Kampf dem Beton!

Ihre Waffen sind Samenbomben und Moosgraffiti - und sie erobern sich den Raum zurück. Die Sprache ist von den Guerilla-GärtnerInnen, die mit kreativen Methoden die Stadt begrünen.

Es grünt so grün - mitten in der Stadt.

Es grünt so grün - mitten in der Stadt.

„Ich warte nicht auf offizielle Genehmigungen um erst gärtnerisch tätig sein zu dürfen. Ich pflanze dort wo ich Potential sehe. Gelegenheiten gibt es genug - so wie unzählige Gleichgesinnte“, meint Clemens K. Er sieht sich selbst als Guerilla-Gärtner und Künstler mit ökologischem Anspruch.

Potential haben in Augen der Guerilla-Gärtner brachliegende Grundstücke, öffentliche Plätze, vergessene Hinterhöfe, Abrissplätze, Verkehrs- und Bauminseln. Sie alle verwandeln die „Guerilleros“ in urbane Oasen. Gehsteige, Mauerritzen, Betonkübel und Straßenränder werden begrünt sowie öffentliche Gemüsebeete heimlich angelegt. Vernachlässigtes Land, das als unfruchtbar gesehen wird, fährt plötzlich nachhaltige Ernten ein.

Das verschönert nicht nur die Stadt sondern schafft auch einen beständigeren Lebensraum für Vögel und Kleintiere. Die Aussaat von Pflanzen bei unbebauten urbanen Flächen geschieht eigenmächtig. Diese grüne Kreativität ist grenzenlos.

Der Terminus guerilla ist spanisch und bedeutet „kleiner Krieg“ und wird mit dem englischen Wort gardening für „Gärtnern“ zusammengesetzt und ergibt die deutsche Bezeichnung „kleinkriegerisches Gärtnern“. Heute ist Guerilla Gardening ein weltweit verbreitetes urbanes Phänomen und auch in Wien eine moderne Protestaktivität. Ursprünglich entstanden die Green Guerillas als selbstbestimmte urbane Gärtner/innen Bewegung  in den 1970er Jahren in Manhattan im Kontext der Community-Gardens und hat sich seitdem auf globaler Ebene verbreitet.  

 

Öffentlicher Raum gehört allen

Beim Guerilla Gardening handelt es sich nicht um Waffengewalt sondern um die Zurückeroberung von öffentlichen Räumen, die die städtische Verwaltung und private BesitzerInnen gestalten bzw. eben nicht. Eines der zentralen Motive der AkteurInnen ist das Erkämpfen von Freiräumen. Diese Aktionsformen sollen andere dazu bewegen – gemeinsam - gegen eine Kommerzialisierung des öffentlichen Raums zu protestieren und Alternativen anzustreben. Auch wenn es nicht allen Beteiligten um politische Motivation geht, sind ihre Aktionen dennoch von politischer Bedeutung. Das kleinkriegerische Gärtnern gestaltet die Stadtentwicklung mit. Dadurch werden freie selbstbestimmte Gestaltungsräume geschaffen, wo Mensch und Natur sich treffen, gärtnerische Fertigkeiten weitergegeben und Gemeinschaftssinn sowie urbane Landwirtschaft gefördert werden. Biodiversität und der pädagogische Aspekt des gemeinschaftlichen Gestaltens von Grünflächen sind sehr wichtig.

Neben den temporären Guerilla-Interventionen gibt es auch lang andauernde Projekte wie Guerilla-Gemeinschaftsgärten, in denen kultureller Austausch, Nachbarschaftsvernetzung und städtische Landwirtschaft gepflegt wird. Diese Gärten sind im Gegensatz zu den offiziell legalen Gemeinschaftsgärten, die mittlerweile jeder Bezirk hat, selbstinitiierte Aneignungsverfahren. Dabei handelt es sich um verwahrloste Grundstücke oder Baulücken, die von Guerilla-Gärtnern/innen aus der Nachbarschaft zu einem Garten umfunktioniert werden. Ähnlich wie bei besetzten Häusern befinden sich Guerilla-Gärten ebenfalls in prekären Sachlagen. Oftmals können sie auf Grund der staatlichen Repression nur für kurze Zeit existieren, bzw. von ihren eigentlichen Besitzern verteidigt werden. In seltenen Fällen kann es mittels Verhandlungen dazu kommen, dass auf Eigeninitiative bewirtschaftete Grundstücke vom Staat frei gegeben werden.

