Fleischatlas 1 und 2

Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel
Hg.: Heinrich Böll Stiftung und BUND, die dt. Sektion von Friends of the Earth, Le Monde diplomatique
Berlin 2013, jeweils 52 Seiten, gratis-Download

Die Fleischatlanten von Le Monde Diplomatique gelten landauf, landab als eine vorbildliche Dokumentation. Wie viele Ungereimtheiten und Fehler sich dort tummeln ist offenbar nur mir aufgefallen.

Ein Bericht über meine abenteuerliche Reise durch die Fleischatlanten, Teil 2.

Wer parallel zur Rezension die Inhalte der Atlanten vergleichen möchte findet hier die Downloads.
 

Level 2
oder
Wie „die Statistiker in ihrer Sorgfalt immer wieder für Verwirrung sorgen

Nach den knapp 16.000 Liter Wasserverbrauch für das Kilo Rindfleisch war die nächste Frage, die mich interessierte: wo wird auf der Welt am meisten Fleisch verdrückt? Und wieviel ist das überhaupt?

Zuerst ein schneller Blick ins Internet und das bot mir in seiner unermesslichen Opulenz gleich mehrere Kandidaten an: Argentinien zum Beispiel. Oder Zypern. USA auch nicht schlecht. USA bestätigte mir auch der Fleischatlas: „Größter Fleischvertilger sind noch immer mit deutlichem Abstand die USA.“ (I, 18)

Mittlerweile bin ich ins Thema ein bisserl eingelesen und weiß daher: wer sich schlau machen will, wieviel Fleisch wo pro Nase in einem Jahr verdrückt wird, hat es nicht leicht, da die Angaben darüber stark variieren. Das hat einen guten Grund: „Fleischverbrauch“ und „Fleischverzehr bzw. -konsum“ beschreiben zwei unterschiedliche Sachverhalte und werden nur zu oft verwechselt. Damit bietet sich übrigens auch eine willkommene Option für diejenigen an, die mit möglichst hohen Mengen beeindrucken wollen: Das Internet ist eine nicht enden wollende Quelle mit Beispielen davon, wieviel Fleisch angeblich irgendwelche Menschen irgendwo essen.

Der Fleischverzehr, also das, was tatsächlich gegessen wird, liegt in Deutschland aktuell bei knapp 60 kg pro Nase. Machen wir dazu einen kleinen

Exkurs:
Ein Blick in die Wikipedia zum Artikel „Fleischkonsum“

http://de.wikipedia.org/wiki/Fleischkonsum

Während es bereits im Intro heißt „Der Fleischkonsum in Deutschland liegt bei rund 60 Kilogramm.“, weiß der Kasten unten rechts zu 2009, Deutschland hätte einen Fleischkonsum mit 88,1 kg Fleisch/Kopf. Folgen wir nun dem Link „Fleischkonsum in Deutschland“ im Intro, dann lesen wir dort: „Zwischen 1961 und 2011 stieg der Fleischverbrauch in Deutschland von durchschnittlich 64 kg auf 90 kg pro Kopf und Jahr.“ - Das ist prinzipiell richtig, nur: Der Wiki-Artikel handelt ja gerade nicht vom Verbrauch, sondern vom Fleisch-Konsum. Die ganze Sache wird durch eine nach dem letzten Wiki-Satz eingefügte Fußnote [5] noch skurriler, denn dort, auf den Seiten des Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie, wird der ganze Sachverhalt völlig korrekt in zwei Tabellen aufgedröselt erläutert, siehe http://www.bvdf.de/in_zahlen/tab_05

(Internet-Abrufe jeweils am 12.4.2014)
 

T-Bone Steak; auch Namen-gebend beim <br> Blues-Gitarristen T-Bone Walker, der als Kind <br> mit Blind

T-Bone Steak; auch Namen-gebend beim
Blues-Gitarristen T-Bone Walker, der als Kind
mit Blind "Lemon" Jefferson unterwegs war.

Ich hätten die Verwechslungen auf der Wikipedia noch weiter ausführen können, aber dass man der Wikipedia und den dort genannten Zahlen mit Vorsicht begegnen muss, versteht sich von selbst und diente nur zur Illustration der Problemlage ganz allgemein. Dass die FachautorInnen von BUND und Heinrich-Böll-Stiftung, die den Fleischatlas geschrieben haben, diese bescheidene Hürde von Verbrauch & Verzehr mit links nehmen müssen, versteht sich ebenfalls von selbst. Immerhin sind gerade hier korrekte Zahlen für die ganze Fleisch-Diskussion von eminenter Bedeutung.

Sehr vorbildlich wird dort auch auf I, 18 über den Sachverhalt aufgeklärt: „Wobei die Statistiker in ihrer Sorgfalt immer wieder für Verwirrung sorgen. Beim Pro-Kopf-Verbrauch berechnen sie nicht diejenige Fleischmenge, die tatsächlich im Magen landet, sondern das „Bruttogewicht“ inklusive Abfälle. Beim Pro-Kopf-Verzehr wird dagegen
nur die wirklich verspeiste Menge angegeben; die Verbrauchszahlen sind etwa um den Faktor 1,4 höher als die Verzehrzahlen.“

Was also auf den Tellern bzw. in der Folge im Magen landet, ist der Verzehr. Dieses Wissen des Autors hält allerdings nicht lange vor: Bereits eine Seite weiter auf I,19 prangt über einer ganzseitigen Graphik der Titel „Auf den Tellern der Welt“ und die erstaunten LeserInnen werden darunter belehrt: „Fleischverbrauch pro Kopf 2012“...
Bleibt den wirklich hartgesottenen und wissensbegierigen LeserInnen also nur eins: die dort angeführten Mengen für Rindfleisch, Schwein und Geflügel zusammenzuzählen und im Internet zu recherchieren, was der Fleischatlas da jetzt eigentlich tatsächlich dargestellt hat. - Unter uns gesagt: Es dürfte mit 114,5 kg der Verbrauch sein (also besagtes Brutto-Gewicht der Schlachttiere), denn auf I, 18 verrät eine kleine Tabelle den Verzehr für 2012: 75 kg Fleisch pro US-amerikanische Nase.

