In die Enge getrieben

Die argentinische Erdgasabhängigkeit entwickelte sich aus der patriotischen Idee, das Land wirtschaftlich zu befreien. Die protektionistische Politik mündete in eine 15-jährige Rezession und bringt Argentinien heute wieder in eine Zwicklage.

©Wikicommons

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1831: Am südöstlichen Ufer des Eriesees an der US-Kanadischen Grenze leuchteten bereits drei Leuchttürme. Einer von ihnen war damals der weltweit einzige seiner Art. Mithilfe von hölzernen Rohren nährte man die Flamme im Leuchtturm mit der bisher ungenutzten Materie aus einem naheliegenden Gasbohrloch. Hier wurde das Erdgas erstmals zur Energiequelle für die industrielle Welt. Ein Schritt ins Unbekannte, ein Experiment.

 

Das perónische Allheilmittel Erdgas

1947: In Argentinien wurde der Bau einer der damals längsten Erdgasleitungen in der Welt unternommen. Der Präsident Juan Perón versprach dadurch den EinwohnerInnen ein maßgebliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Er wollte das Land wirtschaftlich befreien und erhoffte sich von dem Unternehmen einen verstärkten nationalen Zusammenhalt. Zuerst musste er aber die ArgentinierInnen überzeugen, dass sie Erdgas tatsächlich brauchten, denn die Mehrheit der Bevölkerung verwendete immer noch ausschließlich Kohle, Brennholz, Kerosin oder Strom.

Die wirtschaftliche Stimmung auf dem Kontinent entwickelte sich zugunsten Peróns politischen Interessen. Die 1950er Jahre waren die Anfangszeit der importsubstituierenen Industrialisierung. Diese war eine in Lateinamerika populär gewordene Entwicklungsstrategie, welche die heimische Produktion förderte und sie hauptsächlich durch Zölle beschützte. Dank seines stark nationalistischen und anti-oligarchischen Programms kam Perón für ein Jahrzehnt lang an die Macht. Seiner Regierung und dem nationalen Unternehmen „Gas del Estado“ gelang es, das 1770 km lange Gasleitungsprojekt Comodoro Rivadavia - Buenos Aires mithilfe von ausschließlich einheimischen Arbeitskräften zu verwirklichen. Das Ganze nur innerhalb von 3 Jahren.

 

Perón-Pipeline positiv

Die lokale Bevölkerung betrachtet den Bau von Erdgasleitungen häufig als Formen von ausländischer Ressourcenausbeutung. Nationalistische Gründe stehen daher häufiger hinter dem Widerstand als z. B. die Umweltschädlichkeit der Pipeline, meint Natalia Milanesio. In dieser Hinsicht wurde die neue Pipeline in Argentinien aus zwei Gründen gut angenommen: Erstens handelte es sich um ein nationales Projekt und zweitens verlief die Leitung über unbevölkerte Landschaft mit rauem Klima der Tierra del Fuego. Die schwere Technik machte das ferne und öde Teil des Landes nutzbar. „Eine recht heldenhafte Mission für die Heimat“ bezeichnete damals die nationale Presse den Einsatz von Hunderten von BauarbeiterInnen und zwanzig BauingenieurInnen. (Quelle: Milanesio 2013)

Anfangs der 1950er Jahren initiierte die argentinische Regierung zusätzlich eine massive Gasherdkampagne. Einfach, geruchfrei und einheimisch: Das Erdgas erlebte einen Boom. Es veränderte das Alltagsleben sowohl in der Hauptstadt als auch am Lande und ermöglichte Argentiniens Loslösung von der Abhängigkeit von Kohlenimporten aus Großbritannien. Weder die damalige antiperónische Opposition noch spätere Regierungen Argentiniens bewerteten je den Bau der „Perón-Pipeline“ anders als positiv. Nach ihnen war er der Anfang einer Erfolgsgeschichte der stärksten südamerikanischen Exportmacht im Energiesektor.

