Der Migrant als Ware

Malaysien ist für muslimische MigrantInnen aus Myanmar Hoffnungsträger Nummer 1. Doch am Weg dort hin sind sie eine Ware in den Händen von korrupten Behörden und kriminellen Schlepperbanden – vor allem in Thailand.

In Booten geht´s Richtung Hoffnung: nach Malaysien. @S.M.

In Booten geht´s Richtung Hoffnung: nach Malaysien. @S.M.

Im Schatten der politischen Krise Thailands nimmt die Polizei in Bezirk Sadao, im südlichsten Ende Thailands, direkt an der Grenze zu Malaysien, die Gunst der Stunde wahr und wagt den Schritt nach vorne. Eine neue Kampagne wird angekündigt: Den Menschenschmugglern soll es an den Kragen gehen. Letztes Monat hat die lokale Polizei in zwei Lagern über 600 (!) Menschen befreit, die dort gefangen gehalten wurden. Jetzt sei das Mass voll, und ab sofort werde man nach den „großen Fischen“ fahnden, so die Verlautbarung. Die Polizeieinheit gegen Menschenschmuggel geht sogar einen Schritt weiter und kündigt die Verhaftung eines „big guy“ an, denn es ginge hier um Humanität, zumal auch Frauen und Kinder in den Lagern gefangen gehalten wurden.

 

USA involviert
Die Vermutung, dass diese Offensive mit einem bevorstehenden Bericht des us-amerikanischen State Departments in Verbindung stehe, in dem die konkreten Schritte der Regierungen gegen den Menschenhandel beurteilt werden, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Thailand, eine verlässlicher Partner der USA, will offenbar punkten, denn dass Thailand ein starker Magnet für Einwanderung aus den Nachbarländern ist, weiss man längst. Der wirtschaftliche Motor Thailands brummt satt, Regierungskrise hin oder her. Mit einer Arbeitslosenrate unter einem Prozent lockt die Megastadt Bangkok, die neuen Industriestandorte oder die Tourismusgebiete im Norden und entlang der Küste nicht nur Menschen aus den ländlichen Gebieten an, sondern gerade auch aus den deutlich ärmeren Nachbarländern wie Kambodscha oder Laos.

 

Auch Thailand verdient mit
Doch die Personen, die die Polizei aus den Lagern unweit Sadaos befreit hat, passen nicht recht in das Schema der arbeitssuchenden Einwanderer. Sie kommen aus Myanmar und wollen gar nicht in Thailand bleiben, sondern hoffen nach Malaysien zu gelangen, sind dabei aber in die Hände Krimineller gelangt. Den Schilderungen der Polizei zur Folge, wurden die Menschen in den Lagern brutal gequält und die Freilassung an Erpressung gekoppelt. Nicht selten sollen Angehörige zu Hause am Mobiltelefon mithören müssen, wie die Opfer von sadistischen Wärtern gequält würden, denn so steigt die Zahlungsmoral. Die Stimmen der Opfer dieser skuprellosen Erpresserbanden sind selten zu hören, sprechen aber dieselbe Sprache. Man hört von wiederholten Schlägen, untersagter medizinischer Nothilfe, sexueller Gewalt, Hunger und Zwangsarbeit. Menschen, die versuchten aus dem Lager zu fliehen, wurden kurzer Hand erschossen, so die erschreckenden Aussagen.
Doch die Geschichten dieser Menschen sind nur selten direkt zu hören. Denn auch die Behörden Thailands sind involviert. So etwa die Geschichte von Akram aus Myanmar, der mit seinen 18 Jahren bereits zehn Monate in einem offiziellen thailändischen Lager für illegale Einwanderer verbrachte. Eines abends wurde er von den Behörden auf ein Boot verfrachtet um damit abgeschoben zu werden, wie er vermutete. Stattdessen drehte der Kahn im Morgennebel um, und fuhr zurück an die Küste Thailands. Dort wurde er von den Beamten an kriminelle Banden übergeben, die ihn in genau jenes Arbeitslager sperrten, von dem er jüngst befreit wurde. Kaum mit Nahrung versorgt, zu schwerer Arbeit in Gummibaumplantagen gezwungen und ohne jegliche medzinische Versorgung überlebte er nur, weil die Wärter das Lager plötzlich fluchtartig verließen, als eine Polizeirazzia angekündingt wurde. Anrainer fanden das fast leblose Opfer und versorgten ihn, bevor er den Behörden übergeben wurde.