Aber da haben wir schon das nächste Problem:
Sie erinnern sich an die Eingangsbehauptung des Autors?
„Größter Fleischvertilger sind noch immer mit deutlichem Abstand die USA.“ - Diese US-amerikanischen 75 kg werden allerdings z. B. von Dänemark oder Spanien mit über 80 kg locker in den Schatten gestellt. Und es sei an dieser Stelle auch noch ein kleiner Seitenblick in den Fleischatlas II, 17 erlaubt: „In keinem anderen Land der Welt wird so viel Fleisch produziert und gegessen wie in China.“ (Wieder völlig andere Angaben zu China präsentiert eben dieser Atlas II dann bereits 20 Seiten weiter, siehe Graphik; dort im Artikel übrigens ebenfalls ein rechtes Kuddelmuddel bzgl. Verbrauch und Verzehr, siehe II, 36 -37).

Verbrauch vs. Verzehr: <br> Lady Gaga macht Stimmung <br> als Tierrechtsaktivistin <br> im Fleischkostümchen

Verbrauch vs. Verzehr:
Lady Gaga macht Stimmung
als Tierrechtsaktivistin
im Fleischkostümchen

An Biodiversität herrscht hier wahrlich kein Mangel und deswegen finden wir neben II, 35 wo nochmal die kleine Tabelle mit 75 kg Verzehr abgebildet ist auch eine weitere Graphik, die den US-Fleisch-Konsum diesmal mit geschätzten 92,4 kg für 2010-12 ausweist.

Aber es kommt noch bunter:
Gehen wir zurück auf I, 18. Dort erläutert uns der Autor: „Rein rechnerisch isst dort (in den USA) jeder Mann täglich 196 Gramm, Frauen kommen auf 125 Gramm).“ Inzwischen bin ich in punkto Zahlen beim Fleischatlas allerdings so misstrauisch geworden, dass ich nachrechne. Und tatsächlich: jetzt habe ich durchschnittlich erstaunliche 58 kg pro Nase für beide Geschlechter, statt wie erwartet 75kg! Und das, obwohl hier möglicherweise Kinder und Greise nicht mit einbezogen wurden, d. h. das Endergebnis der Erwachsenen über 75kg, aber keinesfalls darunter liegen sollte.

Fassen wir also zusammen: in den Fleisch-Atlanten finden wir für den aktuellen pro Kopf-Verzehr von Fleisch in den USA angeboten:

a) 75 kg
b) 58 kg
c) 114,5 kg
und als Bonus:
d)  geschätze 92,4 kg
 
Wie viel wird also tatsächlich in den USA pro Kopf  verzehrt? Man darf diesbezüglich bereits auf Atlas Nummer 3 gespannt sein...
(Es ist international nicht üblich die Zahlen zu Verbrauch und Verzehr extra zu berechnen. USA hatten laut Earth Insitute, das sich auf Zahlen des US-Landwirtschaftsministeriums bezieht, 2012 einen Verbrauch von 104,8 kg; man darf also von einem aktuellen Verzehr von ca. 70kg/Kopf ausgehen. Das liegt leicht über den österr. Zahlen.).
 

Ziemlich aus der Luft gegriffen sind dann die Angaben zum europäischen Fleischverbrauch und -verzehr im Folgebeitrag auf I,20. Dort erzählt man den LeserInnen “In Mittel- und Osteuropa ist der Fleischverzehr am höchsten, die Süd- und Nordeuropäer ernähren sich etwas fleischärmer.” - Man vergleiche staunend diese Aussage mit dieser Tabelle vom Deutschen  Bundesministerium für Ernährungs- und Landwirtschaft:
http://berichte.bmelv-statistik.de/DFT-9100050-0000.pdf


Wir hätten uns dieser Sache freilich nicht so lange und ausführlich gewidmet, wenn sie nicht von großer Bedeutung für beide Fleischatlanten wäre: Wenn man in der Wiedergabe eines so zentralen Punktes wie der korrekten Darstellung des  Fleischverzehrs und -verbrauchs versagt, dann ist das Vertrauen in das gesamte Produkt Fleischatlas schwer erschüttert. Denn auf Angaben zu Verzehr und Verbrauch stoßen wir dort oft. Aber werden diese Begriffe immer richtig verwendet? Die LektorInnen waren ganz offensichtlich nicht in der Lage, die vielen Ungereimtheiten, die mir hier als Laien bislang aufgefallen sind, auszumachen. Wer die Atlanten verwenden will, ist also gut beraten, alle Zahlen und Tabellen, die er/sie von dort verwendet, nachzuprüfen. - Aber, werden Sie jetzt einwenden, was bringt mir ein Fleischatlas denn überhaupt, wenn ich mich nicht auf seine Zahlen verlassen kann? Eine nur zu berechtigte Frage.
 

In einer Woche gehts an dieser Stelle weiter mit:
Level 3 oder "Small is beautiful - ?".

Teil 1 der Rezension finden Sie hier.

>> hier geht's zu Level 3.


Rezensent: Thomas Divis, 15. April 2014; thomas.divis | at | suedwind.at
 

Fotocredit:
Mitte: Thiago R Ramos über Wikimedia
Unten: Wikimedia

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