FGM – noch immer Thema

Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) ist eine jahrtausendealte Tradition in verschiedenen Regionen und Religionen der Welt. Die Situation hat sich verbessert, doch es gibt noch immer viel zu tun.

©wikiciommons/Nicolas Perrault III

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FGM gibt es im Christentum genauso wie im Islam, doch wer sich Statistiken zu FGM in Afrika ansieht, sieht dass die Länder mit einer größeren muslimischen Bevölkerungszahl weitaus stärker betroffen sind (WHO 2014). Jedoch schreibt der Koran FGM nicht vor. Immer wieder stützen sich BefürworterInnen von FGM auf 3 Hadithen, in welchen zu der Praktik angeblich aufgefordert wird, allerdings gelten diese als „schwach“, also „als nicht authentisch und damit nicht verpflichtend“ (Milborn 2008:119). Doch FGM gibt es auch im Christentum.

Die WHO unterscheidet zwischen 5 Arten von FGM, vom Anstechen oder Einritzen der Klitoris bis zu deren teilweisen oder kompletten Entfernung. Als Gründe für die Praktik gelten neben dem (fälschlichen) Verweis auf den islamischen Glauben u.a. Hygiene und Fehlinformationen. Doch es geht auch um den Wunsch nach Kontrolle über die Frauen. Es soll sichergestellt werden, dass die Frauen treu bleiben, sich keinen sexuellen Eskapaden hingeben und „kleingehalten“ werden können. Aus traditioneller Sicht soll der Eingriff die Mädchen „rein“ halten und sie zu anständigen Ehefrauen machen.

 

Folgen fatal

Die Folgen von FGM sind fatal. Der Eingriff verursacht schwere psychische Schäden bei den Frauen, die meist schon in jungen Jahren beschnitten bzw. verstümmelt werden und ihr Leben lang damit zu kämpfen haben. Auch die physischen Folgen sind gravierend. Die WHO schätzt dass 10% der Mädchen an den unmittelbaren Folgen und 25% an den langfristigen Folgen der Praktik sterben. Dies liegt daran, dass der Eingriff von Laien durchgeführt wird, welche meist im Freien „operieren“ und als Instrumente dreckige Gegenstände wie Glasscherben oder Rasierklingen verwenden.

In Afrika sind insgesamt 28 Länder von der Praktik betroffen. In Somalia z.B. sind 98% der Frauen Opfer von FGM. Hier wird der Eingriff meist im Alter zwischen 4 und 10 Jahren durchgeführt. Es wird zwischen der nicht ganz so grausamen „Sunna“-Praktik und der schlimmeren „pharaonischen“-Praktik unterschieden. Bei letzterer wird meist die sog. Infibulation vorgenommen, die Geschlechtsorgane werden zugenäht und nur ein kleiner Spalt zum Urinieren und für den Blutverlust während der Menstruation offen gelassen. In der Hochzeitsnacht wird diese Naht dann wieder aufgeschnitten oder gewaltsam in die Öffnung eingedrungen. Sowohl männliche als auch weibliche Beschneidung gelten in Somalia als Voraussetzung für den Eintritt in das soziale Leben. In den letzten Jahren hat sich die öffentliche Meinung gegenüber der weiblichen Beschneidung jedoch stark geändert.

 

Da die pharaonische Methode als vorislamisch gilt, konnte man die geistlichen islamischen Führer dazu bewegen, die Menschen aufzuklären und sie von dieser extremen Art des FGM abzuhalten. So kommt es, dass der Großteil der Bevölkerung, egal ob Mann oder Frau, die pharaonische Methode ablehnt und als unislamisch und unmenschlich bezeichnet.  Die Sunna-Methode ist jedoch nach wie vor weit verbreitet und wird nicht nur von den meisten somalischen Männern, sondern auch Frauen gewünscht und gefordert. Die Menschen machen darauf aufmerksam, dass die Mädchen mit dieser Methode weitaus weniger Schmerzen erleiden da sie nicht zugenäht werden. Allerdings ist es fraglich, ob die Sunna-Methode so harmlos ist, wie oft behauptet wird. Denn häufig wird die Klitoris nicht wie es heißt „nur“ angestochen, sondern tiefer angeritzt oder sogar entfernt. Man muss hier also vor einer starken Verharmlosung einer immer noch brutalen Praktik warnen, auch wenn man dabei die gemachten Fortschritte in der Aufklärungsarbeit nicht ignorieren darf.

