R. Crumb: Mister Nostalgia

Reprodukt, Comic/Graphic Novel, Berlin 2014, 96 Seiten, Großformat, € 29,90

„Ich liebe Musik, auch wenn ich selbst kein großer Musiker bin. Ich bin ein Schrammler, ich kann mehr schlecht als recht auf dem Banjo oder der Gitarre spielen. Musik zählt neben Sex zu meinen größten Freuden. Um ehrlich zu sein, ich habe mehr Spaß daran als an der Kunst. Musik ist unmittelbarer, sinnlicher.“ Diese Worte des berühmten Cartoonisten Robert Crumb erinnern frappant an Janis Joplin, die einmal in Hinblick auf ihr Kunststudium meinte „I just started to sing - and singing makes you want to come out because painting, I feel, keeps you inside, you know?“
Warum Janis Joplin? – Robert Crumb ist der Künstler, der das bekannte Cover ihres ersten Albums „Cheap Thrills“ (1967) entworfen hat. Eine entsprechende Anfrage der Rolling Stones hat er etwas später übrigens abgelehnt. Warum? Er mochte ganz einfach ihre Musik nicht. Crumb war immer schon etwas eigenwillig und davon handelt auch dieses Buch.

„Mister Nostalgia“ bezeichnet weitgehend Robert Crumb selber, oder Typen wie ihn. Nerds, die der Vergangenheit oft mehr abgewinnen können als der Gegenwart – zumal, wenn es um Musik geht. Und folgerichtig sind die Arbeiten von Crumb, der mit U-Comix wie „Fritz the Cat“ berühmt geworden ist, oft Hommagen an längst verstorbene KünstlerInnen der 20er und 30er Jahre und das Milieu, in dem sie lebten und musizierten. Geniale MusikerInnen sind das, zumeist aus der frühen US-amerikanischen Blues-, Hillbilly- und Jazz-Szene: Charlie Patton oder Mississippi John Hurt, die Memphis Jug Band, Jaybird Coleman, Tommy Johnson oder Charlie Poole und seine North Carolina Ramblers – sie alle wurden von ihm portraitiert. Einige dieser Portraits finden sich auch in „Mister Nostalgia“. Das kurze und wilde Leben von Blues –Legende Charlie Patton zum Beispiel. Oder imaginäre Szenen aus den Leben von Jazz-Pianisten Kansas City Frank Melrose oder dem so gut wie unbekannten Blueser Tommy Grady.

Schon in seinen jungen Jahren klapperte Robert Crumb Schwarzen-Viertel ab, um sein weniges Geld in alte Schellack-Aufnahmen zu investieren, welche damals noch dort aufgestöbert werden konnten, weil sich kein Mensch dafür interessierte. Auch davon handeln einige Kurzgeschichten in „Mister Nostalgia“. Crumb kokettiert auch immer wieder recht gern damit, sich als Musik-Nerd darzustellen, der mit Musik und Tanz vor 100 Jahren weit mehr sympathisiert, als mit den Stilen, die sich vor allem seit dem kalifornischen Psychedelic-Rock durchzusetzen begannen. Der Zeichner zieht diesem Musikzieren der Mittelklasse-Kids proletarische Musikkultur bei weitem vor.

Crumb im Selbstportrait: Ich hasse Bruce Springsteen!! <br> Seelenvergifter! Betrüger der Unschuldigen! <br> Zuhälter! Befriediger niedrigster Instinkte!

Crumb im Selbstportrait: Ich hasse Bruce Springsteen!!
Seelenvergifter! Betrüger der Unschuldigen!
Zuhälter! Befriediger niedrigster Instinkte!

Robert Crumb in seinem informativen Nachwort: „Ich interessiere mich für die alten Zeiten, aber die Zwanziger- und Dreißigerjahre haben es mir besonders angetan, sodass ich mich ihnen geradezu persönlich verbunden fühle. In ihnen schwingt etwas Vormodernes, sie haben etwas, das den Unterschied ausmacht. Ich habe mich lange und intensiv mit der Musik aus diesen Jahren beschäftig, aber ich versuche noch immer herauszufinden, wann und wie sich diese Dinge geändert haben. Der Wandel hat sich allmählich vollzogen, und es ist spannend, dem nachzugehen. Zum Beispiel haben sich die Tanzorchester der Zwanzigerjahre zu Beginn der Dreißigerjahre verändert. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Country-Musik befand sich aufgrund der wachsenden Bedeutung des Radios zur selben Zeit im Wandel. All das war damals nur den wenigsten bewusst. Ich habe die Autobiographie des Malers Thomas Hart Benton gelesen, der überaus romantische Bilder des ländlichen Amerikas gemalt hat. Er hat in seinen Gemälden die Wirklichkeit der Vereinigen Staaten dieser Zeit eingefangen – so wie die Fotographen der WPA. Er hat all die entlegenen Winkel bereist und die alten Musikanten, die Dorffiedler, gehört. Er schrieb, er schätze sich sehr glücklich, diese Musik gehört zu haben, bevor sie verschwand. Das schrieb er 1936! Ihm war bewusst, dass er das Ende einer Epoche erlebte. Und er hatte recht, er war einer der wenigen, dem bewusst war, dass die Wirklichkeit um ihn herum bereits im Verschwinden begriffen war. Er berichtet von den Heranwachsenden im Hinterland, die die Musik, die sie im Radio hörten, viel mehr beeindruckte, als jene, die die Eltern oder Großeltern spielten. Denn sie war großartiger und professioneller, einfach „angesagter“.“

Für Down-Home-Blues-Fans (so nennt man den alten Südstaaten-Blues) ist Crumbs Buch das sprichwörtliche „Muss“. All denjenigen, die sich noch nie damit auseinandergesetzt haben möge es ein Verführer sein, in die herrliche Musikwelt der 20er & 30er hineinzuschnuppern.

Da auch der Autor dieser Zeilen seit seiner Schulzeit ein ausgesprochener Fan besagter Musik ist, der sich an einer kleinen Sammlung mit zig tausenden Songs erfreut, zum Schluss noch ein paar ausgewählte Lieder, die ich für Sie aus youtube zusammengetragen habe.

Die ersten Stories des Buches können hier online gelesen werden.

 

Autor: Thomas Divis, August 2014

 

Henry Williams & Eddie Anthony: Georgia Crawl (1928)


Lowdown & dirty: die Harlem Hamfats mit „Weed Smoker's Dream“ (1936)


White Country Blues: Prairie Ramblers mit „Deep Elem Blues“ (1935)


Ein Klassiker: die Carter Family mit „Wabash Cannonball“ (1929)

 


Nick Lucas: „Tiptoe through the Tulips“ (1929)

 
 

Heftiger Mississippi-Delta-Blues: Garfield Akers „Dough Roller Blues“ (1930)

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