Fleischatlas 1 & 2 – Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel

Hg.: Heinrich Böll Stiftung, BUND – die dt. Sektion von Friends of the Earth, Le Monde diplomatique
Berlin 2013, jeweils 52 Seiten, gratis-Download

Die Fleischatlanten von Le Monde Diplomatique gelten landauf, landab als eine vorbildliche Dokumentation. Wie viele Ungereimtheiten und Fehler sich dort tummeln ist offenbar nur OneWorld.at aufgefallen.

Ein Bericht über meine abenteuerliche Reise durch die Fleischatlanten, Teil 3.

Massentierhaltung in der Natur: <br> Ameise

Massentierhaltung in der Natur:
Ameise "melkt" Blattlaus

Wer parallel zur Rezension die Inhalte der Atlanten vergleichen möchte findet hier die Downloads.
(I,45 bezeichnet in unserem Text jeweils den Band + Seitenangabe)

Hier finden Sie von dieser Rezension Level 1 und Level 2.

 

Level 3
oder
„Small is beautiful - ?“


Heute kommen wir zum dritten und vorletzten Teil meiner abenteuerlichen Reise durch die Fleischatlanten.

Doch bevor wir beginnen, möchte ich zum vorigen Teil bzgl. Fleisch-Verzehr noch Folgendes ergänzen: Neugierig wie ich bin, habe ich mit dem deutschen Agrarstatistiker Georg Keckl Kontakt aufgenommen. Der hat nämlich eine ungemein spannende Website www.keckl.de mit vielen engagierten, quergedachten Beiträgen, die er jeweils mit einer Fülle von Zahlenmaterial unterlegt.

Herr Keckl hat mich bzgl. der offiziellen 60kg Fleischverzehr/Kopf in Deutschland auf folgenden Umstand hingewiesen:

„die rund 60kg pro Kopf sind ein aus den Schlachtmengen und für Deutschland aus dem „nicht an Verbraucher verkauften Mengen des Schlachtkörpers“ errechneter Wert, der sich über den Mikrozensus nicht nachvollziehen läßt. Im Mikrozensus werden Verbraucher (Stichprobe) gebeten, alle Einkäufe (auch Außer-Haus-Essen) nach Preis und Gewicht aufzuschreiben. Auch in der nationalen Verzehrstudie (Stichprobe) wurde untersucht, was die Deutschen essen. Da kam man auf einen Fleisch&Wurst-Verzehr von etwas über 40 kg.“

Das bedeutet für uns, dass selbst der, mit 60kg sehr moderate Fleischverzehr der Deutschen angezweifelt werden darf. Man bedenke, wie weit wir jetzt bereits von den in den Fleisch-Diskussionen wiederholt genannten 90kg/Kopf entfernt sind!

Die Arbeiten Keckls sind u. a. auch deswegen so spannend, weil er vehement darauf hinweist, welche Vorteile eine moderne Nutztierhaltung, sowohl für die Tiere, als auch für Umwelt und KonsumentInnen ermöglichen kann. Damit bringt er eine völlig andere Sichtweise ein, als etwa diejenige in den Fleischatlanten. Keckl macht z. B. auch darauf aufmerksam, dass die Anzahl der Schweine global um 42% verringt werden könnte, wenn Schweinehaltung weltweit auf dem qualitativem Niveau Deutschlands passieren würde. - So eine Sicht ist freilich der der Fleischatlanten völlig entgegengesetzt. Georg Keckl weist immer wieder mit Nachdruck darauf hin, dass in der Fleischdiskussion oft mit falschen Zahlen und Sachverhaltsdarstellungen gearbeitet würde.

 

 

 

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß: <br> EHEC-Kolonien

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß:
EHEC-Kolonien


Auch  bei mir entstand beim Lesen und Durcharbeiten der beiden Fleischatlanten das vehemente Gefühl, hier würde es oft um eine Art von Fleisch-Bashing gehen.

Bereits in Atlas 1 stoße ich ab Seite 10 auf eine kurze „Geschichte des Nein“. Historische Persönlichkeiten und Bewegungen, die dem Fleischkonsum entsagten, werden dort vorgestellt. Aber warum nur diese, frage ich mich? Warum keine kurze Geschichte des Jein? Warum keine kurze Geschichte des Ja?

