Der Fluch des Goldes

Den guatemaltekischen Mayas aus San Marcos wurde Wohlstand versprochen. Heute sind die Flüsse vergiftet und die Kinder krank.

Indigener Widerstand. ©Klaus Brunner

Indigener Widerstand. ©Klaus Brunner

Maisfelder, so weit das Auge reicht, dahinter ragen Pinien in den strahlend blauen Himmel. In Serpentinen schlängelt sich die Straße über die imposanten Berge, der Asphalt wirkt nagelneu. In dieser Hochebene leben die „Mam“, eines der Völker der uralten Maya-Kultur. Ihr Alltag ist arbeitsreich und voller Entbehrungen, nicht viel anders als zu Zeiten ihrer Urgroßväter.

San Miguel Ixtahaucán ist ein beschauchlicher Weiler in der Provinz San Marcos, nur ab und zu donnert ein schwerbeladener Lastwagen vorbei. Crisanta Pérez, eine Gallionsfigur des indigenen Widerstandes, begrüßt mich lächelnd und mit selbstbewusstem Händedruck. Wie die meisten Frauen hier trägt sie die traditionelle Tracht. Sieben Kinder hat Crisanta auf die Welt gebracht. Die Jüngste, Gregoria, schenkt mir eine Mandarine, die auf dem Baum hinter dem einfachen Häuschen gewachsen ist.

Laut Human Development Index ist Guatemala eines der am wenigsten entwickelten Länder Lateinamerikas. Dabei gibt es Wasser in Hülle und Fülle, fruchtbare Äcker, eine üppige Tier- und Pflanzenwelt. Und Bodenschätze. Doch das koloniale Erbe und 36 Jahre Bürgerkrieg haben tiefe Spuren hinterlassen. Und sein Reichtum ist seit eh und je der Fluch dieses Erdteils.

„Mitte der Neunziger sind hier die ersten Fremden aufgetaucht. Sie sind auf den Grundstücken herumspaziert und wir wussten erst mal nicht worum es ging. Ein, zwei Jahre später haben sie dann angefangen, Land aufzukaufen. Dann hat der Bürgermeister gesagt: Sie wollen eine Goldmine aufmachen! Wir haben hier immer gut gelebt und ich wollte nicht weg“, erzählt Crisanta Pérez.

Minenlandschaft. ©Klaus Brunner

Minenlandschaft. ©Klaus Brunner

Es beginnt mit den Gesteinsproben der Geologen. Liefern diese positive Ergebnisse, erwirbt die Bergbaufirma eine Abbau-Lizenz. Treibende Kräfte sind meist Korruption, schwache Umweltgesetze und niedrige Steuern in Entwicklungsländern. Der lokalen Bevölkerung wird im Gegenzug Arbeit, Infrastruktur und ein Aufblühen der Region versprochen. Es klingt nach einer Win-Win-Situation. Selbst bei einem niedrigen Vorkommen von 0,5 Gramm Edelmetall pro Tonne Gestein kann sich die industrielle Goldförderung noch lohnen.

Hinter dem Projekt in San Marcos steht der kanadische Bergbaugigant Goldcorp Inc. „Sie haben gesagt: Wenn ihr nicht verkauft, sind wir nicht für mögliche Schäden verantwortlich. Dann kamen die Strommasten auf mein Grundstück. Ich habe aber nie meine Zustimmung dafür gegeben. Sie haben unseren Protest einfach ignoriert. Naja, und dann haben eine Nachbarin und ich angefangen, die Masten zu entankern“, erzählt Crisanta. Dabei grinst die stolze Señora wie ein freches Mädchen.

Hektar um Hektar wird gerodet, Dorf um Dorf umgesiedelt. Viele verkaufen zu einem Spottpreis, Cristanta Pérez will immer noch nicht weg. 2005 nimmt die Mine „Marlin“ schließlich ihren Betrieb auf. Sie firmiert unter dem Namen der Goldcorp-Tochter „Montana Exploradora de Guatemala S.A.“. Tonnen von Gestein werden bewegt und das Gold wird mit hochgiftigem Zyanid herausgewaschen. Keine Mine der Welt kann Lecks und Dammbrüche zu hundert Prozent vermeiden.

In San Miguel Ixtahaucán sind inzwischen die Brunnen versiegt. Eine Goldmine verbraucht in einer Stunde so viel Wasser wie eine Bauernfamilie in zwanzig Jahren. Die Risse in den Häusern werden immer größer. Manche drohen einzustürzen. In „Marlin“ wird sowohl untertags als auch oberirdisch abgebaut. Die Region gleicht einer Mondlandschaft.