 

Trotz Risiko ziehen die Migranten los

“Migrants as a commodity” – Migranten als Ware, nennen Experten dieses Phänomen, das ständig größere Ausmaße annimmt. Etwa am Horn Afrikas. Immer besser organisierte kriminelle Banden warten an der Küste Yemens auf die Boote mit ankommenden Migranten und Flüchtlingen aus Äthiopien, Somalia und anderen Ländern Ostafrikas. Von den Schmugglern an Land gebracht, werden sie systematisch misshandelt und auch hier erpressen die Banden Geld von Familienangehörigen. Wenn dies nicht funktioniert, warten Sklavenarbeit in Khatplantagen, illegale Bordelle oder schlimmsten Falls die Entnahme von Organen und der Tod.
Vielen Migranten ist bewusst, welche Gefahren auf dem Weg auf sie warten. Die Gerüchte über vermisste oder misshandelte Personen verstummen nicht, und so manche Familie wurde in den finanziellen Ruin getrieben, um tausend Dollar an die Banden zu zahlen, die die eigene Tochter oder Sohn misshandelten. Doch weit populärer sind die Geschichten jener, die es geschafft haben. Jene Migranten, die einen mehr oder weniger gut bezahlten Job, einen besseren Lebensstandard und vielleicht sogar einen Partner gefunden haben und nun ein neues, reicheres Leben irgendwo weit weg aufgebaut haben. Und das ist dann wohl jener berühmte “pull factor”, der viele Menschen die gefährliche Reise wagen lässt. Die Risiken nehmen sie in Kauf oder hoffen auf jenes Quäntchen Glück, dass gerade ihnen das Schicksal der Versklavung oder Zwangsarbeit erspart bleibt.

 

Hoffnung Malaysien
Für die muslimischen Gemeinschaften in Myanmar gibt es einen Hoffnungsträger in Südostasien: Malaysien. Als multiethnischer und multikultureller Staat mit Islam als Staatsreligion aber garantierter Religionsfreiheit, gilt es als “das” Land in dem man wegen seiner Religion nicht ausgegrenzt oder vertrieben wird. Indonesien hat dasselbe Image, doch ist es weiter weg und schwerer zu erreichen.
Ganz wohl fühlt sich Malaysien in dieser Rolle des Hoffnungsträgers nicht. Das Gesetz unterscheidet zwischen Menschen mit legalem oder illegalem Aufenthaltsstatus, und es gibt keinen legalen Raum für Flüchtlinge oder Migranten. So bleiben die ankommenden Migranten zwar eine Realität, zugleich aber von jeder sozialen Einbindung wie Bildung oder Gesundheitsvorsorge ausgeschlossen. Illegalität ist die einzige Option.
Was als Abschreckung neuer Zuwanderströme gedacht sein mag, zieht in Wirklichkeit nicht. Gerade für die rund 800.000 muslimischen Rohingas, die im nordöstlichen Rakhine Staat Myanmars systematischen Menschenrechtsverletzungen, offener Diskriminierung und faktischer wie legaler Hoffnungslosigkeit ausgesetzt sind. Sie haben im wahrsten Sinne nichts zu verlieren. Was tun, wenn einem die Regierung jegliche Bildung, Bewegungsfreiheit, Einkommen oder geregeltes Leben versagt, nur weil man Moslem ist, und der buddhistische Nationalismus gerade vor den ersten freien Wahlen hohe Wogen schlägt? (siehe Süd News Artikel “Bauernopfer in Myanmar“) Der Leiter der Humanitären Hilfe der Europäischen Union verglich die Lage in den Flüchtlingslagern in Rakhine vor wenigen Wochen mit einer Mischung aus “Warschauer Ghetto und Apartheit in Südafrika”. Harter Tobak für die Behörden, doch die Berichte der Menschenrechtsorganisationen scheinen ihm Recht zu geben.


In den Lagern am Golf von Bengalen weiß man um die Gefahren der Überfahrt, und doch ist der Blick auf das offene Meer für viele die einzige Hoffnung auf ein Leben in Würde. Man sammelt Geld für die Schmuggler die nachts kommen, das Boot mit hoffnungssüchtigen Menschen volladen, und im Dunkeln verschwinden, um nicht zu nahe der Küste Myanmars und Thailands nach Malaysien zu segeln. Einmal auf dem Boot sind die Menschen ohne jeden Schutz und allein der Willkür der Schmuggler ausgesetzt. Werden wir das Ziel erreichen? Wird das Boot und der Motor durchhalten? Wird uns die Polizei Thailands abfangen? Wird das Wasser reichen? Und der Reis? Und was, wenn es schief geht?
Man kann nur erahnen, welche Not und Hoffnungslosigkeit die Menschen in die Boote treibt, und die lebensbedrohliche Reise in eine unbekannte Zukunft antreten lässt. Doch solange dieser Antrieb existiert, so lange wird es diese Form der Migration geben. Korrupte Behörden und unzureichende Gesetze können diese ganz sicher nicht aufhalten, sondern spielen lediglich Schmugglern und der Illegalität in die Hände. Man neigt einem NGO-Mitarbeiter Glauben zu schenken, der sich mit der Migration der Rohinga in Südostasien beschäftigt, wenn er meint “Zahnschmerzen kann man nicht verbieten, sondern man muss auf gesunde Zähne achten. Und wenn die Wurzel faul ist, muss man diese behandeln. Alles andere ist schlicht sinnlos.”

S. M. aus Myanmar, 7.3.2014

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