Land und sammelt Geschichten von seinen Landsleuten. So begleitet er das “Schiff der Gerechtigkeit“, das den Gerichtssaal in entlegene Dörfer entlang des Amazonas bringt. In Mato Grosso begegnet er einem ehemaligen Aktivisten der Landlosenbewegung, der durch den Sojaanbau zu Wohlstand gekommen ist. In Petrópolis, begibt er sich auf die Spuren Stefan Zweigs, der Brasilien einst als „Land der Zukunft“ bezeichnete, aber ob seiner Ignoranz gegenüber der brasilianischen Diktatur von den nationalen Intellektuellen oft verhöhnt wurde. Oder er lässt sich in Rio von einem Metzgergesellen die verwobenen Machenschaften der lokalen Drogenbanden erklären.
Die Geschichten, die den LeserInnen auf dieser Reise nähergebracht werden, sind durchwegs interessant, besonders weil der Autor die Menschen selber zu Wort kommen lässt. Leider schafft es Leuthold nicht, trotz seiner Absicht, zu einem bessern Verständnis von Land und Leuten beizutragen, sich von seinem eigenen Kontext zu lösen, was für ein solches Unterfangen notwendig gewesen wäre. Das Konzept von Entwicklung wird nicht hinterfragt, obwohl seit Jahrzehnten gerade aus Brasilien wichtige intellektuelle Impulse zur politischen Emanzipation Lateinamerikas kommen. Man hat mehr das Gefühl, einen exotischen Reisebericht eines Reporters zu lesen, der immer auf der Suche nach einer „Big Story“ ist.

http://www.hanser-literaturverlage.de/verlage/nagel-und-kimche.html


Rezensentin: Christine Esterbauer, Jänner 2014

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