Bei eben diesem Artikel auf Seite 11 finde ich dann auch einen großen Kasten, der satte 25 „Ausgewählte Lebensmittelskandale seit 1985“ (bis 2012) vor allem für Deutschland, auflistet. Sehr beeindruckend – und überall ist in irgendeiner Form Fleisch oder Tierhaltung involviert. Aber irgendetwas stimmt da nicht.  - Richtig! - Die EHEC-Krise fehlt! Der EHEC-Erreger verursachte 2011 einige tausend Erkrankungen und forderte über 50 Todesopfer. Das war der größte bakterielle Ausbruch in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg! Allerdings: EHEC wurde über Bio-Sprossen übertragen. Und die Bio-Sprossen stammten aus einem bio-veganen Pionier-Betrieb. - Ist das der Grund, warum die EHEC-Krise hier mit keinem Wort genannt wird?

Wieder steigt das Gefühl in mir hoch, von den AutorInnen des Fleischatlas massiv manipuliert zu werden. Am Ende von Atlas I behaupten zwei Autorinnen auf Seite 46 weiter: „Als abschreckendes Beispiel gelte die USA: Jährlich erkranken dort 48 Millionen Menschen an Bakterien, die sie sich durch den Kontakt mit tierischen Produkten eingefangen haben.“ Bei so einer stolzen Zahl werde ich inzwischen automatisch misstrauisch und finde tatsächlich: „Lebensmittelinfektionen sind mit hohen volkswirtschaftlichem Kosten verbunden. In den USA wird von jährlich zehn Millionen Infektionen gesprochen.“ wissen die AutorInnen des Buches „Wer hat das Rind zur Sau gemacht?“, S.147, das ich meinem Schatz vor einigen Monaten unter den Christbaum gelegt hatte und das nun auch mich zu interessieren beginnt. Bereits drei Seiten früher liest man dort: „Ein Report der US-Verbraucherschutzorganisation „Center for Science in the Public Interest“ (CSPI) belegt, dass frisches Obst und Gemüse für deutlich mehr Salmonellenausbrüche verantwortlich sind als Geflügel. Zudem waren bei Masseninfektionen durch Obst und Gemüse durchschnittlich fünfmal mehr Menschen betroffen als beispielsweise durch Meeresfrüchte. Häufigste Ursache von Ausbrüchen waren Noroviren, gefolgt von E. Coli und Salmonellen. Beim aktuellen EHEC-Ausbruch 2011 in Deutschland gab es über 4000 Erkrankte.“ Und während hier in diesem Buch die Quellen penibel genau dokumentiert wurden, passiert in den Fleischatlanten (durchgehend) das Gegenteil, indem man gerade mal auf die Startseite einer Website oder ein Buch verweist – doch nicht für einen einzelnen Sachverhalt, sondern für eine ganze gedruckte A4-Seite!

Laufstall; ca. 70% der dt. Rinder<br> sind in Laufställen untergebracht

Laufstall; ca. 70% der dt. Rinder
sind in Laufställen untergebracht


Small is beautiful

Small is beautiful ist sowas wie das Credo der Öko-Szene: klein = gut, groß = böse, Natur = gut, Künstliches = böse etc. etc. Das ist auch eine fast durchgehende Botschaft im Fleischatlas.

So eine einseitige Denkweise ist natürlich absurd: Jede/r von uns weiß, dass man mit einem großen Bus klimafreundlicher als mit vielen kleinen Autos unterwegs ist. Wir alle schlafen lieber in unserem weichen Bettchen, als draußen im feuchten Gras. Fairtrade-Produkte im Supermarkt sind wünschenswert. Und wer hat sich nicht schon mal auf einer Reise am andern Ende der Welt über ein McDonalds-Restaurant gefreut, weil man weiß, dass man dort mit ziemlicher Sicherheit mit einem sauberen Häusl rechnen kann?