Auf seiner Homepage präsentiert sich das Unternehmen menschen- und umweltfreundlich: 150 Millionen US-Dollar wurden laut eigenen Angaben in die Region investiert. Aufforstung, Landwirtschaftsprojekte, Schul- und Sportsponsoring dominieren das Bild. Die Mine als perfekter Arbeitgeber.

Gerüchte von toten Kühen und seltsamen Hautausschlägen machen in San Marcos die Runde. Crisanta Pérez schließt sich mit anderen Widerständlern zusammen. Nach einer tagelangen Straßensperre rücken über hundert schwerbewaffnete Polizisten aus. Auch der private Sicherheitsdienst der Firma geht immer aggressiver vor. Viele Demonstranten landen in Untersuchungshaft. Crisanta Pérez hat Glück.

Im amerikanischen Fernsehen betonen die Vorstände von Goldcorp, dass die Kosten in Guatemala besonders niedrig seien. Die Finanzkrise ist auf ihrem Höhepunkt und viele Anleger flüchten in den „sicheren Hafen“ Gold. Bei Abstimmungen sprechen sich elf von dreizehn indigenen Gemeinden gegen die Mine aus. Goldcorp weigert sich, das Referendum anzuerkennen.

Die Stimmung heizt sich weiter auf. Die Mine entzweit Freunde, Familien, ganze Dörfer. In Siete Platos am Fuße des Tagebaus sind fast alle bei der Montana Exploradora beschäftigt. Miguel Bámaca ist im Widerstand aktiv und gilt als Querulant. „Ich bin morgens aufs Klo gegangen. Plötzlich wumm! Ich spüre Staub und realisiere: Das gilt mir. Dort an der Wand sieht man noch das Einschussloch.“

Immer mehr Indigene schließen sich dem Widerstand an. Unterstützung bekommen sie von Monseñor Álvaro Ramazzini, dem Bischof der Diözese San Marcos. Seit Jahrzehnten setzt er sich für die Rechte der Indigenen ein, so hat er auch bei den Friedensverhandlungen zur Beendigung Bürgerkrieges entscheidend mitgewirkt. „Was mit der Mine Marlin nach der Stilllegung passiert, weiß keiner so genau. Natürlich gibt es zum Teil Sanierung und Wiederaufforstung. Aber ob das reicht? Was ist mit den ganzen Chemikalien in der Erde? Eine angemessene Schließung der Mine würde zehn Millionen Dollar kosten.“

„Wir haben alle Dörfer in der Region über die Auswirkungen der Mine informiert. Irgendwann wurde dann eine Maschine der Firma angezündet; und auch ein Auto.“ Da ist wieder dieser schelmische Ausdruck in Crisantas Peréz‘ Gesicht. Internationale Medien werden auf „Marlin“ aufmerksam. Goldcorp reißt sich zusammen, verneint aber weiterhin jegliche Form der Kontamination.

Kind mit Hausausschlag. ©Klaus Brunner

Kind mit Hausausschlag. ©Klaus Brunner

Mindestens sechs Kinder aus Siete Platos leiden an mysteriösen Lähmungserscheinungen. Ihre Beine sind wie Gummi. Weitaus mehr haben chronischen Hautausschlag, Asthma und andere Einschränkungen. Glaubt man den Gegnern der Mine, sind auch Fehlgeburten und Krebs heute weit häufiger als früher. „Die gelähmten Kinder haben viel im Fluss gebadet. Auch heute noch nutzen wir das Wasser zum Waschen und zum Gießen unserer Pflanzen. Es ist vergiftet, aber wir haben kein anderes“ sagt Miguel Bámaca.

Die Bergbaubranche erzielt unterdessen Rekordgewinne. Lange Zeit kennt der Goldpreis nur eine Richtung:Steil nach oben. Trotz des Einbruchs und des aktuellen Auf und Abs an der Börse bleibt der Bergbau weiterhin ein lohnendes Geschäft. Goldcorp hat im vierten Quartal 2013 immerhin noch 1,2 Milliarden Dollar umgesetzt. Die Lizenz für „Marlin“ läuft mit Ende 2015 aus. Egal, ob man sich für oder gegen eine Verlängerung entscheidet, die Geologen der Goldcorp nehmen ihre Proben längst andernorts.

Klaus Brunner, 17.12.2014

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