Massieren für den Neustart

Das Frauengefängnis im thailändischen Chiang Mai bietet Massagen von Insassinnen an. Dies soll die Re-Integration nach der Entlassung fördern.

Massage-Shop im Gefängnis in Chiang Mai.

Massage-Shop im Gefängnis in Chiang Mai.

Der Raum duftet nach Zitronengras und ruhige Hintergrundmusik verstärkt die Atmosphäre von Entspannung. Nachdem ich die Kleidung ausgezogen und die weiten Fisherman-Hosen und Hemd angezogen habe, geht es los.

Die Masseuse lächelt mir zu und beginnt mit der Ganzkörpermassage. Sie und ihre Kolleginnen, die im selben Raum arbeiten, wirken zufrieden und heißen die BesucherInnen freundlich willkommen.

Auf die Frage, ob ihr die Arbeit gefalle, sagt die Masseuse: "Ich gebe gerne Massagen. Hier zu arbeiten ist ganz anders als der Gefängnisalltag. Ich komme in Kontakt mit Menschen von Außen und kann meine Massage-Praxis verbessern."
"Wie lange noch bis zur Entlassung?", frage ich. Noch 5 Wochen bis sie wieder frei ist. "Ich möchte nach meiner Entlassung in einem Massageshop hier in der Stadt arbeiten", sagt sie. Und ihr Name sei übrigens Araya.

Der Massage-Shop befindet sich direkt neben dem Gefängnis in der Altstadt Chiang Mais und ist offen für alle Besucher und Besucherinnen. Das Programm wird bereits seit 10 Jahren von der thailändischen Regierung als „Restorative Justice“-Maßnahme für Re-Integration von Haftinsassinnen durchgeführt.

 

Einfach nur Masseuse

„Hier steht die Massage im Mittelpunkt. Gefangene zu sein ist plötzlich nicht nur mehr schlecht, denn durch die Arbeit im Massageshop erfahre ich Anerkennung von anderen Menschen", erklärt Araya und fügt hinzu: "Manchmal vergesse ich während der Massage, dass ich Gefangene bin, und es fühlt sich so an als hätte ich bereits mit meinem neuen Leben nach der Entlassung begonnen."
Anerkennung und Wertschätzung tut allen gut. Besonders jenen von uns, die dies schon lange nicht mehr in ihrem Umfeld gespürt haben. Im Gefängnisalltag ist die Erinnerung des "verurteilt Seins" nur allzu gegenwärtig. Dies kann frustrierend sein und dadurch alles andere als motivierend, sich wieder „mustergültig“ zu benehmen. Im Gegenteil: die zugeschriebenen Eigenschaften werden sogar oft noch verstärkt. „Wenn mich doch alle ohnehin schon verurteilen, dann kann ich mich doch gleich auch dementsprechend verhalten.“ Ähnliche Gedanken gehen vielen Insassinnen durch den Kopf. „Erfahre ich jedoch Anerkennung, kann mir dies Kraft geben, meine Verhaltensweisen zu ändern,“ analysiert Araya.

Nach einer Stunde Ganzkörpermassage, angenehmen Duft in meiner Nase und melodischer leiser Klangbegleitung fühle ich mich entspannt und voller Energie. Ich bedanke mich und gebe der Masseuse etwas Trinkgeld, welches sie in eine Trinkgeld-Box gibt, die dann unter allen aufgeteilt wird.

Nebenwirkungen der Massage: Angst und Vorurteile werden abgebaut.

Nebenwirkungen der Massage: Angst und Vorurteile werden abgebaut.

 

Das Leben draußen

Neben dem Shop begegne ich Ms. Yajom, einer Gefängniswärterin. "Die Ausbildung der Frauen ist sehr umfassend", erklärt sie. Das Training dauert insgesamt 4 Monate und schließt mit einer Zertifizierung ab, die den Frauen ermöglicht in verschiedenen Massage-Läden weltweit zu arbeiten oder gar ihren eigenen Massageshop in Thailand zu eröffnen nach der Entlassung.

Das Gefängnis hat bereits Kontakte mit diversen Spas und Massage-Shops in der Stadt, welche die Ex-Insassinnen anstellen. Trotz den Kontakten und der guten Ausbildung gestaltet sich der Wiedereinstieg in das "normale Leben " nicht leicht, erklärt Frau Yajom: "Viele Frauen arbeiten dann zwar in einen der Spas, werden aber nicht gleich behandelt wie die anderen Angestellten, weil sie immer noch als kriminell angesehen werden, auch wenn ihre Straftat bereits einige Jahre zurückliegt."

 

Ängste abbauen – auf beiden Seiten

Doch es geht nicht nur darum das Vertrauen der Insassinnen aufzubauen. Ängste und Vorurteile gibt es natürlich auch und besonders bei den Leuten außerhalb des Gefängnisses. Oft ist es gerade die Neugierde, die als Triebfeder für einen Besuch dient: Wie ist die Atmosphäre dort? Wie sind die Frauen? Es scheint vor allem die Herstellung des Kontaktes zu sein, die dieses Programm so wertvoll macht. Die BesucherInnen können in einem geschützten Raum mit den Insassinnen in Kontakt treten und sich ein eigenes Bild machen. Dadurch wird ersichtlich, dass die eine Straftat, die bereits Jahre zurückliegt, nicht alles ist, was diesen Menschen vor mir ausmacht. Und das während einer Massage zu realisieren, ist doch ganz schön besonders.

Demzufolge muss es nicht unbedingt Massage sein, um den Rahmen für ein solch ein respektvolles Zusammentreffen zu schaffen. Programme könnten auch Aktivitäten und Einrichtungen wie Cafes, Bäckereien, Friseurläden, Maniküre und Pediküre, oder andere Dienstleistungen umfassen. Diese Programme müssen auch nicht nur für Frauen sein, sondern können genauso für Männer etabliert werden. Eine Ausweitung solcher Programme könnte nicht nur für mehr Verständnis und ein harmonischeres Miteinander sorgen, sondern auch konkrete Auswirkungen auf den Rückgang von Straftaten haben.

 

Was haben sie getan?

Doch welche Straftaten sind es, die die Frauen im Massageshop, begangen haben? Hauptsächlich sind es Drogendelikte. Andere Straftaten sind Diebstahl oder Körperverletzung.
Um in das Programm zu kommen, müssen die Frauen mittels persönlichem Gespräch und schriftlicher Bestätigung von drei Stellen ein Einverständnis einholen: von der Polizei, den GefängniswärterInnen und den Eltern. Weiters darf die Dauer der Verurteilung nicht mehr als 15 Jahre Haft betragen. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, dann können die Frauen ein Drittel ihrer Haftzeit der Massage widmen. Dies bedeutet auch, in dieser Zeit Geld verdienen zu können. Eine Massage kostet etwa 5 Euro pro Stunde, davon geht etwa ein Drittel an die Masseusen. Das ist etwas geringer, aber durchaus vergleichbar mit anderen Massage-Läden. Jährlich schließen etwa 120 Frauen die Massageausbildung ab. Im Massage-Laden arbeiten derzeit 18 Frauen, die sich alle 2 Monate mit den anderen Insassinnen abwechseln.

Carina Pichler, 6.11.2014

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