Udo Pollmer/Georg Keckl/Klaus Alfs: Don’t Go Veggie! – 75 Fakten zum vegetarischen Wahn

S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2015, Sachbuch, 222 Seiten, € 20,40

Viele Menschen setzen heutzutage auf vegetarische Ernährung oder eine ihrer Spielarten, weil sie davon überzeugt sind, dass sie damit die Welt verbessern könnten. Was aber, wenn sich herausstellte, dass genau das Gegenteil der Fall ist? Die Autoren von „Don’t Go Veggie!“ räumen in 75 Kleinkapiteln mit solch populären Weltrettungs-Vorstellungen gründlich auf. Etwa mit derjenigen die besagt, dass FleischkonsumentInnen für ihre Ernährungsweise immer mehr Boden „verbrauchen“ würden: „Das immer exquisitere Gemüse und Obst für die deutschen Vegetarier erforderte in den letzten zehn Jahren ein Viertel mehr an Fläche, während die Fleisch- und Milchversorgung weniger Fläche benötigte, weil die Fütterung der Tiere immer effizienter wurde.“

Und sie ergänzen, ganz im Bewusstsein, dass hier so machen das Weltbild komplett auf den Kopf gestellt wird: „Da dies für die eine oder den anderen unglaublich klingen mag, hier das Originalzitat aus einer amtlichen Quelle: „Die Flächenbelegung durch den Inlandsverbrauch von Ernährungsgütern ist zwischen 2000 und 2010 um 5% angestiegen. Dabei war die Flächenbelegung durch Erzeugnisse tierischen Ursprungs mit – 6,2% rückläufig; für die Erzeugnisse pflanzlichen Ursprungs erhöhte sie sich um knapp 25%.“ . (Am Ende der Rezension finden Interessierte eine Leseprobe, in der Sie das gesamte betreffende Kapitel nachlesen können.)

In dieser Tonart geht es durch satte 75 Beiträge, in denen kaum ein Stein auf dem anderen bleibt. Behandelt werden aktuelle Veggie-Mythen - ein weites Feld, das sich von der angeblich besseren Ökobilanz von Bio-Gemüse, die eingebildeten Vorteile von Regionalität über das Angstbild „Massentierhaltung“ bis hin zur postulierten ethischen Überlegenheit von VegetarierInnen und VeganerInnen ausbreitet. Die Wissensausbeute für interessierte LeserInnen ist hoch. So erfahren sie, dass der Anteil von Soja-basierten Futtermitteln in Deutschland gerade mal zwei (!) Prozent beträgt. Die beängstigenden 15.500 Liter Regenwasser pro kg Rindfleisch verflüchtigen sich rasch in 94% Regenwasser. Und wenn die Autoren auf die bei Bio-Hühnern „mit der Freilandhaltung einhergehenden relativ großen Verluste bei den Tieren“ aufmerksam machen, dann zitieren sie dabei nicht etwa aus der Studie eines Multinationalen Agrokonzerns, sondern aus dem Bio-Fachblatt „Ökologie & Landbau“. Die LeserInnen haben es also bei „Don’t Go Veggie!“ mit einer nicht nur überaus spannenden, sondern auch grundsoliden, faktenbasierten Arbeit zu tun, in der die Autoren ihre Gedanken durch eine Fülle an Quellenmaterial belegen.

