EU.L.E.N-Spiegel 4-6/2012: Vegetarier & Tierrechtler

Wissenschaftlicher Informationsdienst des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften, 72 Seiten, Großformat, € 45,-

Wir alles wissen es inzwischen: Mit mehr Vegetarismus retten wir die Welt. - Aber was wissen wir wirklich? Hält das gemeinhin vorgelegte Zahlenmaterial? Und werden daraus die richtigen Schlüsse gezogen?
Bereits Ende 2012 veröffentlichte das Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften eine Sondernummer seines Periodikums „EU.L.E.N-Spiegel“ zum Thema „Vegetarier & Tierrechtler“. Das darin vorgelegte Material ist nicht nur hochbrisant, sondern für WeltverbesserInnen, wie wir es alle sind, oft auch höchst unbequem.

Agrarstatistiker Georg Keckl, Lebensmittelchemiker Udo Pollmer und der Sozialwissenschaftler und Landwirt Klaus Alfs haben sich zusammengefunden, um den Vegetarismus auf seine Nachhaltigkeit zu untersuchen und seine Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute zu verfolgen.

Der erste größere Teil des Heftes beschäftigt sich mit „Vegetarischen Legenden“. Hier werden 18 Behauptungen, die den Vegetarismus oft als ökologischeren Lebensstil ausweisen, unter die Lupe genommen. Zu diesen Legenden zählen beispielsweise: „Aus 16 Kilo Korn wird 1 Kilo Fleisch – und der Welt fehlt das Brot“, „Die Energiewende schaffen wir nur mit weniger Fleisch“, „Massentierhaltung und Kunstdünger verseuchen die Umwelt“, „Indien beweist, dass eine vegetarische Kost gut für alle ist“ oder „Für unseren Fleischhunger brennt der Regenwald“.

Eingangs wird anhand von Daten aus staatlichen Quellen die deutsche  Landwirtschaft in Zahlen präsentiert. Für Aufsehen sorgen da bereits die Grafiken, die zum Beispiel den sinkenden Viehbestand Deutschlands in den letzten hundert Jahren oder den seit gut 50 Jahren kaum angestiegenen Fleischverzehr (jährlich ca. 61 kg/Kopf) darstellen. Unseriöserweise wird hier in der einschlägigen Literatur oft der Fleischverbrauch (ca. 88 kg/Kopf) und nicht der Fleischverzehr angegeben. Dieses Beispiel illustriert sehr schön, wie wichtig es ist, einen kritischen Guide zur Hand zu haben, der die LeserInnen auf die Untiefen der aktuellen Diskussion aufmerksam macht.
Aber auch Vergleichszahlen werden mitgeliefert: Die immer noch Weltuntergangsszenarien und persönliche Gesundheitskatastrophen heraufbeschwörenden 61 kg Fleisch im Jahr pro dt. BundesbürgerIn korrespondieren mit den 66 kg/ÖsterreicherIn, stehen aber z. B. satten 82 kg Fleisch pro spanischer Nase gegenüber - was Autor Keckl zu einem ironischen Seitenhieb in Richtung der FreundInnen der viel zitierten "gesunden Mittelmeerkost" veranlasst.

Von Anfang an weist Autor Keckl mit mehreren Beispielen darauf hin, dass die Erzeugung tierischer und pflanzlicher Produkte abhängig voneinander geschieht  - deswegen können auch ihre Ökobilanzen nicht unabhängig voneinander berechnet werden bzw. macht die Ökobilanz eines isoliert betrachteten Produktes genau deswegen keinen Sinn:

„Meist wird sie [Futter-Sommergerste] nach Weizen ausgesät, um im Erdreich die Schadorganismen des Weizens wie Pilze oder Viren zu dezimieren. Wintergerste fördert die Bodengesundheit und liefert gutes Futter – zum Brauen von Bier oder gar für den menschlichen Verzehr ist sie kaum geeignet. Ihr Anbau sichert aber die Erzeugung von Brotgetreide.“

So eine Info mag auf dem ersten Blick spröde erscheinen, ist aber für ein Verständnis moderner Landwirtschaft, und damit für das Verständnis unserer Ernährungsbasis, unumgänglich. Vegetarismus, so eine der Hauptbotschaften dieses Abschnitts, ist ein Luxus, den man sich nur auf Basis eines ausgefeilten landwirtschaftlichen Systems mit Viehhaltung leisten kann.

