Jacques Tardi: „Elender Krieg 1914 – 1919“ und „Grabenkrieg“

Edition Moderne, Zürich 2013/14, Grafic Novel,
143 Seiten/127 Seiten, Großformat, € 34,95 bzw. € 26,80

„Was glauben Sie, in welcher Verfassung man einem neuen elenden Kriegstag an vorderster Front entgegensah, nach einer weiteren Nacht in einem kalten, eisigen Bunker, auf Stroh, das sich allmählich in einen Misthaufen verwandelte, in Gesellschaft von Ratten und Flöhen, im Gestank von Fürzen und Schweißfüßen und der Leichen, die draußen verrotteten? Wir alle hatten eine Heidenangst, ihn nicht mehr lebend zu überstehen, diesen neuen elenden Kriegstag an vorderster Front!

Was tat man also, um auf dem Posten zu bleiben, in der Gewissheit, entweder eine Kugel in die Schnauze oder eine Granate auf den Schädel zu kriegen? Wichtig war, sich gleich nach dem Aufwachen mit einem ordentlichen Schluck Fusel zu betäuben und stets darauf zu achten, dass die Feldflasche immer gut gefüllt war. Das Beste wäre gewesen, sich ins Hinterland zu verdrücken und nur unsere Flinten an Ort und Stelle zu lassen. Aber wir hatten die Militärpolizei im Nacken und dazu die hässliche Erinnerung an die ekelerregenden Kadaver erschöpfter Nachzügler, die sie beim Rückzug erschossen hatten. Wir saßen so quasi zwischen zwei verschiedenartigen Feinden in der Patsche. Eine preußische Kugel oder das Erschießungskommando – „Feigheit vor dem Feind“ – zwölf französische Kugeln ins Herz.“

Einer, der wegen „Feigheit vor dem Feind“ hingerichtet wurde, war Luciani. Luciani war Korse; er konnte kein Französisch. Weil er den Befehl bei einer Offensive nicht folgte, nicht folgen konnte, da es ihm unmöglich war ihn zu verstehen, wurde ihm aufgrund von „Feigheit vor dem Feind“ der Prozess gemacht. Ein Kommando aus lauter Neuankömmlingen musste Luciani erschießen. Auch das ihm verkündete Todesurteil hat er nicht verstanden. 

Der Fall von Luciani ist nur eine von unzähligen authentischen Geschichten, die der Graphiker Jacques Tardi in „Elender Krieg“ und „Grabenkrieg“ schildert. In beiden Bänden, die nun, anlässlich des 100-Jahre-„Jubiläums“ des 1. Weltkrieges neu aufgelegt wurden, stellt Tardi den Krieg aus Sicht der „Kleinen Leute“ dar. Und hier natürlich vor allem aus Sicht der Männer der kämpfenden Truppe, die nur zu oft einen völlig sinnlosen, dafür umso erbärmlicheren Tod sterben mußten. Auch wenn der Hauptschauplatz der beiden Bücher die französischen Schützengräben sind, lässt Tardi immer wieder durchblicken, dass es den Männern in den Gräben gegenüber um keinen Deut besser erging. Neben den Briten, die damals auch auf französischem Boden kämpften, findet besonders auch das Schicksal der Kämpfer aus den Kolonien, z. B. aus Senegal oder Indien, Erwähnung.

Jacques Tardi benutzte vor allem autobiographische Berichte als Quelle für seine Schilderungen. Auf ihrer Grundlage stellt er die einzelnen Schicksale erschreckend plastisch dar. Wissenschaftliche Unterstützung fand Tardi im Historiker Jean-Pierre Verney, der ihm zur unabkömmlichen Hilfe wurde. Folgenden Dialog mit ihm schildert Tardi im Vorwort von „Grabenkrieg“:

„Es geht um den Soldaten, den man in einem Klassenzimmer aburteilt… ist er gefesselt?“

„Nein, nein! Er ist ja noch nicht verurteilt. Er steht in Habachtstellung, zu beiden Seiten einen bewaffneten Soldaten…Du kannst ihn barhäuptig zeichnen oder mit einem Käppi, oder mit einem Helm unter dem Arm oder auf dem Kopf…“

„Im Mantel?“

„Oder in der Jacke…mit umgeschnallten Koppel, aber ohne Patronentasche.“

„Sag mal die Jacke, hat die hinten auch Knöpfe? Und einen Ziergürtel?“

„Nein, nichts. Nur vorne sieben Knöpfe in der Mitte, und einen Stehkragen.“

„Gut, dann das Standgericht…“

„Also… Das besteht zum Beispiel aus einem Oberst, einem Major, einem Hauptmann, zwei Leutnants. Die Leutnants können von der Front kommen, dann zeichnest Du sie im Mantel, den Helm vor sich auf dem Tisch; die anderen im großen Dienstanzug mit Ehrenzeichen. Alle sitzen hinter einem großen Tisch.“

„Wenn er hingerichtet wird, wird der Soldat dann an einen Pfahl gebunden, mit verbundenen Augen?“

usw.
 

Jean-Pierre Verney zeichnet aber nicht nur für die vielen Hintergrund-Infos verantwortlich, die es Tardi ermöglichten seine Graphiken mit besonderer historischer Sorgfalt auszuführen, sondern er schrieb auch den ausführlichen Begleittext zum Band „Elender Krieg 1914 – 1919“. Auf 40 großformatigen und durchgehend mit historischen Fotos bebilderten Seiten schrieb er einen kurzen Abriss des 1. Weltkriegs. Er macht dies so packend und gleichzeitig aufs Wesentliche konzentriert, dass sich die LeserInnen hier hervorragend einen gerafften, kenntnisreichen Überblick zum Thema verschaffen können. Der historische Bogen wird bis 1919 gespannt, da auch nach dem offiziellen Friedensschluss die Dynamik des Krieges noch Geschichte schrieb, z. B. mit der dt. Novemberrevolution oder dem Russischen Bürgerkrieg.

Mit diesen beiden, in jeder Hinsicht hervorragenden Büchern „Elender Krieg 1914 – 1919“ und „Grabenkrieg“ schafft es Jacques Tardi seinen LeserInnen eine gewisse Vorstellung davon zu vermitteln, was Krieg bedeutet, zumal unter den Bedienungen in einer industrialisierten Gesellschaft.

2012 wurde Tardi die höchste Auszeichnung Frankreichs, der Orden der Ehrenlegion, angetragen. Er lehnte ab.

 

Eine Leseprobe zu „Elender Krieg 1914 – 1919“ finden Sie hier.

Eine Leseprobe zu  „Grabenkrieg“ finden Sie hier.

 

Der Verlag bietet eine Aufbereitung von „Elender Krieg“ auch als didaktisches Material für die Schule über seine Website an. Aufgrund der Drastik ist das Material nur für SchülerInnen der Oberstufe geeignet.
 

www.editionmoderne.ch
 

Autor: Thomas Divis, März 2015

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