Brasilien: Ein Land steht Kopf

Die ganze Welt blickt gespannt auf Brasilien. Doch nicht alle BrasilianerInnen sind in Feierlaune.

©wikicommons/

©wikicommons/

Bei genauerem Hinsehen jedoch, beginnt die Fassade dieses glanzvollen sportlichen Ereignisses zu bröckeln. Die Schattenseiten der WM haben im Besonderen in den letzten Wochen und Monaten  große mediale Aufmerksamkeit erfahren. Von Straßenschlachten, Aufständen, Menschrechtsverletzungen, Zwangsräumungen und Umsiedlungen, die im Zuge der Vorbereitungen entstanden sind, ist zu lesen und zu hören.

 

Wut im WM-Land

Brasilien erlebt Massendemonstrationen. Über 20 Million Menschen demonstrierten in den letzten Monaten landesweit - das gab es seit Jahrzehnten nicht. Auslöser waren die Preiserhöhungen des Nahverkehrs in Sao Paolo, die mittlerweile zurück genommen wurden. Die Menschen gehen aber weiterhin auf die Straße um ihren Unmut Luft zu machen – BrasilianerInnen aus allen sozialen Schichten haben sich den Demonstrationen angeschlossen. Mittlerweile richtet sich der Zorn der Bevölkerung aber vor allem gegen die enormen Kosten der Fußball WM und den 2016 stattfinden Olympischen Spielen.

Die brasilianische WM ist die teuerste Weltmeisterschaft aller Zeiten. Viele DemonstrantInnen kritisieren, dass für die Sportanlagen 26 Milliarden Dollar staatlicher Gelder ausgegeben werden, während für öffentliche Dienstleistungen die Mittel fehlten. Die horrenden Summen, welche in den Bau der Stadien und Hotels flossen und große Teile der Favelas einfach planierten, sowie die gleichzeitige Vernachlässigung des Sozial- und Gesundheitssektors, stoßen den BrasilianerInnen sauer auf. Bereits mehr als 250000 Menschen mussten den WM-Bauten weichen ohne dafür eine angemessene Entschädigung zu erhalten. Betroffen sind wie immer die ärmeren Bevölkerungsschichten – wohlhabende Gebiete bleiben unangetastet.

Die Menschen setzen sich gegen diese Vorgangsweise zur Wehr, sie kritisieren die Korruption des Landes und die Unfähigkeit ihrer Regierung, die es verabsäumt neben der wirtschaftlichen Entwicklung auch die Soziale voranzutreiben. Untrennbar damit verbunden ist auch der Kniefall der brasilianischen Regierung vor der Fifa und dem IOC, den Wächtern über die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Dem Diktat der Fifa und des IOC scheint sich die Regierung bereitwillig zu beugen – die Stimme der eigenen Bevölkerung hingegen scheinen die MachthaberInnen nicht hören zu wollen. So kam es 50 Tage vor Beginn der WM abermals zu groß angelegten Demonstrationen und Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und der Polizei. Massive und repressive Polizeieinsätze, Gewalt gegen die DemonstrantInnen, zahlreiche Verletzte und auch Tote sind traurige Bilanz der bisherigen Vorkommnisse.

 

Die WM geht – die Menschen bleiben

Die WM sei eine „historische Chance für die Entwicklung unseres Landes“ versichert die brasilianische Regierung. Dies mag zwar schön klingen, in der Realität sieht es allerdings anders aus. Brasilien erfährt derzeit eine Krise der Repräsentativität. Die Menschen fühlen sich nicht von den Regierenden vertreten. Dieser Unmut ist über die Jahre gewachsen und politische wie soziale Probleme verschärften sich im Laufe der Zeit, wobei nun das Fass zum Überlaufen gebracht wurde. Die Vorbereitungen für die WM und Olympia förderten diese Missstände zu Tage und emanzipierten die Bevölkerung sich gegen die Mächtigen zur Wehr zu setzen. Die Proteste richten sich also nicht nur gegen die Sportereignisse im Besonderen, sondern vielmehr gegen die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Versäumnisse im Allgemeinen. Die Menschen gehen für ein gerechteres Brasilien auf die Straße - denn die Fußball WM geht vorbei, aber das Leben der Menschen geht weiter.

 

Die konkreten Auswirkungen sind natürlich noch nicht abzusehen, jedoch scheint sich das Bild von Brasilien immer mehr zu wandeln und die Demokratie scheint aufgrund der Proteste stärker zu werden. Auch die mediale Aufmerksamkeit konnte so gewonnen werden und die Ungleichgewichte im Land einem globalen Publikum vermittelt werden. Die Zivilgesellschaft übt derzeit großen Druck auf die Regierung aus. Brasilien steht im Mittelpunkt des weltweiten Interesses, so dass es sich die Regierenden nicht mehr allzu lange leisten können, nicht auf die Nöte der Protestierenden einzugehen. Denn die bisherigen Zugeständnisse reichen bei weitem nicht aus.


In den kommenden Monaten wird sich zeigen ob die brasilianische Bevölkerung und die internationale Solidarität eine tatsächliche Verwirklichung einer menschengerechten und sozialen Entwicklung fördern können, oder ob letzten Endes die sozialen Brennpunkte durch das Fußballfieber verdeckt werden und einmal mehr Politik und Wirtschaft die wirklichen Gewinner des Fußball-Spektakels sein werden.

Alexandra Grieshofer, 30.6.2014

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook