Meditieren hinter Gittern

Mönche in Thailand besuchen Gefängnisse und meditieren mit den Inhaftierten. Sie sollen dadurch innere Stärke entwickeln und mit dem Leben hinter Gittern leichter zurechtkommen.
Eine Reportage von Carina Pichler

Veränderung kommt von Innen. ©Wikicommons

Veränderung kommt von Innen. ©Wikicommons

Mit einem mulmigen Gefühl betrete ich erstmals ein thailändisches Gefängnis. Ich komme zusammen mit zwei buddhistischen Mönchen. Orange Roben bedecken ihre Körper sie tragen Flipflops. Mit langsamen Schritten bewegen wir uns zum Eingangstor, wo wir von zwei Gefängnisaufsehern freundlich empfangen werden. Sie kennen die Mönche bereits, da sie das Gefängnis seit einigen Jahren regelmäßig besuchen. Bis wir zum Inneren der Haftanstalt gelangen, durchschreiten wir drei Sicherheitstüren.
Ich spüre neugierige Blicke auf mir als wir durch das Gelände gehen. Ein Mann ruft mir etwas auf Thailändisch zu, das ich nicht verstehe. Ich fühle mich verunsichert, lasse mir aber nichts anmerken und gehe weiter. Es ist nicht üblich, eine westliche Frau im Gefängnis zu sehen. Erst durch den Kontakt mit den Mönchen war es mir möglich, das Gefängnis zu besuchen. Die Haftaufseher führen uns in einen Besprechungsraum. Etwa 60 Inhaftierte kommen zu uns – Frauen und Männer - setzen sich hin und verhalten sich still. Alle tragen Kleidung in blauer Farbe und aus dünner Baumwolle: eine lange Hose und ein kurzärmliges Hemd mit Knöpfen.

Der Mönch beginnt mit dem dhamma talk und erzählt über die Lehren des Buddha. Er spricht langsam und seine Stimme klingt ruhig. Alle sind leise und hören zu. Zwischendurch beobachte ich hier und da ein vorsichtiges Lächeln in den Gesichtern. Nach den Einführungsworten des Mönchs stelle ich mich vor und erkläre warum ich hier bin: Ich möchte verstehen, wie das Leben im Gefängnis ist und welche Bedeutung Meditation für die Menschen hier hat.
Wir beginnen mit der Meditation. Alle schließen die Augen. Während wir regungslos dasitzen, beobachten wir unseren Atem. Als Verbindungsglied zwischen dem eigenen Körper und der Außenwelt ist der Atem für die Meditation besonders wichtig. Wir üben Achtsamkeit im Beobachten und Spüren dieser Verbundenheit mit der Mitwelt. In der loving-kindness Meditation stellen wir uns vor, bedingungslose Liebe an alle Wesen zu senden.

Warum gerade im Gefängnis?

Inhaftierte leben isoliert von der restlichen Gesellschaft. Selten gibt es Situationen, in denen sie der Stempel ‚kriminell‘ nicht zu begleiten scheint. Mauern und Gitterstäbe erinnern jeden Tag daran, soziale Kontakte außerhalb der Haftanstalt gehen verloren. Viele Menschen denken, sie hätten nichts mehr zu verlieren oder was sie getan haben wäre nicht mehr wiedergutzumachen. Sie sind bereits verurteilt und müssen nun für ihr Verhalten die im Strafgesetz festgelegte Strafe einbüßen.
Ein Mönch in Thailand beschreibt: „Die westliche Gesellschaft fokussiert stark auf Äußeres und vernachlässigt das Innere. Das ist auch im Strafsystem so: wir sperren die Körper ein, kümmern uns aber nicht um das Innere. Handlungen entstehen jedoch erst aus vorherigem Denken.“ Das wäre wie bei einem Auto, erklärt er weiter: „es fährt, aber gesteuert wird es von innen. Auch der Körper führt aus, was wir von innen steuern.“

Fügt jemand einer anderen Person Leid und Verletzung zu, entspringt das Verhalten dem vorangegangenen Denken. Folglich liegt die Wurzel der Handlungen im Inneren – für verletzende und für heilsame Handlungen. Doch das Denken können wir weder bestrafen noch wegsperren – wie wäre ein buddhistisches Verständnis dazu?
Die buddhistische Lehre versteht Wut, Gier und Unwissenheit als Wurzeln von verletzendem Verhalten – dies gilt auch für Kriminalität. Wenn ich einer anderen Person willentlich schade, so einspringt diese körperliche Tat meinem Inneren. Nicht der Körper, sondern der Geist gilt als Triebfeder für die verursachte Verletzung. Aus buddhistischer Sicht geschieht wirkliche Veränderung im Inneren. Das Denken muss und soll dazu weder bestraft noch weggesperrt werden - was ohnehin nicht möglich ist – sondern: Innere Veränderung kann durch ein gutes Umfeld gefördert werden das uns darin unterstützen, innere Qualitäten wie Verständnis, Mitgefühl und liebende Güte zu stärken.

Die Autorin und die Gefängnis-Crew. ©Pichler

Die Autorin und die Gefängnis-Crew. ©Pichler

‚Ich‘ als TäterIn - ‚Ich‘ als Mensch?

