Auch Frauen sind brutal

Jahrzehnte lange Konflikte und Gewalt in der DR Kongo. V.a. die ausufernde Zahl an Vergewaltigungen zwang das Land zu Reformen: Frauen arbeiten nun auch im Militär und bei der Polizei, um die (sexuelle) Gewalt gegen ZivilistInnen einzudämmen. Doch das greift zu kurz und kann zu noch mehr Gewalt führen.

Krieg im Kongo: Frauen werden oft ausschließlich als Opfer gesehen. ©Wikicommons

Krieg im Kongo: Frauen werden oft ausschließlich als Opfer gesehen. ©Wikicommons

Die Demokratische Republik Kongo (DRC) ist so groß wie Westeuropa. Extrem groß – und extrem reich. Zumindest an Bodenschätzen: Es besitzt Gold, Coltan, Diamanten, Zink, Kobalt etc.. Doch einer der tödlichsten Konflikte seit dem zweiten Weltkrieg verhindert, dass das Land seinen Ressourcenreichtum zum Wohle der Bevölkerung nutzen kann.

Der Konflikt in der DRC mit seiner ausufernden Gewalt gegen die Bevölkerung ist eine der schlimmsten humanitären Krisen weltweit. 5,4 Millionen Menschen Todesopfer zwischen 1998 und 2007; 2,2 Millionen Binnenflüchtlinge 2012 ; und vom IRC (International Rescue Committee) wurde erhoben, dass 2007 pro Monat 45.000 Menschen starben.

 

Ehemalige Rebellen sollen für Sicherheit sorgen
Vor allem Vergewaltigungen an Frauen und Kinder durch Polizei und Militär hat internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. 2010 wurden innerhalb von vier Tagen in der Stadt Luvungi in Nord Kivu über 387 Menschen von Milizsoldaten vergewaltigt. Laut UN vergewaltigten Soldaten zwischen dem 20. und 22. November 2012 in Süd Kivu 126 Frauen und Mädchen, die auf der Flucht vor Rebellen waren.  Genaue Zahlen der Vergewaltigungsopfer liegen im Dunklen, aber Experten und Helfer bestätigen, dass das Ausmaß enorm ist. Lokale Gesundheitszentren geben an, dass in dieser Region 40 Frauen pro Tag vergewaltigt werden.  Margot Wallstrom, die ehemalige Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konfliktsituationen, betitelt den Kongo als das „Vergewaltigungszentrum“ der Welt.
Begonnen hat die „Vergewaltigungsepidemie“ Mitte 1990, als Hutu Milizen aus Ruanda in die DR Kongo flüchteten. Nach dem Krieg wurden die ehemaligen ruandischen Rebellen in die Armee eingegliedert - ohne jegliche Überprüfung ihrer Kriegsgeschichte oder Rehabilitierung. Und das obwohl sie aus einem Kriegsgebiet kamen, in dem ein Genozid vollzigen wurde. Viele von ihnen wurden schon als Kinder rekrutiert und waren daher vollkommen brutalisiert. Früher zu Gewalt und Vergewaltigung „erzogen“, sollen sie jetzt für die Sicherheit der KongolesInnen sorgen.

 

Keine Basis für den Aufbau
Die Gewalt hat viele Methoden: Exekutionen, Zwangsarbeit, Vergewaltigung oder Folter. Rechtswidrige Festnahmen, Plünderungen oder illegale Besteuerung. Möglichkeiten sich zu wehren, gibt es kaum. Maria Erkisson Baaz vom Nordic Africa Institute versteht all diese Formen von Missbrauch als tief verwurzelte strukturelle Dysfunktion des Sicherheitssektors. Gescheiterte Integrationsprozesse, unklare Befehlsstrukturen und fragwürdige Politiken, die illegale ökonomische Aktivitäten fördern, sind keine Basis für den Aufbau von funktionierenden Sicherheitsstrukturen und -institutionen. Außerdem tragen ein schwacher Justizsektor, feindselige Beziehungen zwischen Zivilbevölkerung und Militär, weit verbreitete Unzufriedenheit unter den Soldaten und Polizisten sowie schlechte Bezahlung und ein niedriger Status zu weiterer Verschärfung des Problems bei.  Der andauernde Konflikt hat die traditionellen kongolesischen Autoritäts- und Community-Strukturen aufgelöst, was Straffreiheit für Vergewaltiger bedeutet. Dadurch werden Vergewaltigungen schon fast normal.

