Joe Sacco: Der erste Weltkrieg; Die Schlacht an der Somme; der erste Tag

Edition Moderne, Graphik + Heft in Schuber, Zürich 2013, € 36,00

„Wimmelbilderbücher“ kennt man heutzutage fast nur aus der Kinderliteratur. Joe Sacco, seines Zeichens wohl einer der berühmtesten politischen GraphicNovel-Journalisten, hat so ein „Wimmelbilderbuch“ für Erwachsene gestaltet. Es behandelt einen Tag im 1. Weltkrieg, und zwar den 1. Juli 1916.

Damals begann die Schlacht an der Somme. Sie war die verlustreichste Schlacht dieses Krieges; in ihr trafen Deutsche auf Briten und Franzosen. Um diese Schlacht führen zu können wurden riesige Vorbereitungen getroffen: für das schwere Kriegsgerät, Truppentransporte und Versorgung wurden allein auf britischer Seite eine 88 Kilometer lange Eisenbahnstrecke verlegt. 113 000 Kilometer Telefonleitungen wurden eingerichtet, Straßen gebaut und Schützengräben ausgehoben. Der lange und penibel vorbereitete britische Angriff am 1. Juni endet in einer Katastrophe für die Angreifer: mit 21 000 Toten bzw. tödlich verwundeten Soldaten ist das bis zum heutigen Tage der blutigste Gefechtstag in der britischen Geschichte.

Das also stellte Joe Sacco in einem monumentalen Wimmelbild von 7 Metern Länge dar. Aber darf man das überhaupt noch so nennen? Wäre nicht der Teppich von Bayeux mit seinen Schlachtszenen ein passenderer Vergleich? Denn natürlich greift hier Sacco auch auf einen in der mittelalterlichen Malerei gern verwendeten Kunstgriff zurück, nämlich die gleichzeitige Darstellung des Ungleichzeitigen. So sieht man auf einer einzigen Graphik die Vorbereitungen zur Schlacht, die näher rückende Schlacht, die Schlacht, die kurzzeitigen Folgen der Schlacht sowie Langzeitfolgen.

Ergänzt wird dieses bemerkenswerte Werk durch eine 32seitige großformatige Broschüre, in der die einzelnen Szenen detailreich erläutert werden. Einen weiteren wichtigen Beitrag zum Verständnis des Bildes liefert der begleitende Text von Adam Hochschild (Autor von „Der große Krieg“; Klett-Cotta). Der US-amerikanische Journalist führt mit einem relativ kurzen Text sehr gut in die Besonderheiten der Situation ein - womit sowohl die historische Situation gemeint ist, als auch der Ausnahmezustand, in dem sich die handelnden Individuen befanden.

Joe Sacco schildert das Geschehen in der ihm eigenen Weise nüchtern und lapidar, man könnte auch sagen: bemüht um journalistischen Objektivismus. Und dennoch spüren die BetrachterInnen der Graphik seine Empathie, wenn sie bemerken, wie wenig es dem Gestalter darum ging, Grauen detailreich darzustellen. Vielmehr zielte Sacco darauf ab, das Funktionieren des Schlachtablaufs in seinem historischen Rahmen zu dokumentieren.

Eine sowohl ungewöhnliche, wie auch beeindruckende Arbeit.

 

www.editionmoderne.ch

 

Autor: Thomas Divis, November 2014

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