Dirk Maxeiner/Michael Miersch: Alles grün und gut? – Denkanstöße für alle, die Umwelt und Natur wirklich schützen wollen.

Knaus Verlag, München 2014, 384 Seiten, € 20,60

„Wie irritiert, ja ablehnend gerade auch Naturschützer reagieren, wenn sich die Natur in eine Richtung entwickelt, die ihnen nicht gefällt, zeigte sich beispielhaft in den Neuzigerjahren, als durch ökologische Forschung deutlich wurde, dass immer mehr Tier- und Pflanzenarten sich in den Städten ansiedeln. Der Erste, der diese Entwicklung einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hat, war der Zoologe Josef H. Reichholf (…).Er konnte mit gut abgesicherten Zahlen aufwarten. Je größer ein Ort, desto größer ist der Reichtum an Vogelarten. Während in Dörfern oft nur drei Dutzend Arten gezählt werden, kommt eine mittlere Stadt wie Passau schon auf das Doppelte und Berlin auf das Vierfache: 141 Vogelarten im Stadtgebiet, mehr als die Hälfte aller in Deutschland brütenden Arten. Diese Vielfalt ist damit größer als in den ökologisch wertvollsten Naturschutzgebieten Deutschlands. Und das gilt nicht nur für Vögel, sondern auch für andere Tierklassen und Pflanzen.“

Die Autoren, Dirk Maxeiner und Michael Miersch, führen aus, wie irritiert bis aggressiv ablehnend NaturschützerInnen damals reagiert haben. Aber: „Warum stieß das Thema damals auf so starke Abwehr? Wildtiere in der Stadt haben sich erdreistet, den von uns als schön empfundenen Landschaftsrahmen zu verlassen, und zeigen durch ihre Anwesenheit, dass sie in einer von uns als weniger natürlich empfundenen Umgebung durchaus gut existieren können. Das verletzt unser ästhetisches Empfinden und unser Naturverständnis. Es passt nicht in unsere Erwartungen an die Natur, wie wir sie gerne hätten.“
 

Maxeiner und Miersch wissen wovon sie schreiben: Beide kommen aus dem so genannten grün-alternativen Milieu. In den 80er Jahren schrieben sie als leitende Redakteure für das „natur“-Magazin, damals das größte Umweltmagazin Europas. „Gemeinsam rührten wir (…) die Trommel für Biolandwirtschaft, Atomausstieg und Naturschutz.“ Doch während Umweltverbände immer apokalyptischere Meldungen lancierten, stellten die beiden bei ihrer Recherche genau das Gegenteil fest. Daraus resultierte 1996 das Buch „Öko-Optimismus“ („Die grüne Gemeinde exkommunizierte uns. Doch unser Interesse an ökologischen Fragen und den politischen Antworten darauf blieb bestehen. Wir beobachten die Entwicklung der grünen Ideen und ihre gesellschaftliche Wirkung bis heute.“) In ihrem neuen Buch „Alles grün und gut?“ geht es um nicht weniger als um eine aktuelle Bilanz des ökologischen Denkens und Handelns. Und die ist, neben vielen Erfolgen, oft auch verheerend.
 

Im ersten Kapitel erinnern Maxeiner und Miersch an die menschenverachtende Bevölkerungslehre von Thomas Malthus aus dem 18ten Jh. und machen darauf aufmerksam, wie diese – obwohl längst widerlegt - heute noch in Teilen des Grünen Denkens nachwirkt (Der Mensch, nicht nur als Quelle allen Übels, sondern als das Übel selbst.) Das Folgekapitel führt in die Klimaproblematik ein: Was ist der aktuelle Stand der Wissenschaft? Welches Wissen ist gesichert und welches nicht? Was schließt man daraus bzw. was kann man aus dem aktuellen Wissenstand überhaupt seriös schließen? Auch hier ist das Fazit fatal. Fatal aber auch der Umgang mit denjenigen WissenschaftlerInnen, deren Forschungsergebnisse nicht ins Konzept des Klima-Alarmismus passen. Sehr negativ fällt hier das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) auf. „Jüngster Abgang (2014) ist der Ökonom Richard Tol, koordinierender Leitautor des Kapitels über die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels. Der Niederländer, der die Position vertritt, dass die ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels eher gering sind, trat aus Protest gegen die Panikmache der Verantwortlichen zurück. In der Endfassung des Berichts seien Formulierungen umgedreht worden, das könne er als Wissenschaftler nicht mittragen. Tol: Es gibt viele Bürokraten, Wissenschaftler und Politiker, deren Job davon abhängt, dass die Klimakatastrophe möglichst schlimm erscheint.“ Maxeiner und Miersch nennen eine ganze Reihe oft besonders hochrangiger Wissenschaftler, denen es ähnlich erging. Zum Beispiel den Hurrikan-Experten Chris Landsea, der das IPCC unter Protest wegen vorsätzlicher Dramatisierung verlies, da seine eigenen Forschungsergebnisse auf keine Zunahme von Taifunen und Hurrikanen in den letzten Jahrzehnten deuten. Ähnlich der emeritierte Max-Planck-Direktor Lennart Bengtsson, der sich in der britischen Global Warming Policy Foundation an die Zeit der Kommunistenverfolgungen in den USA der 50er Jahre erinnert fühlte und schließlich das Handtuch warf.