 

Langer Weg

Jedoch ist eine vollständige Ablehnung von FGM in Somalia erst einmal nicht in Sicht. Die Sunna-Praktik ist gesellschaftlich tief verwurzelt und wird nicht nur von den somalischen Geistlichen (in Abgrenzung zu Geistlichen aus anderen islamischen Ländern, welche FGM bereits vollkommen ablehnen), sondern auch der Bevölkerung, und hier vor allem auch den Frauen, sprich Müttern gewünscht. Die somalische Regierung spricht von FGM in der neuen Verfassung zwar bereits als „Folter“, ein konkretes Gesetz gegen FGM gibt es aber noch nicht. Jedoch muss eventuell vorab noch mehr Aufklärungsarbeit und Austausch vollbracht werden. Erst wenn ein weiterer Umschwung im Denken der Bevölkerung und der Geistlichen vollzogen werden kann, wäre eine Gesetzesänderung wohl erfolgreich.

 

Massai als Vorbilder

So ein Umschwung ist bei einem UN-Projekt in Zusammenarbeit mit den Massais in Kenia gelungen. In Kenia ist FGM seit 4 Jahren verboten, wird in verschiedenen Teilen des Landes aber immer noch praktiziert. Das Projekt mit dem Namen „Safe Kenya“ arbeitet seit 2008 gegen FGM. In dieser Region bezieht man sich als Begründung eben nicht auf den Islam, sondern auf die Traditionen der Massai. Sarah Tenoi ist selbst Massai, Opfer von FGM und Projektmanagerin. Sie berichtet dem Guardian im Februar dieses Jahres, wie erfolgreich das Projekt ist. Ziel ist es, die Traditionen der Massai zu bewahren und wirklich nur das Ritual von FGM zu unterbinden. Dies erreichen sie zunächst durch Aufklärungsarbeit in Bezug auf die Folgen und Gefahren der Praktik. Hierbei sprechen sie mit den Frauen, die FGM durchführen, aber auch mit Kindern, Stammesführern, eben der gesamten Community.

Bei den Massai steht die weibliche „Beschneidung“ als ein Zeichen für den Übergang von der Kindheit zum Frau-Sein. In dem Projekt wird mit den Communities ausgearbeitet, wie die Zeremonie beibehalten werden kann, ohne das „Beschneidungsritual“ durchführen zu müssen. Alternativen zum FGM und der Übergang zu einer symbolischen Zeremonie werden gut angenommen, von Geistlichen und Traditionalisten, den Betroffenen und auch jungen Männern: diese „engagieren sich gegen die Praxis indem sie öffentlich kundtun, dass sie es vorziehen unbeschnittene Frauen zu heiraten.“ (Ghatigah 2013). Die Anzahl der Fälle von FGM ist stark gesunken und Kenia wird von den Vereinten Nationen als erfolgreiches Beispiel im Kampf gegen die grausame Praktik angeführt (ebd.).

 

Wüstenblume Waris Dirie

Im Kampf gegen FGM in Somalia ist natürlich Waris Dirie zu nennen. Sie veröffentlichte 1998 die Autobiografie „Wüstenblume“ und machte dadurch international auf das Thema der weiblichen Genitalverstümmelung aufmerksam. Die somalische Autorin erlitt selbst das schmerzhafte Schicksal. Da sie als Topmodel international erfolgreich wurde, konnte sie ihren Bekanntheitsgrad nutzen, um FGM den Kampf anzusagen und arbeitet seitdem als UN-Sonderbotschafterin. Dieses Jahr erscheint ihr neues Buch „Safa - die Rettung der kleinen Wüstenblume“, indem sie das Schicksal von dem Mädchens beschreibt, welches ihre Rolle in der Verfilmung von „Wüstenblume“ spielte und letztendlich durch die von Dirie 2002 gegründete Organisation gegen FGM,  die „desertflowerfoundation“, vor der grausamen Praktik bewahrt werden konnte.