Bei der Ernährung versagt dieses Wissen aber weitgehend: Da kann ein einzelner Tanker noch so viele hundert Tonnen Südfrüchte recht klimafreundlich heranschippern, gegen idyllische, bio-regionale Öko-Bilder in unserem Kopf hat er kaum eine Chance. Dabei könnte sich in Zukunft gerade der erhöhte Flächenbedarf von Bio-Produkten wegen ihrer geringeren Erträge/Fläche als  Problem etablieren. Die NGO Foodwatch hat für Deutschland 2008 in einer Studie errechnet, dass man, bei gleichbleibender Ernährung, für den gleichen Ertrag 87% (!) mehr von der aktuellen Agrarfläche brauchen würde. (Quelle: http://www.foodwatch.org/uploads/media/foodwatch-Report_Klimaretter-Bio_20080825_01.pdf  Seite 25) Wer also auf der Suche nach “Landgrabbing mit Messer und Gabel” ist, hat gerade im Bio-Bereich gute Chancen fündig zu werden.

Vor Massentierhaltung und ihren Folgen wird in den Fleischatlanten ständig gewarnt, kleinbäuerliche Betriebe werden gehypt. Aufmerksame LeserInnen werden an einigen, wenigen Stellen allerdings aufhorchen: “In Pakistan etwa schreitet die Urbanisierung sehr schnell voran, die Metropole Lahore wächst um 300.000 Einwohner pro Jahr. Die Lieferung von Fleisch und Milchprodukten kommt auf den traditionellen Handelswegen nicht nach. Der Mangel an Waren und ihre schlechte Qualität treibt den Mittelstand in die Supermärkte, wie die Tageszeitung Express Tribune berichtet. Berufstätige Frauen, weiterhin für die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig, hätten keine Zeit mehr, von Laden zu Laden zu laufen, um die Qualität des empfindlichen Fleisches zu prüfen und mit den Verkäufern um Preise zu feilschen.” (II, 16). Und auch im Artikel zum globalen Fleischmarkt auf II, 11 heißt es einmal kurz: “Denn exportieren kann nur, wer den Qualitätsansprüchen in den Abnehmerländern entspricht und dies auch nachweisen kann.”

Bedeutet also eine industrialisierte Landwirtschaft doch nicht den heraufbeschworenen Weltuntergang, sondern möglicherweise schlicht höhere hygienische Qualität und Versorgungssicherheit in Zeiten globaler Landflucht und damit einhergehender Verstädterung? Natürlich nicht, versichert der Fleischatlas: “In der Intensivhaltung breiten sich Krankheiterreger schneller und leichter von einem Tier auf das nächste aus, sowohl im Stall wie beim Transport.” und “Je größer ein System desto anfälliger.” (II, 13). Allerdings bleibt die Autorin die Zahlen schuldig, die diesen nur zu bestechenden Gedankengang auch belegen würden. Verheerend Epedemien wüten auch unter Wildtieren. Erreger haben in der Natur wohl ein leichteres Spiel als bei geschlossenen Systemen: In diese müssen sie zuerst eindringen bzw. aus ihnen ausbrechen. - Wie gesagt, entsprechendes Zahlenmaterial könnte diese spannende Frage klären, aber genau das bleibt die Autorin ihren LeserInnen schuldig.

“Landgrabbing mit Messer und Gabel” <br> Wieviel russische Ackerfläche steckt in <br> einer Flasche Wodka? Kommt nach <br> dem Fleisch- der Alkohol-Atlas?

“Landgrabbing mit Messer und Gabel”
Wieviel russische Ackerfläche steckt in
einer Flasche Wodka? Kommt nach
dem Fleisch- der Alkohol-Atlas?


“Landgrabbing mit Messer und Gabel”

“Allein für die deutsche Tierproduktion werden nun in Lateinamerika auf etwa drei Millionen Hektar Soja angebaut: “Landgrabbing mit Messer und Gabel” nennt der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling diesen Übergriff.” (I, 39)

Warum, frage ich mich, wird nicht auch die Fläche berechnet, die die Deutschen aufgrund ihres Oliven und Olivenölkonsums in Griechenland “verbrauchen”, um das dann “Landgrabbing mit Messer und Gabel” zu nennen? - Diesem Muster folgend kann ich doch wirklich jede Art von Handel schlechtreden! Zum Beispiel auch jede Form von Fairtrade-Importen.