 

In einem Buch wie „Alles grün und gut?“ darf natürlich auch weder die Energie-Thematik noch Bio-Landwirtschaft oder Chemie und Gentechnik fehlen. Hier ist das Panorama, das die beiden Autoren vor den Augen der LeserInnen ausbreiten, besonders beunruhigend, denn hier geht es tatsächlich um konkrete Menschenleben. Im Falle des weltweiten DDT-Verbotes sind es z. B. Hunderttausende Malaria-Tote, die aus diesem Verbot resultierten; Bio-Nahrung andererseits markiert denjenigen Fall von Lebensmittelvergiftungen, der in der Geschichte der Bundesrepublik am meisten Menschenleben gefordert hat.

 

An all dem sind NGOs, allen voran Umwelt-NGOs, nicht unbeteiligt bzw. teils sogar führend beteiligt. „Wer kontrolliert eigentlich NGOs?“ fragen darum Maxeiner und Miersch. Wie kam es zu ihrem steilen Aufstieg in den letzten 15 Jahren und wie steht es um ihre demokratische Legitimierung? „Nicht mal so etwas wie ein NGO-TÜV existiert, der eine sachliche Einschätzung liefern könnte, ob eine Gruppe tatsächlich für viele Bürger spricht oder sich trickreich in Szene setzt.“ Trotz ihrer harschen Kritik folgt man als LeserIn den Autoren gerne: aus ihrer Arbeit spricht nicht Besserwisserei und keine Schwarz-Weiß-Malerei, durch die das ausgesuchtes Sujet angepatzt werden soll, sondern zwei Journalisten, die ihre von Sorge getragene Kritik glaubhaft schildern. Sehr differenziert führen sie in die jeweilige Thematik ein und unterlassen es nicht, die Kritisierten da auch zu loben, wo sie sie für lobenswert erachten.
 

Als Roter Faden zieht sich der Hinweis der Autoren durch das Buch, welch enorme Fortschritte die Menschheit durch technische Innovationen erlangt hat, und wie gering diese im Öko-Milieu geschätzt werden. Mit welchen oft irrationalen Ängsten Fortschritt begegnet und behindert wird – und was daraus für Gefahren und Umweltschäden (z. B. „Windräder > Waldrodungen > Flächenverbrauch > Energieunsicherheit > Vogelschredder etc.“) entstehen können: „1997, im Jahr der Kernschmelze von Harrisburg, bei der niemand zu Tode kam, brach der Machu-II-Staudamm in Indien und überflutete die Stadt Morvi. Die Zahl der Ertrunkenen wird mit über 2 000 angegeben. Dennoch ist Morvi vergessen und Harrisburg prägte sich ins Gedächtnis ein. Der Ruf der Wasserkraft blieb tadellos. Wer erinnert sich an jene 26 000 bis 85 000 Menschen (die Angaben schwanken), die 1975 in der chinesischen Provinz Henan bei mehreren Staudammbrüchen umkamen? Insgesamt sind im vergangenen halben Jahrhundert Zehntausende durch Staudammbrüche ertrunken.“)
 

Im letzten Drittel des Buches beschäftigen sich Maxeiner und Miersch u. a. mit den Wurzeln des deutschen Bildes von Natur, das in der Romantik geprägt und zur Zeit der Nationalsozialisten staatlicherseits enorm gehypte wurde. (Ernährungsempfehlungen der Nazis sind oft von Texten aus aktuellen Broschüren aus Reformhäusern nur schwer zu unterscheiden. Und so manches Produkt, das heute in der Ökoszene gang und gäbe ist wurde in KZ-Versuchen erprobt. Eine weitere Schnittstelle ergibt sich durch den anhaltenden Esoterik-Hype.)
 