Galionsfigur des Autoren-Trios ist der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer. Seine unkonventionellen wissenschaftlichen Beiträge machen ihn schon seit Langem zum enfant terribel der deutschsprachigen Ernährungs- und Gesundheitsszene und mit seiner wöchentlichen Kolumne „Mahlzeit!“ zum heimlichen Star von Deutschlandradio. Pollmer hat sich in seinen Büchern (z. B. "Prost Mahlzeit – Krank durch gesunde Ernährung"; "Lexikon der populären Ernährungsirrtümer"; "Wer gesund lebt, ist selber schuld") und Beiträgen bereits oft bezüglich der Nachteile von Bio, Vollkorn, Rohkost oder rein vegetarischer u. veganer Ernährungsweise geäußert. Dies dürfte der Grund sein, warum eben diese Aspekte in „Don’t Go Veggie!“ relativ wenig Erwähnung finden und man sich eher um Themen wie Tierwohl, Umweltverträglichkeit oder Ideologie bemüht. Die Veggie-Ideologie ist eines der Spezialgebiete von Klaus Alfs, seines Zeichens Landwirt und Diplom-Sozialwissenschaftler. Nummer Drei des Autoren-Teams ist der Agrarstatistiker Georg Keckl. Er ist - besonders seit dem Tod von 53 Menschen durch EHEC-Bakterien auf Bio-Salat-Sproßen + einigen Tausend teils schwer Erkrankten -  ein besorgter Beobachter der alternativen Szene, der er immer wieder vorwirft, gerade im Bereich der Landwirtschaft und Ernährung massiv mit falschen Zahlen zu operieren. Von Keckl erschienen zuletzt seine beiden ausführlichen Kritiken zu den Le Monde Fleischatlanten sowie zum diesjährigen Le Monde-Bodenatlas (siehe „Anti-Fleischatlas“ und „Anti-Bodenatlas“  ).

Alle drei, sowohl Pollmer, als auch Keckl und Alfs sind nicht nur fundierte Wissenschaftler sondern lieben Polemik. Unbedarfte LeserInnen dürften sich am Beginn der Lektüre wohl fragen, warum hier gleich so scharf geschossen wird. Dies spiegelt in stark abgemilderter Form den Ton wieder, der von radikalen TierrechtlerInnen und VeganerInnen in die Diskussion eingebracht wurde.  Der österreichische Tierethiker Helmut F. Kaplan wird zitiert mit „Es gibt nichts Widerlicheres als ordinäre Fleischfresser (…) sie simulieren Moral, obwohl sie meilenweit unter jedem Kinderschänder und Massenmörder stehen.“ und „Gegenüber diesen Kulturschweinen ist jeder Auftragsmörder ein Hort moralischer Integrität.“ (Kaplan war im Oktober 2014 als Referent zum vom Verein gegen Tierfabriken organisierten „Tierrechtskongress“ in Wien geladen, was auch innerhalb der Szene auf Kritik stieß; Quelle. ) Von der Animal Liberation Front (ALF) verkündete Vivien Smith gar: „Ich werde überglücklich sein, sobald der erste Wissenschaftler von einem Tierbefreier getötet worden ist.“ - Nein, sie haben sich nicht verlesen. Der Brisanz wegen sei hier ausführlich aus „Don’t Go Veggie!“, Seite 167, zitiert:
 

Auf der Homepage der Animal Liberation Front befindet sich der vollständige Inhalt eines Buches mit dem Titel Declaration of War, das unter dem Pseudonym „Screaming Wolf“ in der Szene kursiert. Die Animal Liberation Front bewirbt das Buch mit der niedlichen Überschrift „Killing People to save Animals an Enviroment“. Hier wird die brutale Konsequenz aus dem Tierbefreiungsgedanken gezogen. Die Aktivisten nennen sich in dem Buch „Liberators“ (im folgenden „Erlöser“ genannt) und fordern explizit die Abschaffung aller menschlicher Zivilisation zugunsten der Natur. Im Kapitel „A Time for War“ heißt es: „Die Erlöser glauben fest daran, dass das Beste, was der Erde und all ihren nicht-menschlichen Bewohnern passieren kann, das Ende aller Gesellschaften einschließlich aller Menschen ist. […] Die Tyrannei der Menschheit wäre vorbei. Dies ist eine Sache, für die sich die Erlöser freudig opfern (‚gladly martyr themselves‘).“
Gewaltfreie Lösungen werden als ineffektiv abgelehnt. Die „Erlöser“ wähnen sich in einem Partisanenkampf gegen den „Tierholocaust“. Alle Menschen, die an der Ausbeutung und Tötung von Tieren teilnehmen, müssen demnach gewaltsam von ihrem Tun abgehalten und ggf. getötet werden: Landwirte, Metzger, Kürschner, Mediziner, Apotheker, Gastronomen, Forscher, Jäger, Fischer, Zoohändler, Autofahrer… die Todesliste ist lang.