 

Nebenwirkungen der argentinischen Energiepolitik

Das ehemalige Land des Silbers legte bis 2013 insgesamt fast 30.000 km von Erdgasleitungen auf seinem Territorium. Trotz der staatlichen Investitionen in die Energiewirtschaft befindet sich Argentinien bereits 15 Jahre in einer Krise. Stark regulierter Energiemarkt verspricht zwar günstige Preise für die Haushalte, lockt aber nur schwer neue PrivatinvestorInnen an. Diese sind insbesondere nach der Privatisierung vom ehemaligen Staatsunternehmen Gas del Estado in 1992 wesentlich wichtiger geworden. Steigender Bedarf an Energie und stagnierende inländische Energieproduktion verstärken Argentiniens Abhängigkeit von Energieimporten. Erdgas, welches 52% des heimischen Energiebedarfs sättigt, muss bereits zum Teil aus Bolivien importiert werden. Eine Entwicklung, der sich der 1974 verstorbene Präsident Juan Perón nicht erfreuen würde.

Vor Kurzem entschloss sich die Regierung ihre Subventionspolitik im energetischen Sektor zu ändern. „Was wir jetzt machen werden, ist die Subventionen für Ergas- und Wasserverbrauch um 20% zu kürzen“ äußerte sich im März im Wall Street Journal der junge argentinische Wirtschaftsminister Axel Kicillof. „Wir hoffen dadurch einen verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen zu fördern“. Umweltpolitische Anliegen finden also den Eingang in die Debatte. Dabei bleibt Argentinien weiterhin ein Sozialstaat, da arme Familien sowie eine halbe Million EinwohnerInnen in kälteren Landesteilen von den Kürzungen verschont bleiben.

 

Von Befreiungs- zur Kompromisspolitik

Was sich als Mittel der Befreiung zeigte, wurde zur eigenen Falle der populistisch geprägten Regierungen Argentiniens. Es zeigt sich hier immer dringlicher, dass das Erdgas nur eine kurzfristige Problemlösung bildete. Der Sozialstaat kann es sich nicht leisten, das Vertrauen der breiten Bevölkerungsschichten durch massive Preiserhöhung zu verlieren. Anstatt für Gasherde zu werben muss er sich längst einem Druck auf Energiepreise stellen und alle Parteien zu einem Kompromiss bringen, welcher die Regierung selbst aber nicht umwälzt.

Ähnlich wie am Anfang der peronischen Ära befindet sich Argentinien nun wieder am Scheideweg. Im Lichte der globalen Ressourcenknappheit werden zunehmend alternative Treibstoffe favorisiert. Auch in diesem Spiel ist Argentinien vom Anfang an bevorteilt: Das Land investiert mit Erfolg in die Produktion von Biotreibstoffen und verfügt über den weltweit zweitgrößten Vorrat an Schiefergas. Es besteht hohe Wahrscheinlichkeit, dass hier das Wirtschaftsministerium wieder die kurzfristig günstigsten Entscheidungen trifft. Wie aber die Erdgasgeschichte zeigt, können solche Entscheidungen den Staat später in die Enge treiben.

Beitrag von Viola Ternenyova, 7.8.2014

 

Quellen:

Milanesio, Natalia (2013): The Liberating Flame: Natural Gas Production in Peronist Argentina, In: Environmental History, Bd. 18, 499–522.

Parks, Ken (2014): Argentina Moves to Trim Costly Utility Subsidies. In: The Wall Street Journal Online, 27.3.2014 http://online.wsj.com/news/articles/SB10001424052702304688104579465813616995216 [Zugriff: 3.5.2014]

 

Zum Weiterlesen:

http://www.britannica.com/EBchecked/topic/406163/natural-gas

http://www.lighthousedigest.com/history.cfm                 

https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/fields/2117.html

http://www.eia.gov/countries/country-data.cfm?fips=ar

http://pipelinesinternational.com/news/the_natural_gas_industry_in_argentina_development_and_perspectives/063233/

http://pipelinesinternational.com/news/south_america_snapshot/008026/

 

 

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