 

Die Desert Flower Foundation klärt weltweit über FGM auf, gibt die Möglichkeit, Spenden online abzuschließen und vergibt Partnerschaften mit Mädchen in Risikogebieten. Dadurch sollen die Mädchen von Zwangsverheiratungen bewahrt werden, außerdem wird ihr gesundheitlicher Zustand regelmäßig kontrolliert um sicherzustellen, dass sie nicht Opfer von FGM werden und letztendlich werden sie auch finanziell unterstützt, v.a. im gesundheitlichen und im Bildungsbereich. Ein weiteres Ziel der Stiftung ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass FGM nicht nur ein Problem der Länder des globalen Südens ist, sondern auch der westlichen Welt, denn auch dort sind viele Frauen Opfer der Praktik. So hat die Desert Flower Foundation auch einen Sitz in Wien und seit 2013 gibt es das Desert Flower Center in Berlin im Krankenhaus Waldfriede, indem sich betroffenen Frauen behandeln lassen können. Doch bleibt der Fokus auf Afrika. 2011 startete die Kampagne „Together for African Women“, welche das Ziel verfolgt, Frauen aus der Armut zu helfen, denn nur so kann laut Dirie der Kampf gegen FGM gewonnen werden.

So sollte auch in Somalia nicht nur der Fokus darauf sein, ein Umdenken in der Gesellschaft zu erreichen, sondern allgemein für mehr Wohlstand und Bildung zu sorgen.

Letztendlich ist es das Ziel, alle Wüstenblumen zu retten.

Jessica Gärtner, 8.9.2014

 

Quellen:

- BMZ-Strategiepapier (2014): Weibliche Genitalverstümmelung. Der Beitrag der deutschen Entwicklunspolitik zur Überwindung dieser Menschenrechtsverletzungen an Mädchen und Frauen. Ein Positionspapier des BMZ. 1/2014. Bonn: BMZ.

Desert Flower Foundation

- Desert Flower- The Blog. http://warisdirie.wordpress.com/2012/02/06/10-jahre-desert-flower-foundation/ [Zugriff 04.08.2014]

- Gatigah, Miriam (2013): Frauen/460: Kenia- Männer gegen Beschneidung , Schutz von Frauen und besserer Sex. (IPS).

http://www.schattenblick.de/infopool/politik/soziales/psfra460.html

- Gele, Abdi A./ Bo, Bente P./ Sundby, Johanne (2013): Attitudes toward Female Circumcision among Men and Women in Two Districts in Somalia: Is It Time to Rethink Our Eradication Strategy in Somalia? Vol. 2013. Hindawi Publishing Corporation.

- Milborn,Corinna (2008): Weibliche Genitalverstümmelung in Europa. In: Strasser, Sabine/ Birgit, Sauer (Hg.) (2008): Zwangsfreiheiten. Multikulturalität und Feminismus. Wien: Promedia. 114-131.

- Tenoi, Sarah (2014): An alternative to female genital mutilation that prevents girls suffering.

http://www.theguardian.com/profile/sarah-tenoi

- Warsameh, Abdurrahman (2013): Somalia´s „Cultural Shift“ means less-severe form of FGM. 20.06.2013.

http://www.ipsnews.net/2013/06/somalias-cultural-shift-means-less-severe-form-of-fgm/

- World Health Organisation (2014): Sexual and reproductive health. Female genital mutilation and other harmful practices.

http://www.who.int/reproductivehealth/topics/fgm/prevalence/en/

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