Olcay Bayir: Neva/Harmony

Riverboat/Harmonia Mundi
**** + ½

Simo Lagnawi: The Gnawa Berber
Riverboat/Harmonia Mundi
*** + ½

Eine lange Geschichte haben die Lieder, die Olcay Bayir auf ihrem Debutalbum „Neva“ singt nicht nur, weil sie teils Jahrhunderte alt sind, sondern auch ganz einfach deswegen, weil sie ihr bereits als Baby quasi in die Wiege gelegt wurden.

Die junge Sängerin ist türkische Kurdin, die mittlerweile in London lebt. Dort absolvierte sie eine klassische Gesangsausbildung für Oper, geht mit ihrem CD-Erstling jetzt allerdings straight back to her very own roots. Wer nun aber glaub hier verstaubte Ware vorzufinden irrt gewaltig. Im Gegenteil macht einen Gutteil der Faszination, mit der man ihrer Arbeit begegnen wird, die ungemeine Frische und Lebendigkeit aus, mit der sie die alten Lieder vorbringt. Dabei mischt sie unter das Anatolische auch Ware vom Balkan oder sephardische Musik. Olcay Bayir läd mit ihrem Programm einerseits durchaus zu dem einen oder anderen Tänzchen ein, andererseits gibt sie bittersüße Balladen, die zum Tagträumen einladen. Bemerkenswert aber immer, wie ungekünstelt und voller Leichtigkeit sich diese versierte Künstlerin anhört. Ein sehr, sehr feines Debut.

Hörbeispiele zu allen Songs von “Neva“ von Olcay Bayir finden Sie hier.

www.olcaybayir.com

 

Simo Lagnawi: The Gnawa Berber

Riverboat/Harmonia Mundi

*** + ½

 

Die Gnawa-Kultur ist eine uralte marokkanische Trance-Kultur und wird “Gnaua” ausgesprochen. Simo Lagnawi ging dort bei einigen Meistern in die Lehre, bevor er sich für die Verlegung seines Lebensmittelpunktes nach London entschied. Hier leitet er aktuell die “School of Gnawa”. Auf seinem Album “The Gnawa Berber” erweist er sich weitgehend als Selfmade-Man, der fast alle Instrumente selbst einspielt: Das ist, neben dem Gesang, die Gumbri-Laute mit ihrem markanten viereckigen Körper und dem stumpfen Klang der Ziegendarm-Saiten. Aber vor allem diverse Rhythmus-Instrumente, allen voran die Krakebs-Metall-Klappern, die angeblich auf das Klirren der Ketten bei Sklaventransporten zurückgehen sollen. Aus dieser Melange entsteht ein erdiger Sound, etwa wie hier in der Nummer “Sandika”:

Das sind faszinierende musikalische Echos einer kargen Wüsten- und Gebirgsgegend, durch die der Geschmack von Staub, Sand und eine dezente Monotonie transportiert wird. Simo Lagnawi nimmt dabei Anleihen von Bambara- und Hausa-Kultur, zeigt sich auch dem Berberischen aufgeschlossen und verschmäht auch keine Zusammenarbeit mit GastmusikerInnen aus dem keltischen Raum.

Hörbeispiele zu allen Tracks von “Simo Lagnawi: The Gnawa Berber” finden Sie hier:

www.simolagnawi.com
 

Autor: Thomas Divis, März 2015

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*                         no!
**                       lauwarm
***                     Yin/Yang
****                   ziemlich gut
*****                 wir empfehlen aus- & nachdrücklich

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