Vom Löwen-Jäger zum Löwen-Beschützer

Das Bild des majestätischen Löwen gehört wohl genauso zum Image Afrikas wie das der Massai-Krieger, und doch standen sich Löwe und Krieger bisher eher feindlich gegenüber. Das Erjagen eines Löwen verschaffte dem Massai Prestige und die Trophäe galt als Statussymbol.

Doch in den letzten Jahrzehnten hatten die Löwen Afrikas nicht nur mit den Massai zu kämpfen. Durch stetiges Bevölkerungswachstum wanderten immer mehr Menschen in das Lebensgebiet der Löwen. Dadurch wurde ihnen zum einen Lebensraum, aber auch Ernährungsmöglichkeiten  genommen. Die natürlichen Feinde der Löwen zogen sich zurück und wurden aufgrund der zunehmenden Landwirtschaft durch Viehherden ersetzt. Somit wurden die Löwen immer mehr zu Feinden der BäuerInnen, da das Vieh nicht mehr sicher war. Dies führte dazu, dass die Menschen wiederum zunehmend zum Feind der Löwen wurden, da diese, um ihr Vieh zu beschützen, anfingen, Löwen zu jagen. Dies klingt nach einem Teufelskreis - ist es aber nicht - dank der Massai.

Die Organisation „Panthera“ startete 2007 in Zusammenarbeit mit „Living with Lions“ das „Lion Guardian Program“ in Kenia . Im Rahmen des Projektes werden die Massai zu Natur- und v.a. Löwen-Schützern ausgebildet. Ziel ist es, anders als in den meisten Naturschutzprogrammen, nicht rein auf die Natur zu fokussieren, sondern eine Koexistenz zwischen Mensch und Natur zu schaffen. Man arbeitet mit dem Wissen der Massai über Löwen, welches sie sich in ihrer Vergangenheit als Löwen-Jäger angeeignet haben. Die Massai verfügen über zahlreiche Techniken, Löwen zu beobachten und zu verfolgen. Anstatt diese Techniken zum Morden zu verwenden werden sie nun zu deren Schutz eingesetzt. Die Organisation machte die Massai auf das Aussterben der Löwen und ihren Wert für Kultur, aber auch für den Tourismus aufmerksam. Ein Löwe tötet jährlich Vieh im Wert von 200 €, bringt aber 12.000 € für den Tourismus ein. Die Tradition der Massai als Krieger wird verstanden, akzeptiert und transformiert. Sie gelten weiterhin als Beschützer der Gemeinde, nun aber auch der Löwen. Das Image des Beschützers und somit des Kriegers bringt ihnen nun genauso Prestige und Status wie das des Jägers zuvor.

Das Projekt hat mittlerweile über 70 Mitglieder und umfasst ein Gebiet von über 4.500 km². In diesem Gebiet konnte die Tötungen von Löwen zu 99 % eingeschränkt werden. Da die meisten Mitarbeiter zuvor selbst Löwen töteten, haben sie einen anderen Zugang zu den Menschen und können einfacher mit ihnen kommunizieren, ohne eine Überlegenheitshaltung einzunehmen. Durch die Unterstützung der Organisation können neue Techniken zur Überwachung der Löwen eingesetzt werden. Somit wird das Vieh der BäuerInnen besser geschützt. Außerdem gelingt es den Massai, die Löwen durch Geschichten aus ihrem Arbeitsalltag zu individualisieren und somit auch Mitgefühl bei den BäuerInnen für die Tiere zu erwecken.

Da das Projekt so erfolgreich ist, wurde es 2010 auch auf Tansania ausgeweitet. Dort arbeiten aber auch andere Organisationen nach demselben Prinzip, wie z.B.  die „Big Cats Initiative“ von National Geographic. Auch hier werden die Massai als „Warrior for Wildlife“ eingesetzt. Sie erhalten ein Training und arbeiten als Umwelt-und NaturschützerInnen. So patrouillieren sie z.B. gegen illegalen Waldbrand und Wilderei.

Eine andere Initiative des Projekts nennt sich „Living Walls“ und hat ebenfalls zum Ziel, einen Konflikt zwischen Mensch und Tier zu vermeiden. Hier werden um die Viehflächen der BäuerInnen heimische Bäume gepflanzt und deren Äste verflochten. Es entsteht eine lebende Mauer, welche von den Löwen nicht so einfach durchbrochen werden kann und somit Mensch und Vieh schützt.

Leider hatte ich nicht die Möglichkeit, mich mit den Menschen vor Ort auszutauschen, da ich von der Ferne aus über das Projekt berichte. Daher ist es schwierig zu beurteilen, ob die Einheimischen selbst wirklich so zufrieden sind, wie das durch die Organisationen dargestellt wird.

Sieht man einmal von dem Mitgefühl gegenüber dem Löwen ab, wird durchaus in die Kultur der Massai eingegriffen. Das Jagen der Löwen, eine hunderte Jahre alte Tradition wird untersagt und dies zwar mittlerweile durch die Massai selbst, die Idee aber kam von den Organisationen „von außen“.

Die Tatsache, dass ein Löwe jährlich 12.000 € im Tourismus erwirtschaftet, hat für die Massai und die BäuerInnen, welchen das Vieh gerissen wird, wenig Bedeutung. Das Geld, das durch den Tourismus erzielt wird, wird diese Menschen nicht erreichen.

Desweiteren muss man sehen, wie genau die Menschen zum Umdenken gebracht werden. So wird der größte Fortschritt wohl durchaus mit Aufklärungsarbeit und gegenseitiger Kommunikation erzielt, jedoch auch mit Versprechungen, welche von den Organisation gegenüber den Menschen gemacht werden. So bauten die Lionguardians eine Augenklinik in Kenia, in welcher die auf dem Land lebenden Menschen kostenlos behandelt werden. Durch Kooperation bekommt man Vorteile, gleichzeitig heißt dies, dass man bei Nicht-Kooperation leer ausgeht.

Man muss den kritischen Blick gegenüber Projekten „von außen“, welche in das Leben der Menschen vor Ort eingreifen, bewahren. Gleichzeitig dürfen in diesem Fall die positiven Aspekte nicht in Vergessenheit geraten. Die Anzahl der Löwen auf dem afrikanischen Kontinent ist in den letzten 75 Jahren um 90 % gesunken. Außerhalb der Nationalparks sind die Löwen damit in den nächsten 25 Jahren vom Aussterben bedroht. Dies liegt auch am Verschulden der Menschen: In Kenia werden jährlich 100 der 2.000 Löwen durch Menschen getötet. Ohne Eingreifen würde dies bedeuten, dass Kenia 2030 keine Löwen mehr beheimatet.

Daher ist die Zusammenarbeit der Organisation mit den Massai notwendig. Die Tradition wird soweit wie möglich bewahrt, die Stimme der Massai bei Entscheidungen und Verbesserungsvorschlägen gehört und durch die Projekte werden Arbeitsplätze geschaffen.

Es ist ein riesiger Fortschritt, ehemalige Feinde zu einer Zusammenarbeit zu bringen. Wenn das den Löwen und den Massai gelingt, schafft dies Hoffnung, in Zukunft auch andere Konflikte zwischen Mensch und Tier lösen zu können.

Jessica Gärtner, 22.1.2015

 

Quellen:

www.panthera.org

www.lionguardians.org

http://animals.nationalgeographic.com/animals/big-cats-initiative/ 

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