Zwischen U-Bahn und Straße

Als eines der Vorzeigebeispiele gilt der Längenfeldgarten in Wien - ein selbstverwaltetes Projekt nahe der U4/ U6 Station Längenfeld, in einem Grünraumareal zwischen U- Bahn und Wienfluss. Diese zum Garten umgenutzte Fläche wird als Ausnahmefall von den Behörden toleriert. Als weiteres Beispiel eines lebendigen Guerilla-Gartens kann das Grünflächenprojekt des Wiener Donaukanals genannt werden. Diese Gärten verwandeln sich zu sozialen Treffpunkten, die auch für kulturelle sowie künstlerische Veranstaltungen genutzt werden. Sie inspirieren Menschen über unser System nachzudenken und dienen als Lernwerkstatt, unabhängig jeglicher Bildungsinstitution. Dieser informelle Lernort hat unterschiedliche Bedeutungen. Für die Krankenschwester Martina N. geht es dabei vor allem darum in Kontakt mit der Erde zu treten. Ihrer Überzeugung nach haben Pflanzen eine heilende Funktion. Gernot H., Student an der BOKU, ist der soziale Aspekt sehr wichtig. Ihm gefällt am kleinkriegerischen Gärtnern, dass die Planung, Organisation und Durchführung ohne Hierarchien vonstatten geht.

 

Samenbombe, Moosgraffiti & Co.

So wie bei anderen kriegerischen Intentionen verwenden auch Guerilla-Gärtner/innen Waffen. Allerdings handelt es sich dabei um keine gewöhnlichen Waffen und sie haben auch nichts mit Gewalt zu tun. Die „grünen Revolutionäre“ verwenden sogenannte Samenbomben. Diese entwickelte Grundmischung aus zusammen gemixten Ton, Samen und Erde ermöglicht ein Begrünen der Stadt - auch wenn manche Flächen unzugänglich durch Zäune etc. gemacht wurden. Diese fruchtbaren, leicht transportierbaren Kugeln werden lichtgeschützt gelagert und bei der bestmöglichen Gelegenheit ausgeworfen, um dann anschließend als gedeihendes Grünzeug austreiben zu können. Heute ist diese Misch- und Aktionstechnik weltweit bekannt. Die Anleitung mit Rezept findet man auf zahlreichen Internetseiten.

Eine weitere bekannte Interventionsform ist das Moosgraffiti. So wie der Name verrät ähnelt es der gängigen Graffitikunst, nur dass die Zusammensetzung eine andere ist. Moos, Zucker und Bier werden zu einer Paste vermischt, die je nach Botschaft oder bildhaften Symbolik auf Gemäuer, Brücken oder anderen feuchten Flächen aufgetragen wird. Wenn die Umweltbedingungen passen, schlagen die Sporen Wurzeln und das Moos kann wachsen.

Es finden in unregelmäßigen Abständen Seedbomb-Basteleinheiten sowie Moosgraffiti- Treffen statt. Über Workshops, Aktionen und andere Veranstaltungen wird man mittels E-Mail-Verteiler, Blogs sowie auf diversen Webseiten informiert (wie beispielsweise CARETAKER und  KuKuMA). Um ein breiteres internationales Publikum anzusprechen werden mehrsprachige Flyer gedruckt und ausgeteilt. Hierarchien werden vermieden.

 

Gemeinschaftsgärten

Neben den typisch genannten Guerilla Aktionen, wo spontan und ungefragt bepflanzt wird, werden auch offizielle von der Stadt Wien bewilligte Gemeinschaftsgärten initiiert. Sie sind in den letzten Jahren stark angewachsen und meist von Bürger/innenzusammenschlüssen in Kooperation mit den zuständigen Bezirksstellen der Wiener Gebietsbetreuung bzw. LA 21 Büros oder Vereinen festgelegt. Beteiligte organisieren selbständig das zur Verfügung gestellte Land und bewirtschaften es. Oftmals sind diese Gemeinschafts-, Nachbarschafts- und interkulturelle Gärten auch an Schulen oder Kindergärten gekoppelt, wo einzelne Klassen Beete betreuen und Naturheilkunde vor Ort erleben. Es finden immer wieder Projekte statt. „Die Kinder lernen mit ihren eigenen Händen Gemüse anzubauen und Bezug zur Natur zu bekommen, anstatt Tomaten und Gurken nur aus dem Supermarkt zu kennen“, meint Kindergartenpädagogin Roswitha S.

Zu Marion T.s Motivationen gehört nicht nur der räumliche Aspekt sondern auch der emotionale. Für die Jungmutter ist der Gemeinschaftsgarten auch ein Ort, der als soziokulturelle Brücke dient, ein Treffpunkt wo gemeinsam Ideen kreativ umgesetzt werden und „gärtnerischer Background“ geteilt wird.

Das Wesentliche dabei bleibt jedoch die Freude an der grünen Veränderung und Mitgestaltung des Stadtbildes. Ob groß oder klein, alt oder jung, In- oder Ausländer - alle können Natur erleben und beleben! Gärtnern ist nicht nur gesund sondern auch richtig trendy!

Fiona-Livia Bachmann, 23.9.2014

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