Angstkampagnen sind in der alternativen Szene gängige Praxis. Wie solche Alarmismus-Botschaften von Umwelt-NGOs funktionieren zeigt exemplarisch dieser Artikel von Ludger Weß, der sich auf eine eben erschienene Presse-Aussendung der großen deutschen Umwelt-NGO BUND bezieht und auf der Website von Maxeiner und Miersch „Achse des Guten“ erschienen ist.

Als Opfer von Öko-Angstkampagnen werden vor allem Kinder genannt: „In Großbritannien hat die Global Warming Foundation eine Studie über die Beeinflussung des Schulunterrichts durch grüne Aktivisten und ihre Ideologien untersucht. Das Ergebnis war leider so niederschmetternd, dass sich selbst der ehemalige britische Erziehungsminister besorgt über die Beeinflussungen der Schulen durch politischen Lobbyismus zeigt. Schulen sollen nicht lehren, dass eine bestimmte Ideologie oder Weltsicht richtig ist – es verstößt sogar gegen unsere Gesetze, wenn sie dies tun, ließ er ausrichten, es ist unerlässlich, dass Materialien, die im Unterricht verwendet werden, auf wissenschaftlichen Fakten basieren und nicht auf Zielen von politischen Kampagnen.“
 

Die Aufführung von Al Gore’s „Ökopropaganda-Film“ Eine unbequeme Wahrheit ist aufgrund eines richterlichen Urteils in Großbritannien vor Schulklassen verboten, es sei denn, man weist im Unterricht auf die dort formulierten Unwahrheiten hin. Maxeiner und Miersch: „Die deutsche Politik hielt das nicht davon ab, Schüler und junge Leute geradezu enthusiastisch dieser Katastrophenpropaganda auszusetzen. Und zwar quer durch alle Parteien. Der ehemalige Hamburger Oberbürgermeister Ole von Beust (CDU) bezahlte Schülern den Kinobesuch aus der Steuerkasse, der damalige Umweltminister und heutige Vizekanzler Siegmar Gabriel (SPD) kaufte gleich 6000 DVDs und ließ sie kostenlos an Schulen verteilen.“
 

Nach vielen ähnlich gelagerten Beispielen machen die beiden Autoren aufmerksam auf: „Die ständige Aufforderung an junge Menschen, bei einer Sache mitzumachen und sich zu engagieren, ist eigentlich ein untrügliches Zeichen für totalitäre Systeme. Demokratien lassen ihre Bürger normalerweise mit Mitmachphrasen und –Appellen in Ruhe – die Kinder sowieso. Es wird jungen Menschen ein Notstand vermittelt, der weder Verzug noch Widerspruch duldet. Über die Gefahr als solche darf nicht mehr diskutiert werden, lediglich darüber, mit welchen Mitteln sie denn am besten abzuwenden sei. Wer da nicht mitmacht hat das falsche Bewusstsein, wie einstmals jene, die am wissenschaftlichen Sozialismus Zweifel anmeldeten.“

 

„Alles grün und gut?“ von Maxeiner und Miersch wird der alternativen Szene wehtun. Trotzdem ist sie gut beraten, dieses Buch als ein wertvolles Geschenk zu betrachten. - Was Besseres kann jemandem passieren, als eine sowohl ehrlich gemeinte, besorgte, als auch fundierte Kritik zu erfahren? - Wünschen wir dem Buch also eine große Verbreitung und eine rege Diskussion!

Ich habe in dieser Rezension sehr ausführlich aus dem Buch zitiert, um zu illustrieren, welch spannende Themen darin auf die LeserInnen warten. Sein Sie sich aber bitte versichert, dass ich nur den kleinsten Teil dessen aufgezeigt haben, was das Buch an Lesenswertem und Diskussionswürdigem bereithält.

www.achgut.com
 

Autor: Thomas Divis, Dezember 2014

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