 

Die Autoren zeigen sich sehr besorgt, weil derlei Töne bereits Eingang in den medialen Mainstream, Stichwort etwa „Tier-KZs“, fanden und dort radikalen Gruppen zunehmend die Möglichkeit medialer Präsenz geboten wird:

Die Ächtung des Fleischkonsums läuft in der Praxis auf die Ächtung derjenigen „Völker“ hinaus, die heute ihren Fleischkonsum massiv steigern und dabei keinerlei tierethische Bedenken haben, so zum Beispiel die Chinesen. Der britische Popmusiker und Veganer Morrissey, der Mitte der 1980er Jahre einen Hit mit dem Titel „Meat is Murder“ landete, bemerkte vor ein paar Jahren über Chinesen angesichts ihrer entspannten Haltung zum Tier: „Man kann nicht anders, als das Gefühl zu bekommen, dass Chinesen Untermenschen sind.“
Nur der verbale Lapsus eines jungen Menschen? Auch der große Kirchenkritiker, Humanist und Vegetarier Karlheinz Deschner wird ebendort (S. 179) zitiert mit „Wer Tiere isst, steht unterm Tier.“

In Vergessenheit geraten ist heutzutage das ganz besondere Engagement der Nationalsozialisten in Sachen Tierschutz, dem die „Don’t Go Veggie!“-Autoren einigen Raum widmen. 

Im Buch erfahren die LeserInnen in geraffter Form auch viel Wissenswertes über unser Ernährungssystem, moderne Landwirtschaft und Tierhaltung. Dazwischen gibt es einiges Skurriles, wie die mit herrlich spitzer Feder verfasste Info zur Eröffnung des „Instituts für zoologische Theologie“ 2009 oder zur ehemaligen evangelischen Pastorin Christa Blanke. Diese gründete die Tierschutzorganisation Animals‘ Angels und hält Gottesdienste für und mit Tieren ab – wofür sie 2008 das Bundesverdienstkreuz erhielt.
Ausgespart blieb kaum etwas, nur das Schweigen der Autoren zur Problematik der Tiertransporte fällt auf.

 

Eine Minderheit von Tier- und ÖkoaktivistInnen hat sich in den letzten Jahren redlich bemüht FleischesserInnen ein schlechtes Gewissen aufzubrummen. Warum es aber ganz im Gegenteil sinnvoll ist, Fleisch zu essen und wie speziell Bio-VegetarierInnen davon profitieren erfahren die „Don’t Go Veggie!“-LeserInnen anhand vieler Beispiele. Wer trotzdem lieber bei Spinat, Spargel und Salat bleibt, braucht sich durch die Lektüre jedoch nicht beirren zu lassen. Dem Autoren-Trio geht es nicht um Bevormundung, sondern im Gegenteil um das Lernen Zusammenhänge zu verstehen, statt seichten ideologischen Phrasen auf den Leim zu gehen. Es geht ihnen um Gesundheit (sowohl der Tiere, als auch der Menschen), Umwelt und um Genuss. Doch eines muss die Veggie-Fraktion nun über Wohl oder Übel zur Kenntnis nehmen: Mit „Weltverbessern“ hat ihr Konsum- und Ernährungsverhalten wenig zu tun.

Rezensent: Thomas Divis, Mai 2015
 

Eine Leseprobe finden Sie hier.

www.hirzel.de

 

Websites von Udo Pollmer

Das EU.L.E.

Deutschlandradio Kultur: Mahlzeit!http://www.deutschlandradiokultur.de/mahlzeit.992.de.html

Facebook

 

Georg Keckl:

www.keckl.de

 

Klaus Alfs:

http://blog.klausalfs.de/

 

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