Andreas Kollender: Teori – Die Geschichte des Georg Forster

Unionsverlag, Zürich 2013, Taschenbuch, 219 Seiten, € 11,30

„ 'Ich bin Deutscher Revolutionär', sagte er. 'Ein Widerspruch in sich beinahe.' (…) Ich wußte, wen ich vor mir hatte. Das ganze gelehrte Europa kannte Georg Forster. Und seit er sich offen zu den Zielen der Revolution bekannt und in der Mainzer Republik die Regierungsarbeit angenommen hatte, die das Volk ihm anvertraute, hasste das ganze gelehrte Europa ihn.“

Als junger Mann wird Georg Forster mit seinem Vater James Cook auf seiner zweiten Weltreise begleiten. Der daraus resultierende Reisebericht, die gut 1000seitige „Reise um die Welt“, gilt als ein Grundstein für die moderne, wissenschaftliche Reiseliteratur und machte Georg Forster mit einem Schlag berühmt. Von dieser Reise, mit Schwerpunkt auf den Inseln des Pazifischen Ozeans und dem südlichen Eismeer, handelt das Buch: ein aufgeklärter, kritischer und dennoch empatischer Blick ermöglichte es Georg Forster die Menschen, die er auf der Reise traf, abseits einer Idealisierung im Sinne eines Rousseausschen „Edlen Wilden“ zu beschreiben. Aber auch die Wertvorstellungen seiner eigenen Kultur erfahren eine kritische Reflektion.
Andreas Kollender gelingt es in seinem Roman über Forsters Reise hervorragend, das Reifen dieses Mannes anhand dieser Reflexionen über seine Erlebnisse zu beschreiben. Das passiert zumeist leise, und unprätentiös. Es ist ein Wachsen am eigenen, aufmerksamen Blick:

„Je länger die Reise währte, desto mehr zweifelte er. Oberflächlich war während der Fahrt alles friedlich, aber ihm war, als habe er filigrane Fühler für die Konflikte, die schlummerten und ausbrechen würden. Er ging nachts oft an Deck spazieren, um der unerträglichen Nähe seines Vaters beim Schlafen auszuweichen. Er hielt sich die Ohren zu, um das Gemurmel der Männer an Deck nicht zu hören, und starrte auf das Meer und in den Himmel. Heimat war immer da, wo er war. Aber wo war er? An Bord der Resolution, die mit ihren astronomischen Geräten und ihrer Bibliothek ein schwimmender englischer Gedanke war, nach dem hier auf den Inseln niemand gefragt hatte.“

Beschreibung erfährt aber auch die Kultur, die an Bord herrscht und bei Landgang exportiert wird. Das reicht von zwischenmenschlichen Konfikten, die sich auf der dreijährigen Reise aufbauen, über technische Errungenschaften, bis hin zu Waffengewalt gegenüber InsulanerInnen aufgrund von Nichtigkeiten:

als sie zum zweiten Mal Tahiti anlaufen „jubelten (die Tahitianer) ihnen von Weitem zu.
'Warum tun die das?' fragte Georg.
'Die Frage ist nicht, warum die das tun', sagte Hodges. 'Die Frage ist, warum uns das wundert.' “

„Teori – Die Geschichte des Georg Forster“ von Andreas Kollender - eine bemerkenswertes Schilderung über eine ebensolche Persönlichkeit der deutschen Geschichte, deren Erinnerung und Ehrung dort lange und weitgehend auf die DDR beschränkt blieb.

www.unionsverlag.ch

Rezensent: Thomas Divis, Jänner '14

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook