Fleischatlas 1 u. 2 – Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel

Hg.: Heinrich Böll Stiftung, BUND – die dt. Sektion von Friends of the Earth, Le Monde diplomatique
Berlin 2013, jeweils 52 Seiten, gratis-Download

Die Fleischatlanten von Le Monde Diplomatique gelten landauf, landab als eine vorbildliche Dokumentation. Wie viele Ungereimtheiten und Fehler sich dort tummeln ist offenbar nur OneWorld.at aufgefallen.

Ein Bericht über meine abenteuerliche Reise durch die Fleischatlanten, Teil 1.

Wer parallel zur Rezension die Inhalte der Atlanten vergleichen möchte findet hier die Downloads.

("I,45" bezeichnet in unserem Text jeweils den Band + Seitenangabe)

 

Level 1
oder
Am Anfang war das Wasser

Also, Beschäftigung mit Ernährung, das war nie so meine Sache. Ich esse gerne Vegetarisches und Fleisch eher in Maßen. Beim Kochen setze ich seit jeher fast ausschließlich auf Grünzeug. Aber dann war da diese Sache mit dem Wasser...

Wir alle haben es schon mal gehört: fast 16.000 Liter Wasser verbraucht ein bescheidenes 1 kg Rindfleisch. Diese Zahl lastet seither auf jedem Hamburger und jeder Burenwurst. Auf sie stieß ich auch im Fleischatlas. Dort (I,28) angegeben sind 15.500 Liter Wasser für 1 kg Rindfleisch. Als Quelle dient der WWF. Teile dieser Wassermenge stecken in den Futtermitteln des Rindes. Auf der nächsten Seite folgt eine große Illustration mit fast 84 Stück randvollen Badwannen. Damit kann jede/r sehr schnell und plastisch begreifen, warum Fleisch der Umwelt schadet.
Aber: wie setzt sich diese Zahl zusammen?

Die Internet-Recherche bei WWF war nicht sonderlich ergiebig; allerdings stand ich damals gerade in einem netten Austausch mit einem Verein, der in Umweltbelangen informiert. Die Antwort kam prompt: waterfootprint.org
Wunderbar – dort gibts sogar eine Produktgalerie! Der Wasserverbrauch der Produkte wird aufgedröselt in Grünes Wasser (Regenwasser), Blaues Wasser (Oberflächen- und Grundwasser) und Graues Wasser (Abwasser). Und hier begann zum ersten Mal mein großes Staunen: 1 kg Rindfleisch setzt sich dort nämlich aus 3% grauem Wasser, 4% blauem Wasser und 94% grünem Wasser zusammen. Die Summe von 101% lassen wir mal durchgehen, nicht aber die Tatsache, dass grünes Wasser schlichtes Regenwasser ist.

Zum Mitschreiben: der Bärenanteil der 15.500 Liter, welche schon so manchen WeltverbesserInnen den Schlaf geraubt hat, diese 94% sind völlig unproblematisch! Das, was die Rinder trinken, ist „blaues Wasser“. Und das „grauen Wasser“? Gülle ist nicht einfach nur ein problematisches Abwasser, sondern erfüllt weltweit auch einen enorm wichtigen Zweck: nämlich als Düngemittel. Besonders aus unserem Bio-Anbau ist sie nicht wegzudenken, da Kunstdünger im Bio-Anbau verboten ist.

Welchen Sinn macht es weiter, das „graue Wasser“ beim Rind mit dem „grauen Wasser“ von Vegiprodukten gleichzustellen? Ohne Tierhaltung gibt es keine Vegi-Produkte aus biologischem Landbau. „Graues Wasser“ vom Rind müßte wegen dieser wichtigen Funktion also tendenziell sogar viel besser bewertet werden als Vegi-Abwasser.

Jauchenfaß auf Wagen, A. v. Menzel,1884

Jauchenfaß auf Wagen, A. v. Menzel,1884

Und noch eine Frage muss hier gestellt werden: wird Gülle jemals in die Ökobilanz von Vegiprodukten mit einberechnet? Es scheint ganz, dass das, was man dem lieben Vieh so penibel umhängt, dass man eben das bei Vegi-Produkten gerne unter den Tisch fallen lässt.

Wem inzwischen vor lauter Gegenrechnungen bereits schwindlig im Kopf ist, möge sich allerdings entspannen: Viehwirtschaft und Ackerbau funktionieren weitgehend als Kreislauf, deswegen macht es nur bedingt Sinn die beiden gegeneinander auf- und auszurechnen. Eine einfache Einsicht, nach der wir in den Fleischatlanten aber vergeblich suchen: den AutorInnen ging es hier offenbar weniger darum zu informieren, denn zu emotionalisiern.

Dies also war der verwirrende Start meiner Reise durch die Fleischatlanten. Aber es sollte noch abenteuerlicher kommen...

In einer Woche geht’s an dieser Stelle weiter mit:

Level 2 oder „Wie die Statistiker in ihrer Sorgfalt immer wieder für Verwirrung sorgen“

>> hier geht's zu Level 2

 

Exkurs:

Ein wirklich ärgerliches Problem ist, dass in den beiden Atlanten selbst einfachste Sachverhalte oft falsch dargestellt werden:

In der Graphik auf I,29 beim „Fleisch“ servieren die Autoren für 15.455 Liter fast 84 Badewannen á 140 Liter. - Und damit nach Adam Riese etwa 26 Badewannen zu wenig.
Aber halb so schlimm hat sich vermutlich das Lektorat gedacht, denn gleich darunter, beim Käse, werden dafür 15 Badewannen zu viel abgebildet...

Ebenfalls sehr ärgerlich ist, dass Schlüsselbegriffe in den Atlanten oft falsch benannt oder verwechselt werden. Im Fall obiger Graphik ist es „Fleisch“, statt korrekt „Rinderfleisch“. - Wenn also ihre Kinder aus der Schule heimkommen und ihnen erzählen, dass ein Henderl 16.000 Liter Wasser braucht, um 1 Kilo zuzulegen, dann wissen sie, dass die Lehrperson mit ziemlicher Sicherheit den Fleischatlas als Unterrichtsmittel benutzt hat.

Rezensent: Thomas Divis, April 2014; thomas.divis | at | suedwind.at

Bild: Wikimedia Commons

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