Chile: Soziale Bewegungen bauen eine Stadt wieder auf

Am 12.April wurde die chilenische Hafenstadt Valparaíso von einem verheerenden Brand heimgesucht. Die Stadtregierung muss schwere Vorwürfe wegen mangelhaftem Katastrophenschutz einstecken. Gleichzeitig arbeiten die sozialen Bewegungen daran, die Schäden zu beseitigen und die Stadt wieder bewohnbar zu machen.

Die bunten Häsuer von Valparaiso. ©Barbara Andrade.

Die bunten Häsuer von Valparaiso. ©Barbara Andrade.

Bei dem fünf Tage anhaltenden Großbrand kamen 15 Menschen ums Leben, 3.000 Gebäude brannten nieder und 12.000 Menschen verloren ihre Behausung. Bei dem schlimmsten Brand in der Geschichte der Stadt wurde eine Fläche von mehr als 10 km2 auf sieben Hügeln verbrannt. Einen Monat lang wurde Valparaíso unter militärische Kontrolle gestellt.

Valparaíso wurde von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt und ist bekannt für sein markantes Erscheinungsbild: Die bunt bemalten Häuser erstrecken sich wie ein Amphitheater entlang der Hänge, die den Hafen umgeben. Die Stadt war der Geburtsort sowohl von Salvador Allende wie auch von Augusto Pinochet. In den letzten Jahren entwickelte sich Valparaíso zu einem der Zentren der chilenischen Studierendenbewegung. Charakteristisch für Valparaíso ist eine der ungleichsten Einkommensverteilungen des Landes. 22% der Bewohner_innen der Stadt leben unter der Armutsgrenze – weit mehr als der Landesdurchschnitt von 14%.

 

Vernachlässigte Armensiedlungen

Das küstennahe Flachland im Zentrum der Stadt wird von den wohlhabenden Einkommensschichten bewohnt, während sich an den Hügeln an der nördlichen und südlichen Peripherie verarmte Familien angesiedelt haben. Hier sind seit den 1970er Jahren die campamentos entstanden, also Armensiedlungen aus selbst erbauten und informellen Häusern, die meistens aus Landbesetzungen hervorgingen. Es wird berichtet, dass Valparaíso als drittgrößte Metropolenregion des Landes die größte Anzahl von campamentos ganz Chiles aufweist. Diese hügelseitigen campamentos wurden am stärksten vom Großbrand in Mitleidenschaft gezogen. Eine offizielle Umfrage ergab, dass in 83% der betroffenen campamentos Frauen den Haushaltsvorstand stellen und als Straßenverkäuferinnen und Kartonsammlerinnen arbeiten. Viele der Familien verfügen über keinen formellen Besitztitel für das Land, auf dem sie wohnen. (1)

In der Geschichte von Valparaíso gab es immer wieder Brände, die von den starken Sommerwinden an der Küste angefacht werden und sich schnell über die schlecht zugänglichen Hänge ausbreiten. In den letzten Jahren kamen verlängerte Dürrezeiten und durch den Klimawandel bedingte und für die Jahreszeit unübliche Temperaturen hinzu. Doch neben den natürlichen Umständen gibt es auch politische Fehler, die solche Katastrophen begünstigen. Das unregulierte Wachstum der Siedlungen in der Peripherie führte auch dazu, dass Menschen sich in prekären Regionen ansiedelten. Auch die engen und sich an den Hügeln entlang windenden Strassen erschweren den Zugang für Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr. Außerdem fehlen auf den Hügeln funktionierende Hydranten und Quellen für die Wasserzufuhr. Ferner unterließ es die Stadtverwaltung, die informellen Siedlungen an die Abfallentsorgung anzuschließen. Der Müll, der sich in den Strassen gesammelt hatte, trug zur Ausbreitung des Großbrandes bei. Jorge Castro, der Bürgermeister von Valparaíso, zog indes weitere Empörung auf sich, als er zu einem Opfer der Brandkatastrophe meinte: „Wer hat dich eingeladen, hier zu leben?“ (2)

Das Feuer, das auf den bewaldeten Gipfeln ausgebrochen war und sich nach unten zu den Siedlungen ausgebreitet hatte, zerstörte ganze vier campamentos. Alejandro Muñoz von der NGO Un Techo para Chile (Ein Dach für Chile) stellt fest: „Der enorme Brand, der diese Stadt betroffen hat, brachte die furchtbare Verletzbarkeit der Familien in den Slums ans Tageslicht, die am härtesten getroffen wurden“. Der Brand legte eine starke Vernachlässigung der marginalisierten Bewohner_innen der Stadt offen. So kommentiert der Anthropologe Leonardo Piña, dass „die Zentral- und Lokalregierungen kein Interesse für die Ankunft der marginalisierten Bewohner_innen in den Städten zeigten“, was für alle Städte mit informellen Siedlungen gelte. (3)

 

Soziale Bewegungen organisieren Hilfe

„Es gibt einen dringenden Bedarf nach Freiwilligenarbeit. Dazu gehört das Aushelfen bei den Hilfskoordinationszentren, das Sammeln von wichtigen Gegenständen wie Kleidung und Toilettartikel, Abfallbeseitigung, Wiederaufbau von Häusern und auch emotionale Unterstützung,“ wird die Studentin Catalina Yáñez von der Santiago Times zitiert. (4)

Parallel zum Versagen der Stadtregierung entwickelte sich eine starke Welle der Solidarität und Unterstützung durch Organisationen der Zivilgesellschaft. Tausende Freiwillige aus Gewerkschaften, Nachbarschaftsorganisationen, lokalen Fußballklubs und besonders Gruppen von Studierenden zogen aus, um den betroffenen Familien beim täglichen Überlebenskampf, Saubermachen und Wiederaufbau zu helfen. In den betroffenen Nachbarschaften wurden Gemeinschaftsküchen eingerichtet, die von Jugendlichen und Arbeiter_innen betrieben werden. Über die sozialen Medien im Internet wurde dazu eine Kampagne unter dem Titel „Ein Block, eine Küche“ gestartet. Lokale Lebensmittelversorger_innen spendeten Lastwagenladungen voller Nahrung. An drei Universitäten traten die Studierenden mit der Forderung in den Streik, mehr Studienzeiten für die Freiwilligenarbeit abzuzweigen. Emily Achtenberg kommt zu dem Schluss: „Diese Community-orientierten und selbstorganisierten Hilfsarbeiten haben sich als weit erfolgreicher herausgestellt als die formale Antwort des Staates auf die Katastrophe.“ (5)

 

Beitrag von Alexander Stoff, 28.7.2014

 

Quellen:

(1) http://nacla.org/blog/2014/5/30/fuerza-valpo-solidarity-resistance-and-recovery-wake-valpara%C3%ADso-fires

(2) ebd.

(3) http://www.ipsnews.net/2014/04/valparaiso-blaze-highlights-citys-poverty

(4) http://santiagotimes.cl/students-strike-right-volunteer-ruinous-valparaiso-fire

(5) http://nacla.org/blog/2014/5/30/fuerza-valpo-solidarity-resistance-and-recovery-wake-valpara%C3%ADso-fires

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