Wünsche für den Kongo. ©Wikcommons

Wünsche für den Kongo. ©Wikcommons

 

Frauen als zweifelhafte Friedensbringer
Im Zuge eines globalen Sicherheitsdiskurses wurde von externen Akteuren gefordert, Frauen in den Militär- und Sicherheitsapparat zu integrieren, um die (sexuelle) Gewalt gegen ZivilistInnen einzudämmen.
Baazs Forschung zeigt, dass diese vermeintliche Zauberformel ein zu einfacher Ansatz ist, der sogar nach hinten losgehen kann. Durch die Fokussierung auf sexuelle Gewalt wurde die Bedeutung von Gender für militärische Reformprogramme nahezu gleichgesetzt mit der Bekämpfung sexueller Gewalt. Außerdem werden Frauen dadurch gewisse Gewalt reduzierende Eigenschaften zugeschrieben, die auf fiktiven Annahmen über Gewalt und Gender beruhen. Wie zum Beispiel, dass Frauen eine besänftigende Wirkung hätten, die Gewalt eindämmen könne.
Ein weiteres Bestreben gendersensibler Verteidigungsreformen ist, kongolesische Soldaten zu erziehen und ihnen den Unterschied zwischen „gutem“/legalen und „bösem“/illegalen (maskulinem) Verhalten zu lernen. Vor allem in dem komplexen Sicherheitskontext Kongos sind solche simplifizierenden Annahmen besonders problematisch. Interviews haben ergeben, dass der Großteil der Bevölkerung, ob weiblich oder männlich, Frauen in Uniform sogar mehr fürchten als Männer, da sie noch brutaler und gnadenloser seien. Außerdem beschrieben sich die Frauen, die im Polizei- oder Militärapparat arbeiten, selbst als nicht anders als ihre männlichen Kollegen und oft als „tougher“ als Männer.
Baaz erklärt das so: Frauen, die in diese vermeintlich „männliche“ Sphäre eindringen, wurden in den Interviews als „unweiblich“ beschrieben und nicht mehr als Frauen wahrgenommen, da sie eine bestimmte Form von Gewalt ausüben, die mit kriegerischen Kämpfen und der Armee und daher mit „Männlichkeit“ assoziiert wird. Statt besänftigend wurden Frauen als Bedrohung für die „maskulinen“ Soldaten und das Funktionieren des Militärapparates empfunden beziehungsweise dargestellt.
Wenn Frauen demnach mit dem Ziel in die Armee integriert werden, Gewalt und Vergewaltigung durch ihre „weiblichen“ Eigenschaften moralischer Reinheit zu bekämpfen, ist es logisch, dass diese Strategie versagt, da Frauen sobald sie in gewisse Formen von „maskuliner“ Gewalt involviert werden, diskursiv zu „männlichen“ gewalttätigen Soldaten verwandelt werden. Statt also friedvoll zu wirken, passiert viel eher das Gegenteil.

 

Gewalt auch gegen Männer
Die Fokussierung auf Vergewaltigungen an Frauen, lässt vergessen, dass es auch Gewalt gegen Männer gibt und nicht nur Frauen Opfer des Krieges sind und Männer Täter. Machtverhältnisse und Stereotype werden so nicht nur aufrechterhalten, sondern verstärkt. Das Problem ist nicht, dass zu viele Männer im Sicherheitssektor sind, sondern die tief verwurzelten Dysfunktion der Sicherheitsstrukturen, welche durch eine simple Einbeziehung von Frauen nicht verändert werden.
Einzelne Interventionen von außen, die sich nur auf sexuelle Gewalt gegen Frauen konzentrieren, viktimisieren oder dämonisieren somit  lediglich und stellen einen limitierten Lösungsansatz dar, auch wenn gleicher Zugang zum Militär gefördert wird. Werden Männer nicht miteinbezogen und ihnen Rechte abgesprochen, führt das zu noch mehr Gewalt. Frauen sind oft genauso oder noch gewalttätiger, um zum Beispiel dem „männlichen“ militärischen Ideal zu folgen, und entsprechen nicht ihrer vorgeschriebenen „weiblichen“ moralisierenden, friedvollen Rolle.
Es fehlt ein Verständnis, wie (militärische) Identitäten durch Gender produziert werden. Geschlechteridentitäten sind nur aus ihrem historischen und lokalen Kontext zu verstehen, und durch Kolonialgeschichte und aktuelle Reformprozesse geprägt. Identitäten sind stets in ihrem spezifischen lokalen  Kontext zu verorten, und universalistische Ansätze kritisch zu betrachten. Programme und Interventionen die auf essentialistischen und universalistischen Annahmen über Gender beruhen, und Stereotype bedienen, können also nicht greifen und sogar gegenläufige Effekte erzielen, die mitunter in weiterer Gewalt münden. Außerdem sind globale Entwicklungs- sowie auch Sicherheitsdiskurse niemals neutral, sondern entfalten Macht und haben unvorhersehbaren Einfluss auf Identitäten, deren Auswirkungen nur mit spezifischen Analysen feststellbar sind.

http://www.trust.org/spotlight/Congo-DR-conflict/?tab=background
http://www.oxfam.org/drc
http://www.ohchr.org/en/newsevents/pages/rapeweaponwar.aspx
Maria Erikkson Baaz (2010): Not Enough to Add Women and Stir. http://www.nai.uu.se/about/organisation/annualreport/AnnualReport2010_links.pdf


Ines Höckner, 24.2.2014

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