Was aber, frage ich mich weiter, wenn besagter Flächenverbrauch durch Sojaanbau für Deutschland von kleinen brasilianischen Öko-Kooperativen gedeckt  würde? - Diese Option wird im Fleischatlas nämlich als eine der aktuell möglichen Alternativen vorgestellt: “Der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) und die brasilianische Organisation “Abrange” hingegen behaupten: Es gibt Alternativen. Allein die Mitglieder von Abrange erzeugen jährlich acht Millionen Tonnen Soja, aus denen sechs Millionen Tonnen Sojaschrot gewonnen werden – das ist mehr als die deutschen Tiererzeuger im Jahr verfüttern.” - Dann ist alles Öko und nun gibts offenbar kein Problem mehr mit “Landgrabbing mit Messer und Gabel”? - Das kann doch wohl nicht sein!  Erwähnung findet nicht einmal, dass Bio-Anbau bekanntlich geringere Erträge als konventioneller bringt. D. h. gerade im Bio-Anbau wird nochmals zusätzliche Fläche benötig...

Damit entpuppt sich das “Landgrabbing mit Messer und Gabel” nun wirklich als ein ideologischer Kampfbegriff, der im Fleischatlas nur dem zum Abschuss freigegebenen Feindbild umgehängt wird.

Die ideologische Schönfärberei geht sogar soweit, dass Kinderarbeit idealisiert wird: “[...] dank der Mitarbeit der Familie sind sie [semipastoralistische Kleinbauern] in der Lage, ihre Kosten niedrig zu halten und ökonomisch effektiv zu arbeiten.” (II,40)
In so einer Situation bittet niemand den anderen, ob er, sie oder es vielleicht so nett wäre und mithelfen würde, sondern die Menschen werden in eine brutale ökonomische Realität hineingeboren, die kein Nein duldet. - Ein erschreckendes Zeugnis über seine Kindheit als Schafhirte legte der sardische Schriftsteller Gavino Ledda in seinem autobiographischen Roman “Padre Padrone. L'educazione di un pastore” ab. Das Buch beginnt damit, dass er als Sechsjähriger nach nur wenigen Monaten Schulbesuch von seinem Vater aus der Klasse abgeholt wird, weil dieser niemanden hat, der ihm sonst die Schafe hüten könnte. Damit beginnt Leddas Leidensweg zwischen patriarchaler väterlicher Gewalt und der Einsamkeit auf den Weiden. (Sardinien ist so sehr von der Eintönigkeit der Schafzucht geprägt, dass man dort selbst in den Kirchengesängen noch das Schafblöken heraushört).
Die autobiographische Literatur des 20 Jh.s ist voller Zeugnisse darüber, unter welchen schwierigen Umständen  Menschen am Land aufwuchsen und ich gehe davon aus, dass Teile davon auch der Autorin des Beitrags über Weidewirtschaft/Hirten geläufig sind.

Wenn die Autorin am Ende des Artikels doch noch aufzeigt "Nicht jeder Bauernnomade und Kleinbauer will seine jetztige Lebensweise beibehalten." und fortfährt "Doch diejenigen, die dies wünschen, sollten auch die Möglichkeit dazu haben.", dann sehnt sich der Gutteil dieser 800 Millionen Personen (Angaben laut Atlas) wohl eher nach der Forderung: "Doch diejenigen, die dies nicht wünschen, sollten auch die Möglichkeit dazu haben.".
 

In einer Woche gehts an dieser Stelle weiter mit Level 4.

Hier finden Sie von dieser Rezension Level 1 und Level 2.

>> Hier geht's zu Level 4 .

Rezensent: Thomas Divis, 23. April 2014; thomas.divis | at | suedwind.at

 

Verwendete Literatur:

  • Gavino Ledda: Padre Padrone – Mein Vater, mein Herr (Fischer TB 2232)
  • U. Pollmer/A. Fock/M. Niehaus/J. Muth: Wer hat das Rind zur Sau gemacht? - Wie Lebensmittelskandale erfunden und benutzt werden (rororo TB 62760)
  • Georg Keckl zur Geschichte der EHEC-Krise:
    www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/000919

Bilder:

1.) Wikimedia, User: böhringer friedrich
2.) Wikimedia; Source: United States Department of Agriculture
3.) Wikimedia; Source: PikiWiki - Israel free image collection project
4.) Wikimedia, User: Th1234
 

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