Blicken andere auf mich als TäterIn und verurteilen mich für was ich getan habe, so wirkt das auf mich. Identifiziere ich mich selbst als TäterIn, weil ich die Verurteilung der anderen annehme oder selbst Schuld empfinde, dann werde ich mich eher in der Art verhalten, wie es zu der Rolle als TäterIn passt.
Wenn ein Mönch ins Gefängnis kommt um zu meditieren, kommt er mit der Absicht, zum Wohl der Inhaftierten beizutragen. Er sieht sie als Menschen, und nicht als TäterInnen. Die buddhistische Lehre sagt: alle Menschen haben das Potential zur Erleuchtung, allen wohnt die Buddha-Natur inne. Jenen von uns, die Fehler und schreckliche Dinge gemacht haben genauso wie allen anderen.
Entscheidend ist die Gegenwart: Was mache ich jetzt? Das Gesetz des Karma besagt: mit den jetzigen Handlungen schaffe ich meine Zukunft. Doch welche Möglichkeiten eine positive Zukunft zu schaffen haben die InsassInnen eines Gefängnisses?

Als buddhistischer Mönch in Thailand zu leben bedeutet auch Freiheitseinschränkungen in Kauf zu nehmen: nach zwölf Uhr Mittag nicht mehr essen und nicht singen dürfen sind nur 2 von 227 Regeln. GefängnisinsassInnen essen drei Mal am Tag und dürfen singen.
„Auch wenn der Körper eingesperrt ist, innerlich können wir frei sein“, erklärt der Mönch. Das Leben im Gefängnis wäre ähnlich wie das eines Mönches, meint er. Bei beiden bereitet die Einschränkungen der äußerlichen Freiheit eine Chance für innere Entwicklung.

Ein Schritt in Richtung Restorative Justice

Restorative Justice – an Wiedergutmachung orientierte Justiz – beschreibt Zugänge im Umgang mit Konflikten und Kriminalität, die auf Wiedergutmachung und Heilung ausgerichtet sind. Statt Strafe wird die Lösung im Dialog mit den Beteiligten gesucht, die selbst Entscheidungen treffen. Beispiele für restorative justice im Rechtssystem sind Mediation, Family Group conferencing und restorative circles. Üblicherweise ersetzen diese die regulären gerichtlichen Verhandlungen. Meditieren im Gefängnis ist eine Aktivität, die erst nach Verurteilung und einem Strafprozess geschieht. Inwiefern ist es überhaupt eine restorative Praxis?

Hilfreich hierbei ist eine Unterscheidung in restorative Praktiken, die aus den Denkmustern eines vergeltenden Gerechtigkeitsverständnisses aussteigt und solche, die zwar innerhalb dessen bleiben, aber wiedergutmachende Elemente einbringen. Meditation im Gefängnis entspricht wohl letzteren: eine Verurteilung basierend auf Fragen von Schuld und Strafe ist bereits geschehen in einem regulären Gerichtsprozess. Meditation soll den Inhaftierten dabei helfen, mit sich selbst und mit der Außenwelt zu Recht zu kommen – ein Zugang der auf Heilung abzielt.
Als wiedergutmachungsorientierte Maßnahme nach regulären Strafprozessen kann Gefängnismeditation durchaus als restorative Praxis beschrieben werden, auch wenn sie nicht die Strukturen eines vergeltenden Gerechtigkeitssystems verlässt. Meditation fördert die Inhaftierten, positive Veränderung im Inneren zu entwickeln. Der Direktor des Gefängnisses sagt, die regelmäßigen Meditationen wirken sich positiv auf die Inhaftierten aus: sie verhalten sich freundlicher und es gibt weniger Konflikte. Offizielle Evaluierungen über die Auswirkung der Meditation gibt es in dem Gefängnis (noch) keine. Obwohl auch in vielen anderen Gefängnissen in Thailand der Besuch von Mönchen und gemeinsames Meditieren gängige Praxis ist, gibt es kaum offizielle Berichte darüber in englischer Sprache.

Mit dem Aufkommen des sozial engagierten Buddhismus  in den 1970ern sind buddhistische Mönche und Nonnen vermehrt in sozialen Projekten aktiv, so auch in der Gefängnismeditation. In vielen indischen Gefängnissen werden regelmäßig 10-tägige Vipassana Meditationskurse veranstaltet. Ein Dokumentarfilm darüber mit dem Titel „Doing time, doing Vipassana“ verstärkte die internationale Aufmerksamkeit und seit den 1990ern werden auch in westlichen Ländern, wie Großbritannien und Nordamerika, verstärkt Meditationskurse in Gefängnissen organisiert. Studien zeigen positive Ergebnisse, wie ein kooperativeres Verhalten mit den HaftaufseherInnen und geringere Rückfälligkeitsraten.

Meditation in Gefängnissen als Allheilmittel anzusehen wäre wohl überspitzt. Die Frage nach ‚der einen Lösung‘ ist vielleicht genauso überspitzt. So wie Gesetzesverstoße oder verletzendes Verhalten in unterschiedlichen Motivationen gründen, so wird auch Meditation alleine die Probleme nicht lösen. Positive Berichte und der verstärkte Einsatz von Gefängnismeditation zeigen jedoch hoffnungsbringenden Auswirkungen. Betrachten wir Gefängnismeditation als ein Mosaikstein in Richtung wiedergutmachender und heilender Zugänge im Umgang mit Kriminalität, scheint das Potential als Beitrag zu einem harmonischeren Miteinander groß.

Während wir alle gemeinsam da sitzen und der Stille und unserem Atem lauschen fühlen sich Schuld und Verurteilung sich weit weg an. Eine Begegnung in der das Menschsein zählt.

Carina Pichler, 14.4.2014

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