Georg Keckl verweist auch die horrenden Getreidemengen, die angeblich an Tiere verfüttert werden, ins Reich der Legenden. Gemeinhin hört man von bis zu 16 kg Getreide pro 1 kg Fleisch, in Die ZEIT werden gar 30 kg angegeben: „Trotz aller Fütterungsverbote genügen heute für ein Kilogramm Schweinefleisch rund 4 Kilo Futter. Für ein Kilogramm Hühnerfleisch oder Eier reichen schon 2 Kilo Getreide plus 1 Kilo Sojaexpeller.“ Die Zahlen stammen aus dem Jahresbericht der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Aufgrund dieses Zahlenmaterials stellt sich natürlich der Themenkomplex „Fleischessen und Nachhaltigkeit“ völlig anders dar, als üblicher weise dargestellt.

Die aktuelle Verwendung von Soja als Futtermittel resultiert nach Angaben des Autors nicht zuletzt aus  einer EU-Verordnung aus dem Jahr 2002, die die Verwendung von Schlachtresten selbst von gesundem Vieh an Schweine verbietet, obwohl selbige vom Menschen bedenkenlos verzehrt werden können. Die Branche griff also nach Soja als Alternative zu den nachhaltigen, aber nun verbotenen Schlachtresten.

In der weiteren Behandlung „Vegetarischer Legenden“ werden gängige Klischees von Massentierhaltung, Bio-Landwirtschaft und regionaler Kreislaufwirtschaft hinterfragt. Der durchgehende Tenor: Die Zusammenhänge stellen sich nur bei oberflächlichem Hinschauen so dar, wie wir sie aus der gängigen Diskussion kennen. Viele Bilder, die wir von Landwirtschaft im Kopf haben, sei es konventionelle oder Bio-Landwirtschaft, bedürfen dringend einer Revision.

An manchen, wenigen Stellen wünscht man sich als LeserIn allerdings eine genauere Ausführung der Problematik und weiteres Datenmaterial, z. B. beim Artikel „Legende 8: Für unseren Fleischhunger brennt der Regenwald“, weil dort nicht auf Basis von Zahlenmaterial argumentiert wird.

Der zweite größere Heftteil beschäftigt sich mit den Anfängen des Vegetarismus als Massenphänomen und der Geschichte der Tierrechtsbewegung bis heute. Für die Autoren Udo Pollmer und Klaus Alfs ist artgerechte Tierhaltung ein berechtigtes Anliegen. In ihren Texten problematisieren sie allerdings bestimmte Trends in der aktuellen Diskussion. Ihre Grundthese lautet: „Der Vegetarismus [...] ist eine religiöse Bewegung“. Als Beleg dafür werden unter anderem die Lehren großer Ernährungsreformer zu Ende des 19. Jahrhunderts kurz dargestellt. Hier findet sich zum Beispiel John Harvey Kellogg, demzufolge Fleischkonsum und Onanie den Menschen verunreinigen, weshalb er Mäßigung beim Essen und die Beschneidung sowohl von Jungen als auch von Mädchen empfahl und durchführte.

Auch in Deutschland waren „Mäßigkeit“ und „Reinlichkeit“ von großer Bedeutung für die Vegetarismus-Pioniere. Ihre Gedanken fanden bei den Nationalsozialisten rege Aufnahme und bereits im August 1933 wurden Tierversuche, diese „Ausgeburt der jüdisch-materialistischen Schul-Medizin“ verboten. Bei Zuwiderhandlung drohte die Inhaftierung in einem Konzentrationslager. Viele der deutschen Tierschutzgesetze, die wir auch heute noch als sinnvoll erachten, entstanden kurz nach der Machtergreifung Adolf Hitlers. Das heutige Bild vom friedlichen Vegetarier wird hier als Klischee entlarvt, dem die Unkenntnis historischer Fakten zugrunde liegt. Auch in den folgenden Beiträgen wird die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen mit einer vegetarischen Ernährungsweise gleichzeitig oft auch eine hohe moralische Integrität zugeschrieben wird, stark in Frage gestellt.

