Okujepisa omukazendu – einem Gast die eigene Frau anbieten

Die Region Kunene liegt im Norden Namibias an der Grenze zu Angola. Sie ist für ihre immer noch stark verankerte Tradition und relative Isolation vom Rest des Landes bekannt. Hier leben die Ethnien der Ovahimba und Ovazemba mit insgesamt rund 86.000 Mitgliedern. Die beiden Ethnien leben von Vieh- und Landwirtschaft, betreiben traditionellen Ahnenkult und sind auch heute noch traditionell gekleidet. Trotz der Isolation der Ethnien vom Rest des Landes, welche vor allem durch die regionalen Abgeschiedenheit zu erklären ist, haben genau diese beiden Ethnien eine landesweite Diskussion ausgelöst.

Alles begann mit Herrn Tjeundo. Herr Tjeundo ist Vizepräsident der Oppositionspartei „Demokratische Turnhallenallianz Namibias“. Bereits 2014 kündigte er an, eine hoch umstrittene und gleichzeitig tief verwurzelte Praktik der Ovahimba und Ovazemba gesetzlich zu verankern, falls er es zu einer Wiederwahl bringen könne. Soweit durch meine Recherchen ersichtlich, wurde das Gesetz jedoch bisher noch nicht umgesetzt.

Der Frauentausch

Es geht um das sogenannte „wife swapping“, den Frauentausch. Der Frauentausch wird von den beiden Ethnien seit Generationen durchgeführt und von den einen neudeutsch als „Swinging“, von anderen schlichtweg als Vergewaltigung bezeichnet. Anders als beim westlichen „Swinging“ wird hier allerdings nicht mit fremden Paaren getauscht, sondern mit guten Freunden. Der gravierende und problematische Unterschied jedoch ist, dass es sich hier wirklich um einen Frauentausch handelt. Der Mann bestimmt, welcher seiner Freunde mit seiner Frau schlafen darf. Eine Zustimmung der „getauschten“ Ehefrau ist nicht notwendig, allerdings kann die Ehefrau Vorschläge machen, mit welcher befreundeten Frau ihr Ehemann das Vergnügen haben sollte. Es handelt sich hier also um ein weitaus organisierteres Vorgehen als im Westen. Eine feste Auswahl der Frauen wird zuvor von den Männern vereinbart und der Geschlechtsakt wird stets in dem jeweiligen Zuhause der Paare durchgeführt.

Im Rahmen der entfachten Diskussion gab es viele Stimmen - dafür und dagegen. Die meisten männlichen Mitglieder der beiden Ethnien möchten dieses traditionell verankerte Privileg natürlich ungern aufgeben. Sie sprechen sich für eine Beibehaltung der Praktik aus, da durch diese Freundschaften angeblich gestärkt werden, Fremdgehen vermieden und eine langjährige Tradition bewahrt wird. Gegner der Praktik verweisen zum einen auf die Unterdrückung der Frau, die dazu gezwungen wird, außerehelichen Sex zu haben. Zum anderen machen sie auf die Problematik der sexuell übertragbaren Krankheiten aufmerksam, welche durch außerehelichen Sex schwieriger in den Griff zu bekommen sind.

Geschlechtskrankheiten und Unterdrückung der Frauen

Laut UNAids leben in Namibia 250.000 Menschen, die mit HIV infiziert sind (2013). Das sind rund 13,5 %.  Selbstverständlich stellt außerehelicher Sex ein höheres Infektionsrisiko dar. Allerdings muss man hier beachten, dass diese Form von Arrangement nicht unter fremden Menschen sondern unter Freunden stattfindet. Besteht hier nicht eine bessere Möglichkeit, gemeinsame HIV-Tests durchzuführen bzw. sicher zu gehen, dass die betroffenen Partner gesund sind?

Auch die Verfechter der Tradition sind sich der möglichen gesundheitlichen Folgen dieser Praktik bewusst. Sie setzen sich für eine Weiterführung der Praktik ein, allerdings mit einer gleichzeitigen Verstärkung von Aufklärungsprogrammen zum Thema HIV/Aids und anderen übertragbaren Krankheiten.

Das Argument der Unterdrückung der Frauen jedoch ist nicht zu leugnen. Die Ehefrau kann weder mitbestimmen, an wen sie „getauscht“ wird, noch dies verweigern. Sie wird zum außerehelichen Sex gezwungen und muss gleichzeitig die Promiskuität des Mannes dulden – und dies auch noch mit einem befreundeten Paar, was es für die einen vielleicht leichter, für die anderen aber umso schwerer macht.

Kulturalismus versus demokratische Verfassung

Die namibische Gender-Aktivistin Rosa Namises setzt sich daher gegen die Praktik – und deren Aussicht auf gesetzliche Verankerung – ein, ebenso die Vereinten Nationen. Hinzu kommt, dass die Verfassung Namibias auf einer konstitutionellen Demokratie beruht. Eine Richtlinie zu genderbasierten Gewalttaten ist genauso gesetzlich verankert wie ein Gesetz zur Gleichstellung verheirateter Personen.

Kultur und Tradition müssen gewahrt und respektiert werden, dürfen aber nicht als Entschuldigung dienen um die Rechte der Frauen zu unterdrücken. Ein zu starker Kulturalismus steht im Widerspruch zur demokratischen Verfassung Namibias. Die Stimmen der Frauen müssen gehört werden.

Ein modifizierter Frauentausch als Lösung?

Allerdings gibt es durchaus Frauen, die dieser Praxis zustimmen. Leider konnte ich selbst nicht mit Betroffenen sprechen, stieß jedoch online auf die Aussage einer 40 Jahre alten Frau. Kambapira Mutumbo hat die Praktik selbst mit ihrem Mann durchgeführt und wurde „getauscht“. Sie sieht kein Problem mit dem Arrangement. Es gehört zu ihrer Tradition und sie sieht keinen Grund, dies zu ändern. Die Vereinten Nationen wiederum argumentieren, dass die Frauen ihren Männern nicht widersprechen wollen oder dürfen und daher zustimmen. Hier allerdings müssen die Stimme der Frauen ebenso gehört werden. Es gilt auch als Diskriminierung den betroffenen Frauen zu unterstellen, falsche Aussagen zu machen da sie ihren Männern nicht widersprechen wollen.

Willigt die Frau zum „Swinging“ ein und wird gesundheitliche Verantwortung übernommen, steht der Ausführung der Praktik nichts im Wege. Willigt die Frau nicht ein, wird „Swinging“ zur Vergewaltigung.

Die Praktik gesetzlich zu verankern, oder wie die Gegner fordern, zu illegalisieren, geht jedoch an der Realität des Problems vorbei. Egal ob legal oder illegal, die Tradition wird wohl so oder so beibehalten werden. Aufklärungsprogramme zu sexuell übertragbaren Krankheiten und den Rechten der Frauen müssen in den Vordergrund der Diskussion rücken. So kann die Praktik beibehalten werden, jedoch in so einem Maße modifiziert, dass sich alle Betroffenen wohl damit fühlen.

Quellen:

http://www.iol.co.za/news/africa/wife-swapping-fuels-debate-in-namibia-1.1670861#.VNIxydKsV

http://www.namibiansun.com/local-news/activists-say-wife-swapping-is-rape.64687

http://www.confidente.com.na/2012/12/18/rosa-namises-human-rights-activist-with-a-passion/

http://www.unaids.org/en/dataanalysis/

 

Jessica Gärtner, 18.2.2015

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