Die derzeitige, vegan dominierte Tierrechtsdebatte ist mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem Rechte für Affen verhandelt werden, die bisher nur Menschen vorbehalten waren. Die Autoren Pollmer und Alfs kritisieren dabei auch die eurozentristische Perspektive unserer Wohlstandsgesellschaft:

„Die Deutschen kennen Schimpansen hauptsächlich aus Filmen, in denen dressierte „Charlys“ wie Menschen agieren und auch so behandelt werden. Es widert uns TV-Zivilisierte daher an, wenn Gesellschaften, die traditionell Affen jagen, diese auch noch räuchern oder am Spieß braten.“

Zu den bekannteren Vertretern, die eine Forderung nach ebendiesen Grundrechten stellen, gehören unter anderem der Philosoph und Universitätsprofessor Peter Singer und im deutschsprachigen Raum Volker Sommer und Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung. Aber auch in Österreich werden mittlerweile Tierrechte weit über Haltungsfragen für Nutztiere hinaus diskutiert. So fordert etwa der Österreicher Helmut F. Kaplan, dass Katzen daran gehindert werden müssten, Mäuse zu quälen: „Der Gewinn für die Maus wird gewiss größer sein als der Verlust für die Katze.“ Unter anderem aufgrund dieses Beispiels hinterfragen die Autoren des EU.L.E.N-Spiegels schließlich, ob man mit dem konsequenten Verzicht auf „Speziezismus“ (der Bevorzugung einer Art vor einer anderen) wirklich allen Tieren einen Gefallen erweist.

Kaplan (wie auch die Tierschutz-Organisation PETA) setzt die Fleischproduktion mit dem Holocaust gleich: Der „Speziezismus“ würde die Folgen des Rassismus der Nationalsozialisten übertreffen. So weist die Präsidentin von PETA, Ingrid Newkirk, im Vergleich zu den sechs Millionen in Konzentrationslagern ermordeten Juden auf die größere Anzahl der jährlich getöteten Tiere hin. Die Autoren setzen sich sowohl mit der Stichhaltigkeit dieser Argumentation als auch mit ihren Folgen für Mensch und Tier auseinander.


Fazit: Das Europäische Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. hat mit der EU.L.E.N-Spiegel-Ausgabe „Vegetarier und Tierrechtler“ eine hochinteressante und mit etwa 200 Quellenangaben versehene Reportage zu einem brisanten Thema vorgelegt. Wer sich aufgrund der momentanen Begeisterung für vegane Ernährung mit aktuellem Zahlenmaterial und einer kritischen Sicht auf die Problemlage auseinandersetzen möchte, ist hier gut bedient. Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass viele Themen (z.B. Fleisch aus Bio-Landbau) in kurzen Heftbeiträgen nur angerissen werden können. Man erhält dennoch eine gute Vorstellung davon, wie komplex die Zusammenhänge im Bereich der tierischen und pflanzlichen Lebensmittelerzeugung tatsächlich sind. Die Autoren pflegen neben einer sachlichen Argumentation auch ausgiebig die Kunst der Polemik. Das mag vielleicht befremden, wer aber mit der für diese Art des Meinungsstreits notwendigen Distanz an die Inhalte herangeht, wird mit Sicherheit auch gut unterhalten sein.

Ausgeklammert wurde die Frage nach den gesundheitlichen Vor- oder Nachteilen einer vegetarischen Lebensweise. Frühere Ausgaben des  EU.L.E.N-Spiegels sowie einige Buchveröffentlichungen der Redaktionsmitglieder haben sich bereits damit auseinandergesetzt. Zuletzt sei noch darauf verwiesen, dass der relativ hohe Preis des Heftes im völligen Verzicht auf Werbung begründet ist. Die Finanzierung erfolgt nur durch Abonnements, Mitgliedsbeiträge und Spenden.

Eine Leseprobe aus dem Heft finden Sie hier.

Bestellt werden kann das Heft unter diesem Link.

Website des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V.:
www.euleev.de


RezensentInnen: Cornelia Beck und Thomas Divis, Februar 2014

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